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Kurznachrichtendienst : Twitter hat Twitter nicht verstanden

Es ist kein guter Stil, seine Nutzer im Regen stehen zu lassen. Die rächen sich damit, abzuwandern: Zwei Millionen Accounts haben sich von Twitter abgemeldet. Bild: AFP

Timeline-Umstellung, Zeichenbegrenzung, Trolle: Twitter ignoriert die Wünsche seiner Nutzer seit Jahren. Kein Wunder, dass die abwandern. Bekenntnisse einer Heavy Userin.

          Wie schön wäre es, wenn man Twitter, diesen eigentlich sehr nützlichen und angenehmen Kurznachrichtendienst, in Ruhe zu seinem Vorteil und Vergnügen nutzen könnte. Ohne, dass es ständige Aufgeregtheiten und Hiobsbotschaften zu vermelden gäbe. Eventuell sogar mit einem Konzernvorstand, der auf die Bedürfnisse der Nutzer einginge, ohne sich dauernd gegenseitig zu entmachten, weil die Quartalszahlen mal wieder unterirdisch sind. Twitter, so scheint es, tut alles, um seinen Investoren entgegenzukommen, und vergrätzt damit seine ältesten und loyalsten Fans.

          Fans wie mich, zum Beispiel. Für mich ist Twitter tatsächlich mehr als ein nützliches Werkzeug, es ist auch Biotop und Resonanzraum und Dorfkneipe und Notizblock. Ich möchte keine dieser Funktionen missen. Allerdings schafft es Twitter auch, sich in meiner Wahrnehmung immer mehr von seinem Image als diffus sympathisches Unternehmen mit dem putzigen Vögelchen zu verabschieden.

          Twitter ist zum Glück unaufdringlich

          Jüngst gerade erst die Aufregung um die Timeline: Man wolle von der chronologischen Darstellung abrücken und als individuell wichtig berechnete Tweets in einer personalisierten Timeline weiter nach oben schieben, so sickerte es durch. Die Nutzer waren wenig begeistert und brachten ihre Kritik unter dem Hashtag #RIPTwitter zum Ausdruck. Und in den neuesten durchwachsenen Quartalszahlen war ein Detail besonders alarmierend: Die Zahl der Nutzer sank um zwei Millionen auf 320 Millionen. Das ist nur ein Fünftel dessen, was Facebook aufbieten kann, aber Twitter ist eben nicht Facebook. Und das ist ein Glück.

          Tatsächlich besteht ein nicht geringer Teil des Charmes darin, dass auf Twitter eben nichts nach vermuteten Interessen sortiert und personalisiert, sondern alles stur so darstellt wird, wie es eingegeben wurde, einfach und garantiert algorithmenfrei. Die Werbung – meist für esoterische IT-Spartendienste – ist herrlich unoptimiert, während einen Facebook tagelang mit irgendwelchen Artikeln zuspammt, die man auf Ebay gerade oder aus guten Gründen eben gerade nicht gekauft hat („haben Sie noch Interesse an dieser Bluse?“). Ich zum Beispiel kann fest damit rechnen, mindestens das nächste halbe Jahr von Longdrinkgläsern und Massivholztischen verfolgt zu werden, weil ich danach jüngst suchte. Twitter macht das nicht. Twitter ist unaufdringlich, und dafür schätze ich es.

          Wir haben Twitter nicht erst seit gestern

          Ein weiterer Vorteil besteht in der wunderbaren Kürze der Tweets. Selbst der stinkigste Troll hat nicht mehr als 140 Zeichen zur Verfügung, um seine Beleidigungen zu verbreiten. Das Gerücht, Twitter wolle die Begrenzung aufheben und bald 10.000 Zeichen zur Verfügung stellen, sorgte für weiteren Aufruhr. Niemand braucht eine weitere beliebige Laberplattform. Ob das nun jemals eingeführt wird, das weiß man bis heute nicht. Anscheinend informiert man vor der Freischaltung von neuen Features seine Nutzer nur ungern und hüllt sich ansonsten in nebulöse Andeutungen. Wie Twitter-Chef Jack Dorsey, der sich in einem Tweet alsbald um Glättung der Wogen bemühte:

          „Next Week“ war man klüger: Twitter führt eine leicht relevanzgesteuerte Timeline ein, allerdings nicht verpflichtend. Noch nicht. Da steht ja schließlich „next week“. Also ist nicht auszuschließen, dass sie irgendwann doch kommt, denn glauben möchte man diesem Dorsey eigentlich lieber nichts mehr. Twitter gibt sich im firmeneigenen Blog derweil ganz verständnisvoll: „Kennt Ihr das auch? Auf Twitter folgt Ihr hunderten, wenn nicht gar tausenden Leuten und wenn ihr Twitter öffnet, habt Ihr manchmal das Gefühl, die wichtigsten Tweets verpasst zu haben.“ Nein, eigentlich kenne ich das nicht. Wenn etwas wirklich wichtig ist, bekommt man es schon mit. Und wer einem wichtig ist, den liest man persönlich nach. Wir haben dieses Twitter nicht erst seit gestern. Wir haben unsere Strategien entwickelt, damit umzugehen, und brauchen keine Lösungen für Probleme, die es nicht gibt. Wir brauchen Lösungen für Probleme, die es sehr wohl gibt.

          Belästigungen ernst nehmen

          Jack Dorseys Floskel „We’re always listening“ klingt in den Ohren vieler Nutzer wie ein Hohn, die seit Jahren vor allem zwei Dinge fordern: Eine Edierfunktion zum Korrigieren von Tippfehlern (das wäre schön) und einen besseren Schutz vor Trollen (das wäre bitter, bitter nötig). Vor einem Jahr gab der damalige Geschäftsführer Dick Costolo zu: „Wir haben im Umgang mit Beschimpfungen und Trollen versagt, und wir tun das schon seit Jahren.“ Geändert hat sich seitdem wenig bis nichts. Twitter, so scheint es, hat Twitter nicht verstanden.

          Mir ist Twitter inzwischen so wichtig geworden, für Beruf wie Privatleben, dass ich einiges dafür geben würde, es in dieser Form zu erhalten. Zur Not auch mit diesen elenden kitschigen Herzchen. Und für Dienste, die mir wichtig sind, würde ich tatsächlich auch Geld zahlen. Ich zahle Flickr jährlich einen überschaubaren Betrag dafür, alle meine Fotos in Originalgröße zu hosten, weil es mir wichtig ist. Ich würde auch Twitter einen überschaubaren Betrag dafür abdrücken, mich möglichst werbefrei, unsortiert und ohne große Vorgaben und Zwangsauflagen mit 140 Zeichen langen Statusmeldungen zu versorgen. Ohne Massivholztische und Wunderdiätwerbung, dafür schnell, direkt, roh und mit einem Kundenservice, der Belästigungen ernst nimmt. Ob Twitter eigentlich weiß, wie unverzichtbar es für viele im Alltag geworden ist? Vielleicht muss man es ihnen einfach noch einmal so deutlich sagen.

          Quelle: FAZ.NET

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