12.02.2012 · Claude Lorrain im Frankfurter Städel-Museum: Wie einem Maler der größte Ruhm gelang, in seinen Bildern, aber nicht in seinem Namen gegenwärtig zu bleiben.
Von Julia VossWorin besteht eigentlich der Erfolg eines Malers? Von Picasso, der im zwanzigsten Jahrhundert zum Inbegriff des erfolgreichen Künstlers wurde, heißt es, er sei mit 28 Jahren wohlhabend, mit 38 Jahren reich und mit 65 Jahren Millionär gewesen. Picasso verdiente mit seiner Kunst mehr Geld, als er ausgeben konnte, und seinen Namen kennen sogar Menschen, die nicht wüssten, wie der Ministerpräsident ihres Landes heißt. Diese Art von Prominenz kann auch ein Fluch sein. Der Kunstkritiker John Berger bemerkte, dass von denen, die den Namen Picasso kennen, höchstens einer unter hundert imstande wäre zu sagen, ob ein bestimmtes Bild tatsächlich von Picasso stammt. Anders formuliert: Kaum jemand, der einen Citroën Xsara Picasso fährt, kennt „Les Demoiselles d’Avignon“, Picassos kunsthistorisch bedeutendstes Werk. Picasso ist berühmter als seine Bilder.
Bei Claude Lorrain, von dem das Frankfurter Städel-Museum nun hundertdreißig Werke zeigt, liegt der Fall genau andersherum. Alle kennen seine Bilder, obwohl viele den Namen Claude Lorrain noch nie gehört haben. „Kennen“ heißt nicht, dass man die Titel der Gemälde wüsste, wo sie hängen und wann sie gemalt wurden. „Kennen“ heißt, dass sie dem abendländischen Betrachter so vertraut erscheinen wie ein Schauspieler, der in zu vielen Filmen mitspielt, als dass man sich erinnern könnte, wann man ihn zum ersten Mal sah. Claude Lorrain gilt als Erfinder der Bildformel „Ideallandschaft“, eines idyllischen Ausblicks auf die Natur also, in der wahlweise die Sonne auf- oder untergeht, Schäfchen grasen und winzige Figuren eine Szene aus der Bibel oder der griechischen Mythologie nachstellen.
Und obwohl die wenigsten einen Palazzo von jener Art besitzen, für die der gelernte Pastetenbäcker Claude Lorrain seine Werke schuf, stellt sich gleich im ersten Raum das verblüffende Gefühl ein, man habe selbst schon in einem gemütlichen Sessel Stunden vor dieser „Küstenansicht“ verbracht, genau diesen Sonnenaufgang bestaunt und bewundert, wie schön eben diese blauen Berge mit dem Himmel verschmelzen. Wer nicht zufällig mit dem Duke of Buchleuch befreundet ist, dem das Gemälde gehört, irrt sich.
Woher kennt man also Claude Lorrain, genannt „Claude“? Für das Gefühl, durcheinanderzukommen, muss sich jedenfalls niemand schämen. Die Bilder waren in der Lage, selbst ihren Schöpfer auszutricksen. Claude war noch keine vierzig Jahre alt, als so viele Fälschungen im Handel kursierten, dass er sich selbst nicht mehr sicher sein konnte, welches Gemälde aus seiner Hand stammte. 1636 bereitete er dem Spuk der Doppelgänger ein Ende: Wie sein Biograph berichtet, legte er in diesem Jahr das „Liber Veritatis“ an, das Buch der Wahrheit also, in dem er eine gezeichnete Kopie jedes verkauften Gemäldes aufbewahrte. Blätter aus dem „Liber Veritatis“ sind auch in der Ausstellung zu sehen und sie zeigen, wie stark Claude ins Detail ging. Jede Locke, jeder geknickte Zweig ist in der Zeichnung vermerkt. Das „Liber Veritatis“ entwickelte eine Eigendynamik. Es diente nicht nur als Gedächtnisstütze, sondern auch als Formenschatz, aus dem sich der Künstler Motive wie Puzzleteile heraussuchte und immer wieder neu zusammensetzte.
Das ist eines der beiden Geheimnisse von Claudes Erfolg: Sein Talent bestand darin, das Originelle vertraut und das Neue selbstverständlich scheinen zu lassen. Vor ihm war die Landschaftsmalerei eine wenig anerkannte Gattung, die sich auf kleine Formate beschränkte, die in den Wohnzimmern von reichen Kaufleuten in Nordeuropa hingen. Landschaften waren hübsch anzusehen, aber niemals erhaben. Nach Claude hatte jeder vergessen, dass es einmal so war. Eine majestätische Stimmung verlieh Bäumen, Bergen oder Meeren die Erhabenheit von Gottheiten, ohne dass irgendjemand groß aufgefallen wäre, dass damit die Landschaftsmalerei auf ein völlig neues Niveau gehoben wurde.
