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Veröffentlicht: 22.04.2016, 17:00 Uhr

Nationalsozialistischer Terror Und denkt daran, was sie litten

Kann man noch etwas Neues über die Konzentrationslager erfahren? Der Historiker Nikolaus Wachsmann hat tausend Seiten darüber geschrieben, extrem gefiltert und doch erdrückend – eine Erzählung, die wohl nicht mehr übertroffen wird.

von , Liverpool
© dpa Im Terror unübertroffen: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager, hier eine Aufnahme der Gedenkstätte Neuengamme (2010).

Wie hält ein Forscher es aus, zehn Jahre an ein Buch zu verwenden, das einem Abstieg in die Hölle gleichkommt? Die erste Frage, vorher zurechtgelegt. Dann sitzen wir Nikolaus Wachsmann in seinem Haus nördlich von Liverpool gegenüber, wo der Historiker wohnt, wenn er nicht gerade am Birkbeck College der University of London unterrichtet, und die Frage schrumpft, wird unbedeutend vor dem viel wichtigeren Problem: Wie lässt sich überhaupt eine realistische Gesamtschau der nationalsozialistischen Lager- und Vernichtungspolitik malen, ohne in die Monotonie ausufernder Gewaltschilderung zu verfallen?

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Dennoch, die erste Frage will gestellt sein. Und hier, nur hier, wählt Wachsmann eine Ausflucht. Er erzählt lächelnd von dem Satz, den Ian Kershaw vorbrachte, als man ihn fragte, wie er die zweitausend Seiten seiner Hitler-Biographie durchgehalten habe: „Um den Schlaf bringt es mich nur, wenn Manchester United verliert.“ Keine schlechte Art, vom Persönlichen abzulenken. Dann wird Wachsmann ernst. Um sein eigenes „Gefühl“ gehe es zuallerletzt, sagt er. Man müsse sich nur vor Augen führen, was die Opfer zu erleiden hatten. Er habe wirklich nur ein Buch darüber geschrieben.

Terror, Mord und Sklaverei

Aber was für eins. Nikolaus Wachsmann, geboren 1971 in München, hat getan, was noch niemand vor ihm unternommen hat: das Phänomen der NS-Konzentrationslager als System zu erforschen und daraus eine zusammenhängende Geschichte zu weben, tausend Seiten stark: über die zwölf Jahre ihrer Existenz hinweg, in Planung, Funktionsweise, wirtschaftlichem Kalkül, Entwicklungsverlauf und allen Facetten des Unterdrückungs- und Tötungsprogramms. Aus der Sicht der Opfer, der Täter und der Zuschauer. 

Von Dachau, dem ersten Lager überhaupt, in das nach Hitlers Wahlsieg zu Tausenden Kommunisten und ideologische Gegner geschleppt wurden, über die improvisierten Folterkeller in Gefängnissen und Arbeitshäusern und die Festigung des Terrornetzwerks bis zur industriell betriebenen Vernichtung und zum Ende im Frühjahr 1945, als die Machthaber angesichts eines erkennbar verlorenen Krieges und einer sich auflösenden Kommandostruktur viele tausend kranke, ausgehungerte Gefangene auf Todesmärsche kreuz und quer durch das Reichsgebiet schickten. „KL: Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ heißt Wachsmanns Buch, das am kommenden Montag bei Siedler erscheint, und natürlich ist es eine Chronik von Terror, Deportation, Sklavenarbeit, allen erdenklichen Arten von Grausamkeiten und vielfachem Mord.

Alles gesagt?

Bei deutschen Lesern könnte der Titel des Buches Befremden auslösen. Die gängige Abkürzung für Konzentrationslager lautet KZ. In der nationalsozialistischen Amtssprache hingegen hießen die Lager immer KL, das Kürzel, das auch Eugen Kogon in seinem 1946 erschienenen Bestseller „Der SS-Staat“ verwendet. Wie es zum allmählichen Verschwinden der einen Abkürzung zugunsten der anderen kam, wäre eine eigene Forschungsarbeit; der härtere Klang von „KZ“, in dem die moralische Ächtung mitzusprechen scheint, könnte dafür verantwortlich gewesen sein.

