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„land art“ Tanz durch den Vulkan

13.04.2004 ·  FLAGSTAFF, im AprilVierzig Meilen nordöstlich des Städtchens Flagstaff in Arizona zweigt vom Highway eine Schotterpiste ab. Man kann die Weggabelung zwischen Gestrüpp und mickrigen Büschen leicht übersehen.

Von Heinrich Wefing
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Vierzig Meilen nordöstlich des Städtchens Flagstaff in Arizona zweigt vom Highway eine Schotterpiste ab. Man kann die Weggabelung zwischen Gestrüpp und mickrigen Büschen leicht übersehen. Kein Schild weist darauf hin, kein Pfeil zeigt nach links in die Wüste. Nur eine Reihe verbeulter Briefkästen markiert die Abfahrt. Sie könnte zu einer Farm führen oder sich irgendwo verlieren. Nichts verrät dem Ahnungslosen, wo die staubige Straße endet. Und nirgends findet sich ein Hinweis auf das gewaltige Kunstwerk, dem man sich nähert: Roden Crater, dem monumentalen "land art"-Projekt, an dem der amerikanische Künstler James Turrell seit über dreißig Jahren arbeitet. Es steht vor aller Augen und ist doch beinahe unsichtbar.

Der trapezförmige Kegelstumpf eines lang erloschenen Vulkans ragt aus einem Lavafeld empor wie eine prähistorische Plastik. Der Boden schimmert in matten Kupfertönen und Rostrot. Strohblonde Grasbüschel krallen sich in die Erde, der Wind treibt Staub vor sich her, wie seit Jahrtausenden. Für den flüchtigen Betrachter gleicht Roden Crater all den anderen Vulkanbuckeln der Gegend. In seinem Inneren aber geschehen kolossale Dinge. Seit 1974, seit Turrell den Krater und vierhundert Quadratkilometer Weideland ringsum gekauft hat, schmiedet er Pläne, die ausgeglühte geologische Formation in ein enormes astronomisches Instrument zu verwandeln, in ein Mondobservatorium, ein Sternentor. Beraten von einem pensionierten Astronomen und dem New Yorker Architekturbüro SOM, hat der Künstler ein System von Tunneln, Katakomben und unterirdischen Sälen entworfen, die sich allesamt, wenn sie denn je fertiggestellt werden, zum Himmel öffnen sollen.

Schule des Sehens

Roden Crater ist, wie alle Installationen von James Turrell, eine Schule des Sehens. Die Schächte, Hallen und Löcher im porösen Berg dienen, jedenfalls in der Selbstinterpretation des Künstlers, zu nichts anderem als dazu, dem Besucher das Licht des Himmels, der Sonne, des Mondes und der Sterne in wechselnder Intensität, in ständig changierenden Farben und Helligkeitswerten vor Augen zu führen. Wie Turrells frühe abgedunkelte Kammern, in denen sich erst nach langen Minuten des Schauens ein schwereloser Schimmer entdecken ließ, soll auch der Krater das Licht an sich erfahrbar machen, in reiner Form, frei von aller Materie. Nie zuvor jedoch hat der sechzigjährige Wahrnehmungsartist seine Erlebniszellen derart ins Riesenhafte vergrößert. Roden Crater ist die Mutter aller Lichträume, Kunst im grandiosen Maßstab des amerikanischen Westens, Finale und Höhepunkt eines Lebenswerkes.

Lange freilich schien es, als werde das Projekt über die Pläne nicht hinauskommen, als blieben von der Kühnheit nur ein paar Skizzen. Immer wieder mußte der Fertigstellungstermin verschoben werden. Erst jetzt, dank einer Millionenspende der privaten Lannan-Foundation, hat Turrell die ersten Stollen vollenden können. Dem Publikum werden sie wohl noch bis 2006 verschlossen bleiben. Wer aber schon heute Gelegenheit hat, Roden Crater zu besuchen, findet sich hier, am Rande der Welt, in einem der erstaunlichsten Kunstwerke der Gegenwart wieder.

