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Kurze Sätze : Häppchenweise

Gewissermaßen der natürliche Feind jedes einfachen Satzes: Der Schriftsteller Thomas Mann. Bild: ift dapd

Der Schachtelsatz droht auszusterben. Denn überall werden die Sätze kürzer. Dagegen muss dringend etwas unternommen werden.

          Dem Siegeszug des einfachen Hauptsatzes (Parataxe) lässt sich derzeit wenig bis nichts entgegensetzen. Wohin der Leser auch blickt: Überall stehen knappe Sätze. Je länger die Geschichte wird, desto kürzer scheinen sie zu werden. Das Ganze folgt der Häppchen-Logik: Es darf so viel gegessen werden wie möglich, nur bitte in kleinteiligen Bissen. Schwere Kost ist da nicht angezeigt, der Schachtelsatz erst recht nicht.

          Für die kalorienarme Häppchen-Mitteilung gibt es ein entsprechend simples Rezept: keine Adjektive, keine Substantive, keine Passivkonstruktionen, starke Verben und eben – kurze Sätze. Führen wir das an einem Beispielsatz aus Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ vor, gewissermaßen dem natürlichen Feind jedes einfachen Satzes. Da steht gleich auf Seite eins: „Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den Knien hielt.“

          Verdichtung statt Geschwafel

          Das geht besser. Zum Beispiel so: „Die Konsulin Buddenbrook hockte neben ihrer Schwiegermutter. Auf einem Sofa. Sie starrte ihren Mann an. Dann half sie ihrer Tochter.“ Dabei zerreißt einen die Spannung förmlich. Der Leser fragt sich: Warum starrt die Konsulin ihren Mann an? Was wird der armen Tochter bloß angetan? Und: Was hat es mit diesem Sofa auf sich? Aus einem Roman wird ein Thriller. Aus achthundert Seiten Geschwafel werden dreihundert Seiten Verdichtung. Das ist gut. Beziehungsweise: Das kann man gut finden.

          Wir bekennen uns eher zur Komplexität der Welt – und des Satzbaus. Wir denken, ganz im Sinne Thomas Manns, dass die Häppchen-Mitteilung die Gleichzeitigkeit der Sinneseindrücke in ein Korsett des Nacheinander zwingt, dass auch schwer verdauliche Texte hervorragend und leichte Kost oft nur schwer verdaulich sein kann, wir entdecken selbst in Nebensächlichkeiten noch Hauptsachen und verbauen deswegen im Hauptsatz eine Menge Nebensätze; wir finden die Welt nun mal in ihrer ganzen adjektivischen Pracht schillernd, aufregend, zerfasert, brüchig, schmierig, flüchtig, tiefschwarz, blütenweiß, federleicht oder bretthart vor. Nein, nur einfache Sätze soll es nicht geben. Das wäre nicht gut für die geistige Gesundheit.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.Z.

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