In England und Amerika, wo das Buch euphorisch rezensiert wurde, ist das Kürzel sofort aufgegriffen worden. „Ich will keineswegs sagen“, erklärt Wachsmann, „wir müssten zu ‚KL‘ zurückkehren, aber eine untergründige Botschaft enthält mein Buchtitel doch. Er sagt den Lesern, dass sie noch längst nicht alles über das Thema wissen. In den siebziger Jahren hat jemand geschrieben, es gebe über die Konzentrationslager nichts Neues mehr zu entdecken. Aus heutiger Sicht ist das eine abwegige Vorstellung.“

Die Entwicklung war nicht in Stein gemeißelt

Wachsmann erzählt auch andere, unerwartete Geschichten. Vom (seltenen) Davonkommen, von gelegentlicher Solidarität, vom persönlichen Widerstand bis zur Rebellion, die furchtbar geahndet wurde, und vom immer wieder zu beobachtenden Drang der Opfer, das Erlittene auf winzigen Schnipseln oder Zigarettenpapier zu dokumentieren, auch wenn sie sich dadurch in noch größere Lebensgefahr begaben, als ihnen ohnehin schon täglich vor Augen stand. „Das war eigentlich meine größte Überraschung“, sagt Wachsmann. „Wie diese Menschen den Mut gefunden haben, von dem, was sie sahen, zu berichten.“

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Immer wieder mahnen die hier versammelten Zeugnisse dazu, auf dem Weg zur Shoah Unterscheidungen vorzunehmen und Geschichte nicht von ihrem Ende her zu denken. „Wer kann sich denn Nazideutschland ohne Konzentrationslager vorstellen?“, fragt Wachsmann. Wir führen das Gespräch auf Englisch, der Sprache, in der sein Buch geschrieben ist, der Sprache seiner akademischen Karriere seit mehr als zwanzig Jahren. „Doch diese Entwicklung war nicht in Stein gemeißelt, und es ist wichtig, das im Kopf zu behalten. Im Jahr 1935 saßen weniger als 4.000 Männer in Konzentrationslagern, mehr als 100.000 dagegen im Gefängnis.“

1938: Aus 8000 wurden 50.000

Es waren nicht nur Himmlers Ehrgeiz und Wille zur Machtexpansion, die das mögliche Verschwinden des Lagersystems an diesem kritischen Punkt verhinderten, oder willige Gehilfen wie Theodor Eicke und Adolf Eichmann, die im Überwachen und Töten die Erfüllung ihrer Karrieren sahen. Wie Wachsmann in seinem früheren Buch „Gefangen unter Hitler: Justizterror und Strafvollzug im NS-Staat“ (2006) erforscht hat, vollzog sich der Ausverkauf des deutschen Institutionenstaats an den außerlegalen NS-Apparat auch im Gefängniswesen sehr schnell.

Einen bedeutenden Sprung machen die Lager im ersten Halbjahr 1938, als sich die Häftlingszahlen von knapp 8000 auf mehr als 24.000 verdreifachen. Sechs Monate später sitzen schon 50.000 Männer ein, bevor die Zahl sich wieder halbiert und erst mit Kriegsbeginn unaufhaltsam höher strebt, bis Anfang 1945 mehr als 700.000 Menschen – längst auch Frauen und Kinder – im KL festgehalten werden, die meisten von ihnen schon auf dem Weg in die Vernichtung. Unter den insgesamt rund sechs Millionen Holocaust-Toten wird die Zahl der Lageropfer auf 1,7 Millionen geschätzt.

Die Unterbelichteten

Durch eine Kombination aus Nahaufnahme und Weitwinkelperspektive rekonstruiert Wachsmann die keineswegs kontinuierlich verlaufende Entwicklung des Unterdrückungsapparats in 27 Stammlagern und rund tausend Außenstellen. Die meisten von ihnen – Ellrich, Klooga, Redl-Zipf – sind seit langem vergessen. „Als Historiker sollten wir offen bleiben für die Möglichkeiten, die es ebenfalls gegeben hätte, das Nichtgeschehene“, sagt Wachsmann. „Die Nazi-Führung weiß in den frühen Jahren noch nicht genau, welchen Staat sie überhaupt will. Sie muss sich ihren Staat gewissermaßen erfinden, doch das heißt für Himmler nicht dasselbe wie für Göring. Am Ende hat Himmler gewonnen.“

KZ Auschwitz-Birkenau © dpa Vergrößern „Auschwitz begann als Ort zur Auslöschung der polnischen Opposition“: Eingangstor zum Lager Auschwitz I im Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau im polnischen Oswiecim.

