18.11.2006 · Nach dem historischen Ergebnis von Impressionismus und Moderne haben die New Yorker Veranstaltungen mit zeitgenössischer Kunst die Herbstauktionen offiziell zu einem Milliardengeschäft gemacht. Sotheby's, Christie's und Phillips, de Pury & Company erzielten gute Resultate.
Von Lisa Zeitz, New YorkNach dem historischen Ergebnis von Impressionismus und Moderne haben die New Yorker Veranstaltungen mit zeitgenössischer Kunst die Herbstauktionen offiziell zu einem Milliardengeschäft gemacht. Erst vergangenes Jahr überschritt Christie's in der Abteilung „Postwar and Contemporary“ zum ersten Mal die Hundert-Millionen-Dollar-Marke - jetzt wird der Umsatz innerhalb von zwei Stunden für 81 Lose mit fast 240 Millionen Dollar beziffert. Sotheby's hinkt in dieser Saison mit rund 125 Millionen Dollar für 83 Lose hinterher, obwohl die Auktion hausintern als zweitbeste der Kategorie gilt. Die kleinere Firma Phillips, de Pury & Company kam mit fast dreißig Millionen Dollar für 68 Lose ebenfalls auf ein erfreuliches Resultat.
Die grüne Krawatte des Auktionators Tobias Meyer traf bei Sotheby's genau den Ton der grünen Schleife, die neben dem Auktionspult Jeff Koons' Schweinchen aus der „Banality“-Serie um den Hals trug. Es erzielte später 3,6 Millionen Dollar (Taxe 3,2/3,8 Millionen), doppelt soviel wie vor fünf Jahren am selben Ort. Schon die ersten acht Lose aus der Sammlung des belgischen Möbelhändlers Roger Vanthournout bescherten sechs Rekorde, darunter für Niki de Saint Phalles fast drei Meter hohe Skulptur „Ana Lena en Grece“, die sich die New Yorker Kunsthändlerin Dominique Levy für eine Million Dollar (500.000/700.000) sicherte, und Piero Manzonis weißes „Achrome“, das seine Schätzung mit 2,3 Millionen Dollar gut verdoppelte.
Kampf um abstrakte Alabasterskulptur
Aus derselben Sammlung kam Gerhard Richters Abstraktion „Maria (544-4)“, das der Kunsthändler Tony Meier aus Los Angeles für 2,2 Millionen Dollar (2,5/3,5 Millionen) ergatterte. Ein spannendes Gefecht entbrannte um eine abstrakte Alabasterskulptur von Anish Kapoor: Vier Bieter im Saal konkurrierten um sie und trieben den Preis von ausgerufenen 180.000 bis auf zwei Millionen Dollar, ein neuer Rekord für den indischen Künstler. Zum Spitzenlos der Vanthournout Collection und des gesamten Abends wurde Francis Bacons gequälter Akt „Version No. 2 of Lying Figure With Hypodermic Syringe“ von 1968, der erst bei 13,4 Millionen Dollar, ebenfalls ein Rekord, an ein Telefon zugeschlagen wurde.
Derselbe anonyme Bieter ersteigerte gegen den Händler Larry Gagosian und vier weitere Konkurrenten auch das zweitteuerste Bild des Abends, Willem de Koonings „Untitled XXX“ von 1977 für 9,5 Millionen Dollar (7,5/9,5 Millionen). Der schmerzhafteste Rückgang des Abends war Roy Lichtensteins „Head - Yellow and Black“, von dem Insider wissen wollen, daß es der New Yorker Händler James Goodman gegen eine Garantiesumme von rund acht Millionen Dollar bei Sotheby's einlieferte; ohne die notwendige Marktfrische motivierte die knallgelbe Leinwand kein Gebot über 7,6 Millionen (8/10 Millionen).
Rekordhagel für jüngere Semester
Andy Warhol brachte gemischte Ergebnisse: Auf seine „Flowers“ durfte auch der höchstens zehnjährige Sohn des Bauunternehmers Aby Rosen im Saal bieten, ehe sie telefonisch für 6,1 Millionen Dollar (4/6 Millionen) zugeschlagen wurden. Warhols attraktiver „Cagney“ war dem kalifornischen Filmproduzenten Stavros Merjos mit 2,2 Millionen Dollar die doppelte Taxe wert. Der Titel des Katalogs, Warhols Selbstporträt auf rotem Grund von 1964, wurde von Jean-Christophe Castelli, dem Sohn des legendären Pop-Art-Galeristen, eingeliefert: Der in der ersten Reihe sitzende Medienmogul Peter Brant zeigte laues Interesse, wollte sich aber nicht gegen den New Yorker Händler Alberto Mugrabi durchsetzen, der es für 3,3 Millionen Dollar (3,5/4,5 Millionen) bekam.
Als gegen Ende die jüngeren Semester aufgerufen wurden, hagelte es wieder Rekorde: wie für Jenny Savilles erschreckendes Riesenporträt „Still“ bei 900.000 (untere Taxe) und Glenn Browns abstraktem Kopf „Bertrand Russell at the BBC“ bei 600.000 Dollar (300.000/400.000). Während Daniel Richters „Spiel Azad“ für die obere Taxe von 300.000 Dollar an den New Yorker Händler David Nisinson ging, motivierte Martin Eders trauriges Playmate „Bonjour Tristesse“ sogar sechs Bieter und konnte mit einem telefonischen Gebot von 450.000 Dollar seine obere Taxe verdreifachen. Jonathan Meeses Triptychon „Alex de Large in seinem geliebten Mädchenzimmer“ verdreifachte seine untere Taxe und erzielte mit 210.000 Dollar einen Meese-Rekord.
