http://www.faz.net/-gqz-75t8n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.01.2013, 22:55 Uhr

Lance Armstrong Der Unmenschliche

Lance Armstrong war der größte Radsportler aller Zeiten - und der größte Betrüger. Nach Jahren des Leugnens hat er nun in einer Talk-Sendung Doping gestanden. Über ein Leben, das so nur im Inneren einer moralischen Blase führbar war.

von
© AFP Lance Armstrong: Siebenfach aberkannter Gewinner der Tour de France und anerkannter Betrüger durch Doping

Dass alles ein großer Betrug ist, das hat man schon vor dem Interview von Lance Armstrong mit der amerikanischen Talk Lady Oprah Winfrey gewusst. Es gab positive Doping-Kontrollen, es gab Zeugenaussagen, stichhaltige Indizien. Wer hinschaute, zuhörte, konnte nicht zweifeln.

Anno Hecker Folgen:

Lance Armstrong, Ikone des Radrennsports, ist längst als der größte Doping-Betrüger des Spitzensports entlarvt, lebenslang gesperrt. Der Mann, der über Jahre an der Nadel hing. Der sich eben noch eine Injektion kaltes, eigenes, getuntes Blut verpassen ließ und kurz darauf eiskalt log: Ich und gedopt? Niemals. Fast 13 Jahre hat der Texaner dieses Spiel durchgehalten. Die ewigen Nachfragen, die zunehmenden Verdächtigungen, die Vorwürfe ehemaliger Teamkollegen, die als Augenzeugen aussagten; selbst wissenschaftliche Belege für eine Manipulation während des ersten Tour-Sieges 1999 brachten ihn nicht aus dem Tritt. Armstrong hielt stand, hielt Kurs. „100 Prozent nein“, antwortete er auf Fragen nach der Einnahme von Doping-Mitteln, „100 Prozent.“

Wie hält man das aus, ohne daran zu zerbrechen?

War das nicht anstrengender, als sich die höllischen Anstiege zu den Alpenpässen hinaufzuquälen, siebenmal die Tour de France zu gewinnen, alle in Grund und Boden zu stampfen? Täuschen, tricksen, manipulieren, lügen, draußen tagein, tagaus den Saubermann spielen und drinnen Chef eines entwürdigenden, schmutzigen Systems zu sein: Wie hält man das aus über die Jahre, ohne daran zu zerbrechen?

Wenn Lance Armstrong auftrat, wich die Menge vor ihm wie einst das Meer vor Moses. Vor einem hageren Mann mittlerer Größe. Muskeln hätte man erwartet angesichts seiner wuchtigen Tritte in die Pedale. 470 Watt konnte Armstrong über eine Stunde leisten, genug, um ein Wohnzimmer auszuleuchten. Radsportexperten schrieben Elogen über die Kunst des Amerikaners, im Zeitfahren davonzurauschen, die Berge hinaufzufliegen, alle stehenzulassen. Nichts von dieser Energie ist auf den ersten Blick zu sehen. Armstrong hat schlanke Beine, wiegt 71 Kilogramm, bei einer Länge von 1,77 Metern. Da steht ein Leptosom. Seine Kraft ist unsichtbar. Sie kommt aus dem Kopf. Er hat sie entwickelt über die Jahrzehnte im Sattel.

Mehr zum Thema

Wenn andere die Füße hochlegten, wenn der deutsche Rivale Jan Ullrich, wie Armstrong einst in der Fachzeitung „Tour“ ätzte, wegen einer Erkältung auf der Rolle in der Garage fuhr, ließ er die Kurbel bei Schnee und Eis in New York kreisen, mit einer hohen Frequenz. 40 000 Kilometer im Jahr, bei Wind und Wetter. Echte Maloche auf einem harten Kohlefaserrahmen. Stampfen, keuchen, Schmerzen ertragen, an die Grenze gehen, immer und immer wieder. Kaum eine Sportart verlangt eine so extreme Bereitschaft, sich weh zu tun. Leistungssport ist oft auch die Wiederholung von Schmerz. Aber Armstrongs Leidensfähigkeit allein erklärt seine Erfolge eben nicht.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Radrennen am 1. Mai Degenkolb kündigt sein Comeback an

Drei Monate nach seinem schweren Trainingsunfall gibt Radprofi John Degenkolb beim Rennen am 1. Mai in Frankfurt sein Comeback. An einen einen möglichen Sieg glaubt er indes noch nicht. Mehr

25.04.2016, 16:53 Uhr | Sport
Annäherung Erste Air-France-Maschine seit 2008 landet in Teheran

Erstmals seit 2008 ist wieder eine Air-France-Maschine in der iranischen Hauptstadt Teheran gelandet. Nach der Beilegung des jahrelangen Atomstreits hatten sich der Iran und der Westen zuletzt wieder angenähert. Mehr

18.04.2016, 17:30 Uhr | Politik
Sebastian Vettels Ferrari Die rote Gefahr

Mit Ferrari wollte Sebastian Vettel den Angriff auf Mercedes starten. Doch die Technik seines SF16-H setzt bisher nur ihm zu. Mehr Von Christoph Becker, Sotschi

30.04.2016, 10:35 Uhr | Sport
Amerika Tauchmediziner behandeln Meeresschildkröte in Dekompressionskammer

Wegen Luftbläschen in seinem Körper kann Meeresschildkröte Tucker nicht mehr tauchen. Da die Erkrankung des Tieres der bei Menschen auftretenden Taucherkrankheit ähnelt, stellte ein Krankenhaus seine hauseigenen Dekompressionskammer zur Verfügung. Mehr

01.04.2016, 18:04 Uhr | Gesellschaft
Formel 1 in Schanghai Du bist wie ein Torpedo angekommen

Nach dem dritten Sieg in der Formel-1-Saison 2016 schwärmt Rosberg von seinem Auto. Vettel wird Zweiter. Dennoch ist er verärgert – wegen einer Kollision mit Ferrari-Kollege Räikkönen. Mehr Von Anno Hecker

17.04.2016, 11:55 Uhr | Sport
Glosse

Haben Sie auch schon einen Anteilsschein?

Von Michael Hanfeld

Nach der Geburt seiner Tochter schien es, als gebe Mark Zuckerberg seine Facebook-Anteile ab. Doch jetzt wird klar, dass er es nicht so meint. Dieser Konzernchef hat besondere Vorstellungen von Selbstlosigkeit. Mehr 9 48

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“