Dabei wird klar, dass Auschwitz, das mit mehr als einer Million Todesopfern zum Synonym der Ermordung der europäischen Juden wurde, eben durch seine symbolische Bedeutung den Blick auf Vielfalt und Chronologie des Terrors verstellt. Als Pars pro toto haben die Vereinten Nationen den 27. Januar – den Tag der Befreiung des Lagerkomplexes Auschwitz-Birkenau 1945 durch die Rote Armee – zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt.

Doch als die Gaskammern im größten Lagerareal im besetzten Polen 1942 zu arbeiten begannen, waren bereits eine Million Juden und Zehntausende Menschen aus anderen Opfergruppen von paramilitärischen Einheiten erschossen worden. Auschwitz begann als Ort zur Auslöschung der polnischen Opposition. Die sogenannten „Asozialen“ – einsitzende Kleinkriminelle oder Obdachlose, die ebenfalls in die Mühlen des Terrors gerieten – haben für Historiker und Gedenkverbände ohnehin selten eine Rolle gespielt.

Massentötung unter Musikbegleitung

Mit einem erzählerischen Kunstgriff im Prolog veranschaulicht Wachsmann die verschiedenen Phasen des Terrors: Das KL Dachau war in den Jahren 1933, 1939 und 1945 jeweils ein völlig anderer Ort, auch architektonisch: erst eine kleine, improvisierte Stätte zum Wegsperren politischer Gegner, in der gemütliche Polizisten Dienst taten, die mit den Insassen ihre Zigaretten teilten; dann, unmittelbar vor Kriegsausbruch, eine Hochsicherheitsfestung, in der die SS fast 4000 Häftlinge mit Morgenappell und militärischem Drill in härteste Zwangsarbeit presste, in der aber die vergleichsweise geringe Zahl von Toten noch nicht das kommende Krematorium ahnen ließ; und im Frühjahr 1945 eine in Chaos und Zerstörung versunkene Siedlung mit Tausenden Toten aus rund dreißig europäischen Ländern, deren Anblick die amerikanischen Soldaten am Tag der Befreiung mit Fassungslosigkeit und Schrecken erfüllte.

Für sein Werk hat Wachsmann nicht nur die riesige Forschungsliteratur gesichtet, sondern auch bisher unbekannte SS- und Polizeiakten ausgewertet. Vom einfachsten Lagerpersonal über die Kommandanten bis zu Heydrich, Frank, Pohl, Mengele, Höß und Himmler – „KL“ zeigt Kommandostrukturen, Konkurrenzdenken, Korruption, Gier und Neid, verzeichnet Aufstiege und Abstürze im Lagersystem und führt vor, wie sich die moralischen Grenzen immer weiter verschoben. Was gestern noch undenkbar war, wurde heute getan und am nächsten Tag schon übertroffen. Vom Euthanasieprogramm bis zur „Vernichtung durch Arbeit“, vom Gaswagen bis zur Massentötung unter Musikbegleitung: Durch Radikalisierung von unten und von oben erreichte der Terror immer neue Dimensionen, deren auffälligstes Merkmal in der Rückschau die völlige Schrankenlosigkeit ist.

Erst der 29. April 1945 brachte die Freiheit

Im meisterhaften zehnten Kapitel, das aus der Chronologie der Ereignisse herausfällt, um Phänomene wie Glauben, Nationalität und Häftlingskategorien zu beleuchten, ist vom moralischen Teufelskreis die Rede, in den manche Blockälteste und Arbeitsaufseher (Kapos) gerieten: „Sahen andere Insassen sie als willige Werkzeuge der SS“, schreibt Wachsmann, „hatten sie kaum eine andere Wahl, als ihre Misshandlungen weiter zu steigern, wenn sie den lebensrettenden Schutz durch die SS nicht verlieren wollten.“ Hier dient die Fallgeschichte von Karl Kapp, einem ehemaligen SPD-Stadtrat, der als Kapo ein Schinder war, seinen Mitgefangenen aber auch die SS vom Leib hielt, als Lehrstück: Die Lager zwangen alle in eine graue Zone, in der frühere Begriffe von Gut und Böse relativ wurden.