Von vier auf über vierzehn Millionen gestiegen
Noch weitaus spritziger und profitabler wurde der hochkarätige Abend bei Christie's. Im Publikum war der japanische Künstler-Star Takashi Murakami neben dem Kunstberater Philippe Ségalot zu entdecken. Er beobachtete den in Bestform agierenden Auktionator Christopher Burge aus nächster Nähe. Weiter hinten saß andächtig die Sammlerfamilie Rubell aus Miami. Zu staunen gab es einiges. Allein die Hammerpreise der acht Warhol-Werke kamen zusammen auf mehr als fünfzig Millionen Dollar: Der gut zwei Meter hohe „Mao“ von 1972, aus der Zürcher Daros Collection eingeliefert, etablierte knapp einen Auktionsrekord für Warhol; Gebote aus Amerika, Europa und Asien trieben seinen Preis bis auf 15,5 Millionen Dollar (8/12 Millionen).
Die Identität des Käufers enthüllte Christie's nach der Auktion; es handelt sich um Joseph Lau, den Sammler aus Hongkong. Warhols 50-mal-50-Zentimeter-“Orange Marilyn“ von 1962, die am selben Ort vor fünf Jahren noch weniger als vier Millionen Dollar kostete, brachte nun 14,5 Millionen Dollar, innerhalb der Taxe. Die Tafel mit melancholischen „Sixteen Jackies“ von 1964 ersteigerte der New Yorker Händler Andrew Fabricant von der Richard Gray Gallery für vierzehn Millionen Dollar (12/16 Millionen) im Kundenauftrag.
Kleine Zeichnung - hoher Preis
Geradezu atemberaubend entwickelten sich die Preise für Willem de Kooning: Für „Untitled XXV“, eine mehr als zwei Meter breite Abstraktion des Jahres 1977, die das Ehepaar George und Lynn Ross eingeliefert hatte, wurden zwölf bis sechzehn Millionen Dollar erwartet. Doch sieben Bieter ließen den Preis bis auf 24,2 Millionen klettern. Den Zuschlag erhielt der mit Mobiltelefon ausgerüstete Händler Nicholas MacLean, im Auftrag eines Kunden. De Koonings Buntstiftzeichnung einer sitzenden Frau von 1952 ist kleiner als ein DIN-A4-Blatt, aber das stört keineswegs: Die Taxe von 3,5 bis 4,5 Millionen Dollar war schnell überrundet, und der Hammer knallte erst bei famosen 8,6 Millionen Dollar aufs Pult.
Der New Yorker Händler Robert Mnuchin erwies sich wieder als besonders wichtiger Kunde: Er kaufte unter anderem Lichtensteins „Yellow and White Brushstrokes“ von 1965 für 8,5 Millionen (7/9 Millionen), wohl für einen Kunden. Mnuchin bot auch auf ein Rarum des Abstrakten Expressionismus, Clyfford Stills blutrotes „1947-R-no. 1“. Es schraubte sich von 3,5 Millionen bis auf - telefonisch gebotene - neunzehn Millionen Dollar (Taxe 5/7 Millionen) und wurde mit Applaus gewürdigt.
Buntes Gehänge aus Hunderten von Stofftieren
Gerhard Richter war gut vertreten: Den kleinen verwischten „Herrn Heyde“ von 1965 sicherte sich Gagosian für 2,5 Millionen (2/3 Millionen), und den mehr als drei Meter breiten „River“ von 1995 ersteigerte für 3,7 Millionen Dollar, knapp über Taxe, eine Dame aus Asien im Saal. Es gab Rekorde für deutsche Künstler: „Balders Träume“ von Anselm Kiefer erzielte 1,2 Millionen (1/2 Millionen), ein titelloses türkisfarbiges Interieur Matthias Weischers 380.000 Dollar (200.000/300.000) und eine „Hommage to the Square“ von Josef Albers eine glatte Million Dollar (400.000/600.000).
Endlich der Abend bei Phillips, de Pury & Co. war von Spitzenlosen aus der Sammlung des New Yorker Hedge-Fonds-Managers Adam D. Sender geprägt. Mike Kelleys Installation „Deodorized Central Mass with Satellites“ von 1991/1999, buntes Gehänge aus Hunderten von Stofftieren, sollte mit drei bis vier Millionen einen neuen Rekord einspielen; Peter Brant bewilligte ihn - aber schon bei 2,4 Millionen Dollar. Auch die Erwartung an Gurskys Diptychon „99 Cent II“ von 2001 (Auflage 6) wurde nicht ganz erfüllt, aber mit telefonisch gebotenen 2,2 Millionen Dollar (2,5/3,5 Millionen) trotzdem ein Höchstpreis erreicht. Stavros Merjos sicherte sich schließlich die breitformatige „Tender Nurse“ von Richard Prince für zwei Millionen Dollar (1,5/2 Millionen). - Ruhiges Fazit dieser Woche: Überschäumende Preise waren durchsetzt mit moderaten Geboten und ein paar Rückgängen.