Ein sorgsam kalkuliertes Lichterlebnis

Nichts davon zeigt sich außen. Man sieht dem Berg nicht an, was in ihm steckt. Die Rinderzüchter, die ringsum ihr karges Auskommen suchen, scheren sich nicht um den toten Vulkan, und die Navajo-Indianer im nahe gelegenen Reservat schütteln nur den Kopf über den Aufwand, mit dem Turrell an den Flanken des Berges kratzt. Man muß Roden Crater erklimmen, muß buchstäblich in ihn eindringen und durch ihn hindurchsteigen, ehe sich sein Reiz enthüllt. Der Weg beginnt an einer kleinen Lodge, die Turrell auf halber Höhe am Südhang des Vulkans gebaut hat. Die Besucher können dort eine Suppe essen, privilegierte Gäste, potentielle Sponsoren zumal, dürfen sogar die Nacht in dem Haus verbringen. Von dort steigt man weiter hinauf, zu einem Tor aus nacktem Beton. Dahinter liegt ein kreisrunder Raum, die "Sun and Moon-Chamber", mit einer winzigen Öffnung in der Decke, durch die ein Lichtstrahl wie ein leuchtender Finger einfällt und im Laufe des Tages über die Wand kriecht. In diesem kapellenartigen Foyer beginnt der Aufstieg zum Gipfel - und ein sorgsam kalkuliertes Lichterlebnis.

Vom "Sonne-Mond-Raum" aus führt eine kreisrunde, tiefschwarze Tunnelröhre gut dreihundertfünfzig Meter schnurgerade in den Berg hinein. Wer sie betritt, fühlt sich wie im Innern einer Pyramide. Gut dreißig Meter hoch türmen sich Lavaschutt und Geröll über dem kühlen Stollen, dem "Alpha Tunnel". Man hört seine eigenen Schritte über den Boden hallen, hört das Echo des Berges. Anders als die Grabräuber von Gizeh aber ist der Gast in Roden Crater nicht auf der Suche nach einer Schatzkammer, im Gegenteil, er steigt nach oben, dem Himmel zu, dem Licht entgegen, das vom Ende des Tunnels her leuchtet, zuerst nur als ein ferner, heller Punkt, dann immer gleißender und verlockender.

Panoramafenster in die Lüfte

Kurz bevor man schließlich aus der Düsternis tritt, senkt sich der Boden des sachte ansteigenden Stollens in die Waagerechte. Aus dem Rund der Röhre wird so ein Tor mit den Umrissen eines riesigen Schlüsselloches. Wer es durchschreitet, findet sich in einem hellen Raum über elliptischem Grundriß, dem "East Portal", in dessen Decke sich ein enormes Oval öffnet. Es ist ein Panoramafenster in die Lüfte, durch das man stundenlang schauen kann. Man kann, eingehüllt in die tiefe Stille des Berges, die tausenderlei Variationen des Himmelblaus betrachten, die vorbeisegelnden Wolken verfolgen oder den Lichtkegel der Sonne beobachten, der durch den Raum wandert, ihn füllt und entgrenzt, ganz so, wie Musik einen Raum füllen und zugleich transzendieren kann.

Roden Crater lädt aber nicht nur zur Versenkung in das Licht und zur Selbsterfahrung des Schauenden ein. Ständig reizt Turrell die Neugier des Besuchers, lockt ihn immer tiefer in den Vulkan hinein. Zwei Wege führen fort aus dem "East Portal": eine spektakuläre Treppe aus Bronze, die mit ihrem Pathos jedem Hollywood-Film zur Ehre gereichen würde; und ein weiterer Tunnelabschnitt, durch den man hinüber in das räumliche Zentrum der Anlage gelangt, in eine unterirdische Rundhalle namens "Crater's Eye", die exakt unter dem tiefsten Punkt des Vulkantrichters liegt. Auch ihre Decke ist offen, und wer aus dem Dunkel der Stollen in das gleißende Sonnenlicht des Kraterauges tritt, prallt mitunter zurück, von der Helligkeit getroffen wie von einer Blendgranate.

