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Kursbuch Nachruf auf eine Zeitschrift

12.06.2008 ·  Das „Kursbuch“, lange Zeit ein Leitmedium der linksintellektuellen Szene, wird eingestellt. Seine Angriffslust war ihm schon vor Jahren abhanden gekommen. Sein Niedergang ist auch ein Zeichen dafür, dass die linke Avantgarde ihre Unberechenbarkeit verloren hat.

Von Jürgen Kaube
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Kursbücher, die niemand liest, handeln offenbar von Verbindungen, die niemand benutzt. Der Holtzbrinck Verlag hat soeben die Zeitschrift „Kursbuch“ eingestellt, ziemlich genau dreiundvierzig Jahre nach ihrer Gründung durch Hans Magnus Enzensberger. „Plus signe de vie“, kein Lebenszeichen mehr, so begann damals der erste Satz; er war aus Samuel Becketts Prosaskizze „Falsch anfangen“. Falsch geendet hatte das Kursbuch, als es ab 2005 unter dem Dach der „Zeit“ erschien und sich auch äußerlich anderen Magazin-Angeboten aus der Verwertungskette des Hamburger Hauses anähnelte. Nichts gegen Verwertungsketten, aber hier wurde nur der Name einer Tradition bewirtschaftet, die gar nicht mehr lebendig ist. Damit ist nicht die Tradition der Linken gemeint.

Als erste und bislang einzige Hauszeitschrift des Suhrkamp Verlages gegründet, war das Kursbuch schnell zur Pflichtlektüre der Bewegung von 1968 geworden und hatte sich bis in Kuriositäten hinein - das Verknalltsein in Kuba, die Planungen einer studentischen Machtübernahme in Berlin, ein Heft über Frau und Familie, das nur von Frauen bestritten wurde - der Phantasieausschläge jener Zeit sowohl analytisch wie daumendrückend und beinahe enzyklopädisch angenommen.

Berechenbare Angriffslust

Doch spezifisch für das Kursbuch war etwas anderes. In jedem Heft wurde eine neue politische Programmdebatte angestoßen, in jedem zweiten stand ein Essay mit Manifestcharakter: über die sprachlose Intelligenz, die deutsche Frage, das Ende der Literatur, die Studentenrevolte, die Kritik des Anarchismus. Daneben standen, wie zur Widerlegung der Sprachlosigkeit, Gedichte und Erzählungen, frische Strukturalismusimporte aus Frankreich oder Nachdrucke dessen, was Enzensberger und sein Redakteur Karl Markus Michel von der Theorie der Mathematik über Castro-Reden bis zu den Grundlagen der modernen Linguistik für anregend hielten - und was es auch noch war, als die ersten fünf Jahrgänge des Kursbuches 1976 ihrerseits von „Zweitausendeins“ nachgedruckt wurden.

Nicht also die Linke ist verschwunden, sondern ihre Fähigkeit zu überraschen. Das Wort „Avantgarde“ ist bedeutungslos geworden, weil sich politische und kulturelle Einbildungskraft nur noch auf der Ebene von Phrasen treffen, und die linke Angriffslust wirkt inzwischen berechenbar, weil sie sich in undurchdachten Vokabeln wie „Globalisierung“ oder „Innenminister“ oder „Gerechtigkeit“ festgebissen hat. Am Ende hatte das Kursbuch mangels Theoriebegeisterung und Entdeckerfreude keine Fragen mehr, sondern nur noch Themen.

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