Der geheimnisvolle Claude war das Gegenteil eines Picassos, der den Schock liebte. Und er war natürlich auch das Gegenteil seines Zeitgenossen Rembrandt, der für eine gute Überraschung dem Teufel seine Seele verkauft hätte und schließlich arm und verschuldet starb.
Claudes Leben lässt sich in vier Sätzen zusammenfassen: Um 1600 wurde er in Lothringen geboren, ging bei einem Pastetenbäcker in die Lehre und zog nach Rom, wo ihn der Landschaftsmaler Agostino Tassi anstellte. Bei diesem lernte er das Malereihandwerk, machte sich selbständig und wurde zum Liebling von Papst und Fürsten. Er lebte bescheiden, heiratete nie und lehnte das Angebot ab, Rektor der Accademia di San Luca zu werden. Über seine sozialen Aktivitäten ist nicht viel mehr bekannt, als dass er sich gelegentlich auf ein Glas Wein mit Nicolas Poussin traf.
Das zweite Geheimnis seines Erfolgs macht es eigentlich unmöglich, Claude auszustellen. Seine Gemälde sitzen uns nämlich bereits wie eine Brille auf der Nase, die sich nicht mehr abnehmen lässt. „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten“, schrieb Heinrich von Kleist, „so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün.“ Das stimmt. Und wenn alle Menschen statt der Augen Claude-Gläser hätten, so müssten sie urteilen, die Welt sähe aus wie ein Gemälde von Claude. Das scheint an den Haaren herbeigezogen, aber genau das passierte nach dem Tod des Künstlers. Im achtzehnten Jahrhundert gab es tatsächlich das sogenannte Claude-Glas, einen dunkel getönten Spiegel, den man auf Ausflüge mitnahm, um darin die Landschaften wie auf einem Bild des Künstlers zu sehen.
Jeder Landschaftsmaler des neunzehnten Jahrhunderts maß sich an dem großen Vorbild, jeder Landschaftsfotograf versuchte einen Ausschnitt zu erhaschen, der einem Claude-Gemälde gleichkam. Die Gärtner legten schließlich Gärten in Claudes Manier an - das berühmteste Beispiel ist der Englische Garten in München. Die Malerei wurde gefeiert, kopiert, als Park nachgebaut und über Reiseprospekte bis in den letzten Winkel der Populärkultur getragen. Wenn Claude die Wirklichkeit in seinen Gemälden verwandelte, bestand der Ehrgeiz seiner Nachfolger darin, die Wirklichkeit in ein Gemälde von Claude zu verwandeln. Dieser Sehschule konnte kaum einer entkommen.
In Frankfurt trifft man aber auch einen anderen Claude: Der Kurator Martin Sonnabend stellt dem Maler den Radierer und Zeichner zur Seite. Erstmals ausgestellt wird eine Folge von zwölf Radierungen, die den Ablauf eines Feuerwerks darstellt, das im Februar 1637 auf der Piazza di Spagna in Rom abgebrannt wurde. Die Pracht muss überwältigend gewesen sein: Festtürme explodierten, Wein sprudelte aus Brunnen, Statuen erhoben sich aus zischenden Flammen und Nebelwolken, Reiterstandbilder rollten wie von Geisterhand getrieben vorwärts. Dass Claude, den Maler des Lichts, solche Festlichkeiten faszinierten, leuchtet sofort ein. Nur: Dieses Mal scheiterte er. Von Bild zu Bild lässt sich verfolgen, wie er korrigierte, besserte, Änderungen auf der Druckplatte einfügte. Und trotzdem stecken die Flammen steif wie Ästchen im Mauerwerk oder sprudeln wie Wasser in einem Springbrunnen. Es sind merkwürdige, verrückte Bilder, die sich genau deshalb einprägen, weil sie Claude misslangen. Feuer stellt man sich anders vor.
Angesichts des Scheiterns zeigt sich seine Meisterschaft umso deutlicher. Denn die idealen Landschaften werden wir uns weiter genau so vorstellen, wie sie Claude erfand. Durchschlagender kann Erfolg nicht sein.
Herzlichen Dank
Prof Georgy Koentges (GeorgyKoentges)
- 14.02.2012, 19:51 Uhr