Mit den monumentalen Studien von Raul Hilberg und Saul Friedländer, den Büchern von Richard Evans (Wachsmanns Doktorvater in London), Christopher Browning und Ian Kershaw sind die Ahnen dieses Werks benannt: eine angelsächsisch orientierte Schule, die an Strukturen und Institutionen interessiert ist und dabei die Opfer nicht vergisst. Exemplarisch lässt Wachsmann jedes Kapitel mit einer Fallgeschichte beginnen und durchsetzt die gesamte Darstellung mit Mikrostudien. Über den Kommunisten Hans Beimler zum Beispiel, dem es gelang, 1933 aus Dachau zu fliehen. Den politischen Häftling Edgar Kupfer, dessen Rolle als genauester Chronist von Dachau ein Leitmotiv des ganzen Buches ist. Über Elie Wiesel und seinen Vater, die auch unter widrigsten Lagerbedingungen die Riten des jüdischen Glaubens auf-rechterhielten. Über Moritz Choinowski, der Buchenwald, Auschwitz und Groß-Rosen überlebt, der Massenselektion entgeht, mehrfachem Auspeitschen trotzt und selbst durch das Fleckfieber in Dachau nicht unterzukriegen ist, bis er am 29. April 1945 die Freiheit erlangt. „Und er weint“, schreibt Kupfer in sein Tagebuch, „und ich denke daran, was er litt, und kann meine Tränen nicht zurückhalten.“

Bestialisch, aber nicht alle waren Bestien

Erst die Anmerkungen – insgesamt mehr als 3400 – verraten, dass Wachsmann die Lebenswege dieser beiden Unglücklichen detektivisch recherchiert hat, um die Geschichte in Dachau enden lassen zu können, wo sie begann. Der Kreis schließt sich. Zwei haben überlebt. Aber nichts ist, wie es vorher war. Und damit niemand glaube, irgendetwas an den Lagern könne wie ein Rührstück enden, lässt Wachsmann im Epilog die Fortsetzung folgen. Beide Männer sterben mittellos und gebrochen, Kupfer nach einem zähen Kampf um eine kümmerliche Rente. „Der beste Ausweg wäre wohl der“, schrieb er 1979 von seiner Hütte in Sardinien aus an das baden-württembergische Landesamt für Wiedergutmachung, „mir das Leben zu nehmen, dann hätten Sie einen Querulanten weniger und der Deutsche Staat müsste nur noch meine Beerdigung bezahlen, sonst nichts. Aber ich weiß nicht, ob ich den Beteiligten den Gefallen tun werde.“

So dick das Buch ist, sein Umfang ist bescheiden angesichts der erdrückenden Menge an Quellenmaterial. Kein Genozid der Menschheitsgeschichte ist besser dokumentiert als die NS-Vernichtungspolitik. Und doch bleibt dem Historiker viel zu tun; Erzählstimme, Form und Struktur tragen hohes Deutungsgewicht. Das beginnt bei rhetorischen Gesten von Abscheu und Distanzierung, die Wachsmann meidet, wo er kann. So öffnet er unseren Blick für die Verschiedenheit menschlicher Verhaltensweisen: Häufiger, als man glauben würde, gab es eben doch eine Wahl. „Nehmen Sie die Lagerwachen der sowjetischen Kriegsgefangenen“, sagt der Historiker. „Manche beteiligten sich an Erschießungen, weil sie es für richtig hielten. Andere, weil sie vor ihren Kameraden nicht schwach erscheinen wollten. Wieder andere betäubten sich mit Alkohol, um das alles durchzustehen. Und wieder andere versteckten sich in der Kaserne, um nicht mitmachen zu müssen. Es geht nicht darum, sie zu entschuldigen. Ich suche nach Erklärungen. Wenn wir alle diese Männer als ‚Bestien‘ bezeichnen, ist die Arbeit des Historikers schnell erledigt. Eine der wichtigsten Erkenntnisse lautet, dass wir nicht vor dem absoluten Bösen stehen.“

