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Bier in Bayern : Das fünfte Element

Fast wie kommunistische Propaganda: „Flaschenbier in jedes Haus!“, ein Plakat der Pschorr-Brauerei aus dem Jahr 1928. Bild: Katalog

Mehr als ein flüssiges Nahrungsmittel: Die bayerische Landesausstellung widmet sich der Liebesbeziehung zwischen dem Freistaat und seinem Lieblingsgetränk. Und korrigiert manche Irrtümer.

          Arg weit ist es nicht mehr her mit der Bierseligkeit der Bayern. Früher wurde nicht nur gern zu vorgerückter Stunde das Lied „Ich möcht gern an’ Biersee, so groß wie der Schliersee“ angestimmt, man ließ dem Gassenhauer auch Taten folgen und trank 225 Liter Bier pro Kopf und Jahr – jedenfalls anno 1980 war das so. Alte Bundesrepublik, Helmut Schmidt regierte in Bonn, Franz Josef Strauß in München.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Das waren nicht ganz so viele Maß, wie um die vorletzte Jahrhundertwende getrunken wurden, da waren es einsame 246 Liter, damals das Doppelte des deutschen Durchschnitts. Heute ist der bayerische Verbrauch auf 145 Liter gesunken, der Restdeutsche kommt auf durchschnittlich hundertsieben Liter. Die Bierfront bröselt also, aber die Imagefront hält. Wer zählt die Oktoberfeste, die sich rund um den Erdball etabliert haben? Bier als Synonym für Bayern ist ein Exportschlager auf der ganzen Welt, und manchmal wird Deutschland deswegen sogar mit Bayern verwechselt, dazu später mehr.

          Hart umkämpfter Austragungsort

          Beinahe pünktlich zum Reinheitsgebotsjubiläum (F.A.Z. vom 23. April) hat sich das Haus der Bayerischen Geschichte die naheliegene Idee nicht nehmen lassen, dem Thema „Bier in Bayern“ nachzugehen, und ist mit der Landesausstellung in den Klosterwinkel im Passauer Land gewandert, in das Städtchen Aldersbach, dessen Brauerei einen Namen hat. So eine Schau zielt aufs breite Publikum, sie soll während ihrer fünfmonatigen Laufzeit zwei- bis dreihunderttausend Besucher anlocken und ist immer ein Konjunkturprogramm. Fünf Millionen Euro wurden vor der Eröffnung investiert: Frisch saniert stehen barrierefreie 1500 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung.

          In der ehemaligen Zisterzienser-Abtei werden drei Prunksäle sowie ehemalige Wohnräume der Äbte miteinbezogen, die Brauerei hat Mälzerei und Malzlager wieder zugänglich gemacht. Die von den Gebrüdern Asam erbaute Klosterkirche strahlt in neuem Glanz – ein doppelter Glücksfall für die Ausstellungsmacher. Die hatten freilich die Auswahl: Dreizehn Gemeinden bewarben sich um die Austragung. Fast wie bei der Fifa.

          Offene Fragen

          In acht Schritten nähert sich die von Rainhard Riepertinger kuratierte Schau dem Bier, beginnt aber mit der Belehrung, Bayern sei bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein ein Weinbauland gewesen; danach spielte das Klima nicht mehr mit, das Brauwesen übernahm. Dieses war seit Jahrhunderten erprobt und durch kommunale Satzungen reglementiert. So war Bier auch schon vor der heute nur noch in sechs Exemplaren überlieferten Bayerischen Landesordnung des Jahres 1516 ein „sauberes Getränk“. Dass das darin festgeschriebene Reinheitsgebot eine so große Durchschlagskraft entwickelte, verdankte sich seinem Geltungsbereich in ganz Bayern. Unterzeichnet haben es die herzoglichen Brüder Wilhelm IV. und Ludwig X. Doppelt hielt besser.

          Zunächst aber passiert man eine ganze Wand aus Keferlohern vulgo Maßkrügen, die den einstigen Reichtum des Brauwesens eindrucksvoll dokumentieren. Der heute unter diesem Namen gängige Krug aus Steinzeug war ursprünglich nur im oberen Drittel glasiert. Ob die Zinndeckel der Zierde dienten oder als Statussymbol, als Kühlmittel oder zur Fliegenabwehr, ist in der Forschung noch umstritten.

          Von der „Sau“ und dem „Hirschen“

          Eine Abteilung konzentriert sich auf die Herstellung, und das funktioniert deswegen so gut, weil die Aldersbacher ihre Brauerei 1970 einfach um die Ecke neu aufgebaut haben und die alten Gebäude und Geräte stehen ließen. So konnte jetzt in der Darre des alten Sudhauses, die für die Malztrocknung verwendet wurde, ein automatischer Wenderechen wieder in Betrieb genommen werden, der nach bald fünf Jahrzehnten Pause wieder seinen Dienst versieht – Relikt eines Maschinenzeitalters, dessen Robustheit die Kinder des Digitalzeitalters beeindrucken wird.

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