http://www.faz.net/-gqz-74ecp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.11.2012, 10:07 Uhr

Zeitgenossen in New York Gegenwart im Milliardenrausch

Das New Yorker Rekordfieber auf neuem Höchststand: Die Zeitgenossen-Auktionen bei Sotheby’s, Christie’s und Phillips de Pury können niemandem mehr so ganz geheuer sein.

von , New York

Eine Woche der Sensationen und Rekorde. Ein extravagant boomender Kunstmarkt. Ein Gesamtumsatz, der die großen New Yorker Auktionshäuser euphorisch über die Milliardengrenze schweben ließ. Der Reihe nach: Noch bevor auf den Herbstauktionen mit Zeitgenossen das erste Los ausgerufen war, kam bei Christie’s einen ganzen Tag lang Warhol und nur Warhol unter den Hammer. Einlieferin war die „Andy Warhol Foundation for the Visual Arts“, die im September verkündet hatte, fortan nur noch Stipendien zu vergeben und sich darum im Laufe der nächsten Jahre von all ihren Kunstschätzen zu trennen.

Jordan Mejias Folgen:

In Form von Siebdrucken, Collagen und Fotografien standen jetzt fürs Erste insgesamt 354 Lose zur Versteigerung an, was der Stiftung mehr als siebzehn Millionen Dollar einbrachte. Aber das war nur ein Klacks im Vergleich zu den wahrlich atemraubenden Beträgen, die dann in den Abendauktionen über die Anzeigetafeln flimmerten.

Sotheby’s machte den Anfang, und auch da gehörte Warhol zu den Superstars. „Suicide“, ein Einzelsiebdruck, der einen in den Tod springenden Mann zeigt, erzielte mit 14,5 Millionen Dollar (Taxe 6/8 Millionen) einen neuen Auktionsrekord für eine Arbeit Warhols auf Papier, und auch zwei weitere solcher Werke - „The Kiss“ für 8,2 Millionen und „Cagney“ für 5,8 Millionen - ließen die bisherige Rekordmarke von 5,193 Millionen (mit Aufgeld) locker hinter sich.

Überhaupt war es ein Abend der Rekorde. Nie war mehr bezahlt worden für ein Gemälde von Franz Kline - „Shenandoah“ für 8,25 Millionen Dollar -, Arshile Gorky - „Impatience“ für sechs Millionen - und Robert Motherwell - „Elegy to the Spanish Republic #122“ für 3,2 Millionen. Ein telefonisches Gefecht lieferten sich zwei anonyme Bieter um Jackson Pollocks Drip-Painting „Number 4, 1951“, das mit dem Zuschlag bei 36 Millionen Dollar (Taxe 25/35 Millionen) gleichfalls alle vorhergehenden Auktionspreise des Künstlers übertraf.

Kein Wunder also, dass nach der Veranstaltung der Auktionator Tobias Meyer, in der Hand ein Glas Weißwein, blendend gelaunt das Resümee zog: „Besser kann es nicht werden.“ Auch Sotheby’s selbst konnte einen Rekord verzeichnen, denn mit dem Gesamtumsatz von mehr als 375 Millionen Dollar war der Abend konkurrenzlos in der gesamten Geschichte des Hauses.

Aus allen Teilen der Welt seien die Gebote gekommen, so die offizielle Erklärung, und wieder einmal habe es sich bestätigt, dass Qualität sich immer verkaufe - quality sells. Es waren in der Tat marktfrische Werke von auktionserprobten Künstlern, die den sensationellen Erfolg begründeten, gleich von Anfang an, so wie Sotheby’s es raffiniert inszeniert hatte. Nur zum Schluss blieben einige Enttäuschungen und sogar Rückgänge nicht aus: bei Jeff Koons wie Jean-Michel Basquiat und Richard Prince.

Der atmosphärische Unterschied zu den eher verhaltenen Auktionen der vorigen Woche, als der Verkauf von Impressionismus und Moderne überraschend oft ins Stocken geriet, war allerdings enorm. Schon der brechend volle Saal von Sotheby’s schien die wirklich nicht taufrische, aktuelle Marktmeinung zu bekräftigen, dass derzeit relativ viele Leute mit absolut viel Geld nach attraktiven Anlagemöglichkeiten suchen und Kunst dabei eine immer größere Rolle spielt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gerichtsurteile BGH schiebt Abbruchjagden bei Ebay den Riegel vor

In zwei Fällen urteilte der BGH am Mittwoch über Schadenersatzforderungen bei Ebay-Auktionen. Professionellen Abbruchjägern und unerlaubten Eigengeboten entzog er die Grundlage. Mehr

24.08.2016, 12:10 Uhr | Finanzen
Nervenkrankheit ALS Forschungserfolg dank Ice Bucket Challenge

Im Kampf gegen die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, haben Forscher ein neues Gen entdeckt. Rund 220 Millionen Dollar sind bei der Ice Bucket Challenge zusammen gekommen, die in die Forschung geflossen sind. Bei der Challenge kippten sich Promis einen eiskalten Eimer Wasser über den Kopf, um Aufmerksamkeit für die Krankheit zu gewinnen. Mehr

29.07.2016, 15:08 Uhr | Wissen
Kinocharts Super-Kriminelle kapern die Kinos

Der Suicide Squad stößt den tierischen Animationsfilm Pets vom Spitzenplatz der Kinocharts. In Amerika werden die animierten Würste von Sausage Party von den Superhelden gefressen. Mehr

22.08.2016, 14:56 Uhr | Feuilleton
Film Dugma: The Button Ein islamistischer Attentäter im Porträt

Der norwegische Journalist Paul Refsdal hat in Syrien einen islamistischen Kämpfer für seinen Dokumentarfilm Dugma: The Button befragt. Er wollte zeigen, wer hinter dem abstrakten Begriff Islamismus steckt. Mehr

04.08.2016, 15:35 Uhr | Feuilleton
Klage in Amerika abgewiesen Twitter nicht für Terror-Botschaften haftbar

Leisten soziale Netzwerke materielle Unterstützung für terroristische Taten, wenn der IS sie zur Verbreitung seiner Botschaften nutzt? Ein Richter in San Francisco hat eine entsprechende Klage gegen Twitter abgewiesen. Mehr

11.08.2016, 10:20 Uhr | Feuilleton

Unter der türkischen Fahne

Von Berthold Kohler

Keine Loyalitätskonflikte? Es steht zu befürchten, dass Aydan Özoguz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, in vielen Fällen recht hat. Mehr 535