Ohne geschichtsphilosophische Grübeleien

Die Bauform des Buches ist streng. Jedes der elf Kapitel hat drei Unterkapitel, die ihrerseits in fünf Kurzkapitel unterteilt sind, von denen keines mehr als acht Seiten umfasst. Ein dichtes Netz von Überschriften und Unterüberschriften umschließt die gewaltige Stoffmasse. „Ich hielt es für wesentlich, die Erzählung zu kontrollieren“, sagt Wachsmann, „sonst hätte ich auf ein einziges Kleinkapitel vierzig Seiten verwendet; das Material war ja da.“

70. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau © dpa Vergrößern Das Mahnmal auf dem ehemaligen KZ-Gelände im bayerischen Dachau.

In dieser Beziehung ähnelte seine Arbeit der eines Filmregisseurs: Dramaturgie, Proportion, die richtigen Schnitte. Ein kurzes Buch schreiben, auch wenn es 1,2 Kilo wiegt, ohne Tremolo oder Pathos. Seite um Seite gewinnt Wachsmann den Leser neu. Ziel: die völlige Entschlackung. Derselben Ökonomie unterwirft der Historiker seine Textbelege. Für jemanden, der fast zehn Jahre lang Tausende Quellen verarbeitet, 45 Archive durchforstet und viele verwischte Lebensfährten zu entziffern versucht hat, muss es verführerisch gewesen sein, seine Funde vor dem Leser auszuschütten. Wachsmann aber tut das Gegenteil. Er filtert so stark, dass die meisten seiner Zitate aus wenigen Zeilen, oft nur aus einem einzigen Satz bestehen. So bleibt er Herr über seinen Text. Triumphal vorgezeigte „Stellen“ aus der Sprache der Schlächter haben in seinem Kondensat keinen Platz, eine Andeutung genügt. Auch geschichtsphilosophische Grübeleien spart er sich.

Ein differenziertes Bild

Eines der hitzig debattierten Themen der letzten Jahrzehnte – zu welchem Zeitpunkt Hitler die „Endlösung“ anstrebte, ob er sie überhaupt persönlich gewollt und autorisiert habe oder wie weit er sich treiben ließ von der Dynamik, die er selbst entfesselt hatte, so dass verschiedene Faktoren zwischen 1941 und 1942 den Weg in den systematischen Judenmord ebneten – beantwortet „KL“ mit einem Mosaik von Umständen; man wird sie alle in den Blick nehmen müssen, um sich der Wahrheit zu nähern. Dass viele Deutsche von den Lagern nichts gewusst haben könnten, hält Wachsmann allerdings für ausgeschlossen. „Es gab keinen unsichtbaren Terror“, sagt er. „Die Lager waren gefürchtet, wurden besprochen und verfolgten die Menschen bis in ihre Träume. Am Ende brachen die Todesmärsche sogar körperlich in beschauliche bayerische Dörfer ein. Es war unmöglich, die Lager nicht wahrzunehmen.“

Wachsmanns Darstellung in „KL“, so hat Ian Kershaw gesagt, könne nicht mehr übertroffen werden. Warum sie überhaupt geschrieben werden musste, erklärt der Autor im Prolog. Er habe der Eindimensionalität, die der Vorstellung von den Konzentrationslagern anhafte, ein differenzierteres Bild entgegensetzen wollen. Würden die Historiker verstummen, überließe man die Geschichte „den Händen von Spinnern, Dilettanten und Leugnern“. Um diesen Stoff zu stemmen, ist der Historiker Nikolaus Wachsmann zum großen epischen Erzähler geworden.

Glosse

Alex liest Agatha

Von Andreas Rossmann

Das Aussterben der gemütlichen, kleinen Buchläden geht weiter. Aber manche haben Kunden, die das nicht hinnehmen wollen. Und etwas dagegen tun. Mehr 6

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