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„land art“ : Tanz durch den Vulkan

  • -Aktualisiert am

FLAGSTAFF, im AprilVierzig Meilen nordöstlich des Städtchens Flagstaff in Arizona zweigt vom Highway eine Schotterpiste ab. Man kann die Weggabelung zwischen Gestrüpp und mickrigen Büschen leicht übersehen.

          Vierzig Meilen nordöstlich des Städtchens Flagstaff in Arizona zweigt vom Highway eine Schotterpiste ab. Man kann die Weggabelung zwischen Gestrüpp und mickrigen Büschen leicht übersehen. Kein Schild weist darauf hin, kein Pfeil zeigt nach links in die Wüste. Nur eine Reihe verbeulter Briefkästen markiert die Abfahrt. Sie könnte zu einer Farm führen oder sich irgendwo verlieren. Nichts verrät dem Ahnungslosen, wo die staubige Straße endet. Und nirgends findet sich ein Hinweis auf das gewaltige Kunstwerk, dem man sich nähert: Roden Crater, dem monumentalen "land art"-Projekt, an dem der amerikanische Künstler James Turrell seit über dreißig Jahren arbeitet. Es steht vor aller Augen und ist doch beinahe unsichtbar.

          Der trapezförmige Kegelstumpf eines lang erloschenen Vulkans ragt aus einem Lavafeld empor wie eine prähistorische Plastik. Der Boden schimmert in matten Kupfertönen und Rostrot. Strohblonde Grasbüschel krallen sich in die Erde, der Wind treibt Staub vor sich her, wie seit Jahrtausenden. Für den flüchtigen Betrachter gleicht Roden Crater all den anderen Vulkanbuckeln der Gegend. In seinem Inneren aber geschehen kolossale Dinge. Seit 1974, seit Turrell den Krater und vierhundert Quadratkilometer Weideland ringsum gekauft hat, schmiedet er Pläne, die ausgeglühte geologische Formation in ein enormes astronomisches Instrument zu verwandeln, in ein Mondobservatorium, ein Sternentor. Beraten von einem pensionierten Astronomen und dem New Yorker Architekturbüro SOM, hat der Künstler ein System von Tunneln, Katakomben und unterirdischen Sälen entworfen, die sich allesamt, wenn sie denn je fertiggestellt werden, zum Himmel öffnen sollen.

          Schule des Sehens

          Roden Crater ist, wie alle Installationen von James Turrell, eine Schule des Sehens. Die Schächte, Hallen und Löcher im porösen Berg dienen, jedenfalls in der Selbstinterpretation des Künstlers, zu nichts anderem als dazu, dem Besucher das Licht des Himmels, der Sonne, des Mondes und der Sterne in wechselnder Intensität, in ständig changierenden Farben und Helligkeitswerten vor Augen zu führen. Wie Turrells frühe abgedunkelte Kammern, in denen sich erst nach langen Minuten des Schauens ein schwereloser Schimmer entdecken ließ, soll auch der Krater das Licht an sich erfahrbar machen, in reiner Form, frei von aller Materie. Nie zuvor jedoch hat der sechzigjährige Wahrnehmungsartist seine Erlebniszellen derart ins Riesenhafte vergrößert. Roden Crater ist die Mutter aller Lichträume, Kunst im grandiosen Maßstab des amerikanischen Westens, Finale und Höhepunkt eines Lebenswerkes.

          Lange freilich schien es, als werde das Projekt über die Pläne nicht hinauskommen, als blieben von der Kühnheit nur ein paar Skizzen. Immer wieder mußte der Fertigstellungstermin verschoben werden. Erst jetzt, dank einer Millionenspende der privaten Lannan-Foundation, hat Turrell die ersten Stollen vollenden können. Dem Publikum werden sie wohl noch bis 2006 verschlossen bleiben. Wer aber schon heute Gelegenheit hat, Roden Crater zu besuchen, findet sich hier, am Rande der Welt, in einem der erstaunlichsten Kunstwerke der Gegenwart wieder.

          Ein sorgsam kalkuliertes Lichterlebnis

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