Passagenerlebnis der Bergdurchquerung

Rings um "Crater's Eye" legt sich eine Rampe, die im weiten Bogen hinaus ins Freie führt, aus dem Dunkel des Berginneren ins Helle, aus dem Kunstraum in die flache Schüssel des Vulkankraters. Hier, zweihundert Meter über der Wüste, an der Schnittstelle zwischen Turrells unterirdischer Architektur und dem Naturraum, greift eins ins andere, erreicht das Passagenerlebnis der Bergdurchquerung seinen präzise berechneten Höhepunkt. Wer es bis hierher geschafft hat, legt sich nun nieder auf einen der vier wuchtigen Sandsteinblöcke, die wie Betten für die ewige Ruhe das Auge des Kraters umstehen, und starrt nach oben, erwartungsvoll, still, abgelenkt nur vom Klopfen des eigenen Herzens. Ohne den Kopf bewegen zu müssen, ja, selbst ohne die Augen zu verdrehen, läßt sich an der äußersten Grenze des Blickfeldes das nahezu perfekte Rund des Kraterrandes wahrnehmen. Und über diesen Kreis spannt sich wie ein durchsichtiger Dom das gewölbte Blau des Himmels: eine Kuppel aus Licht.

Man hat James Turrell einen "nüchternen Spiritualisten" genannt. Aber hier, genau über der Stelle, wo die Erde sich einst selbst ausgespieen hat, am Ende der Wanderung durch den Vulkan, wenn die Sinne himmelwärts davondriften, verfliegt alle Nüchternheit. Hinter der Präzision der Ingenieurkunst und dem Gigantischen der Erdarbeiten an Roden Crater tritt etwas Religiöses hervor, ein Zug ins Kultische. Es ist beinahe unmöglich, Turrells gewaltiges Projekt zu erleben, ohne an Mayatempel, Pharaonengräber, Sonnenriten oder heilige Berge zu denken. Zumal im letzten Licht des Tages, wenn sich der Himmel von einem satten Yves-Klein-Blau zu Schwarz verdunkelt, gehört nicht viel Phantasie dazu, sich Priesterinnen in weißen Gewändern vorzustellen, die in langen Prozessionen wiegenden Schrittes die Katakomben emporsteigen, im Schein von Fackeln liturgische Formeln murmelnd: ein Heiligtum des Lichts, ein Mondtempel.

Tendenz zum Mystischen

Dies unbestimmt Sakrale, die seltsam beliebige, gewissermaßen postreligiöse Spiritualität, die das Projekt evoziert, aber nicht explizit benennt, ist vielleicht das eigentliche Problem des Vorhabens, das konzeptionelle Fragezeichen des gewaltigen Unterfangens. Gern verweist Turrell auf die gotischen Kathedralen Europas, auf die Zeremonialstätten untergegangener Kulturen, die fast ausnahmslos Licht als "spirituelles Element" eingesetzt hätten. Turrell aber hat das Licht aus diesen überlieferten Bedeutungszusammenhängen herausgelöst und es statt dessen zur Substanz eines eigentümlichen Kultes gemacht, der Triviales und Tradiertes, Abendländisches und Außereuropäisches, Sternenwarte und Höhlenzauber munter vermischt, aber nicht mehr über sich selbst hinausweist. Was James Turrell in Roden Crater im Maßstab vorzeitlicher Heiligtümer tut, dient keinem höheren Zweck, es feiert keine Gottheit, sondern nur sich selbst, die Zivilreligion der Kunst und deren Propheten, den Künstler. "Ich mache diese Arbeiten vor allem für eine Person", hat Turrell einmal zu Protokoll gegeben, "und das bin ich."

Und trotz dieser Selbstüberhöhung verläßt man Roden Crater doch tief bewegt. Es ist, bezeichnenderweise, das atemraubende Naturerlebnis selbst, das die Tendenz zum Mystischen auffängt und gnädig austariert. Der Blick hinaus in die Wüste relativiert alles Menschenstreben, auch das titanische Berg-Werk von James Turrell. Das weite Land ringsum ist Indianer-Land: monumental, menschenleer, majestätisch. Die Ebene erstreckt sich buchstäblich bis an den Horizont. Im Westen kann man die schneebedeckten Gipfel der San Francisco Peaks erkennen, die höchsten Berge Arizonas, im Osten blickt man an klaren Tagen fast zweihundert Kilometer weit bis zu den rotglühenden Felswänden des Navajo Mountain in Utah. Absolute Ruhe liegt über dem Panorama. Es ist so still, als halte angesichts dieser Aussicht selbst die Erde den Atem an. Nichts vermag diese Stille zu stören, alles wird in ihr aufgehoben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2004, Nr. 87 / Seite 33
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