31.07.2011 · Lars von Trier distanziert sich von seinem Film„Dogville“, weil er den Attentäter von Oslo und Utøya zum Massenmord inspiriert haben könnte. Übertreibt er die Wirkung seines Werks da nicht etwas?
Von Verena LuekenAussagen von Künstlern zu ihrem eigenen Werk tragen in der Regel zu deren Verständnis wenig bei. Aussagen von Künstlern zur Wirklichkeit, in der ihre Werke vermeintlich eine Wirkung entfalten, die sie nie und nimmer im Sinn hatten, auch nicht. Nun hat sich Lars von Trier von seinem 2003 entstandenen Film „Dogville“ distanziert, weil ihn der Attentäter von Oslo und Utøya offenbar als seinen drittliebsten Film in einem Netzprofil genannt hatte. Wenn „Dogville“ tatsächlich „als Inspiration für den Massenmord“ gedient hätte, bedauerte er, ihn gedreht zu haben. Salinger hat meines Wissens nicht bedauert, den „Fänger im Roggen“ geschrieben zu haben, nur weil John Lennons Attentäter ihn las, bevor er losballerte.
Was ist los mit Lars von Trier? Ist er einfach erschüttert darüber, wie so viele andere der terroristischen Gesinnung Unverdächtige, von Breivik wahrgenommen und missverstanden worden zu sein? Ist er so unsicher, was er mit seinen Filmen eigentlich macht? Ist er größenwahnsinnig und gibt sich und seinem Film eine gleichsam welthistorische Bedeutung, wenn auch im Negativen? Oder sieht er sich, von dem Skandal in Cannes um seine clownesque Äußerung, er sei „ein Nazi“, in der öffentlichen Wahrnehmung heftig beschädigt, genötigt, Stellung zu beziehen, wo andere schweigen? Stellung zu seinem eigenen Werk, das einem Massenmörder gefällt, das von Trier nichtsdestotrotz für eines seiner besten hält?
„,Dogvilles’ Schlussszene erinnert in sehr unangenehmer Weise an Utøya.“ Das sagte von Trier allen Ernstes der Kopenhagener Zeitung „Politiken“. Er griff einer Agenturmeldung zufolge aber auch die rechtspopulistische DVP und deren Vorsitzende wegen ihrer ausländer- und islamfeindlichen Politik an: „Es geht eine direkte Linie von Pia Kjærsgaards Menschenbild nach Utøya. Man muss von ihr verlangen, dass sie nun öffentlich ihren Teil der Verantwortung für das übernimmt, was in Norwegen geschehen ist.“ Wieder so ein Satz, bei dem man wünschte, Künstler täten, was sie tun, und hielten ansonsten die Klappe. Parteisprecher Søren Espersen konterte mit dem Satz, es sei „interessant“, dass ein „erklärter Nazi“, der „ außerdem perverse Gewaltfilme gemacht“ habe, diese Vorwürfe erhebe. Was für Künstler und die Politik gilt, gilt für Politiker und die Kunst ebenfalls. Schweigen wäre Gold.
Distanzierung
Fritz Fromm (sunrise)
- 01.08.2011, 00:36 Uhr