25.10.2011 · Kann man eigentlich die Zeichnung von einem Künstler verkaufen, den es nie gegeben hat? Man kann. Sotheby’s erwartet dafür sogar zwischen 3000 und 5000 Pfund.
Von Rose-Maria GroppNathwell Tate (1928 bis 1960), ein amerikanischer Künstler, sensibel, hochbegabt und attraktiv, wie man auf einer Fotografie aus den fünfziger Jahren sehen kann, leider allzu früh aus dem Leben geschieden, nachdem er geschätzte 99 Prozent seines Gesamtwerks vernichtet hatte: Das klingt doch sehr plausibel. Wer hätte ihn denn nicht gekannt? William Boyd hat schon 1998 seine Biographie mit dem einfachen Titel „Nat Tate“ geschrieben, die im vergangenen Jahr auch auf Deutsch erschien - ein umwerfendes Buch, dessen intellektuelle Schärfe und auch historisch haargenaue Beobachtungsgabe für jene Sippschaft, die sich geistig und auch sonst von Kunst nährt, kaum ihresgleichen haben. Bloß einen kleinen Schönheitsfehler: Nat Tate hat es nie gegeben.
Das mussten auch die einschlägigen Anwesenden feststellen, die 1998 zur Buchparty geladen waren, um sich vom Autor Boyd und seinem Freund David Bowie ganz schön an den chicen New Yorker Nasen herumführen zu lassen. Übrigens hatte William Boyd den Namen seines Künstlers schlicht aus National Gallery und Tate Gallery zusammengebaut. Doch was überheben wir uns? Wo doch gerade allerjüngst hierzulande der Name eines realen Verstorbenen dafür herhielt, dass aus ihm ein nachgerade klandestiner Kölner Großsammler gemacht wurde, als beinah perfekte Tarnung für die Distributionswege eines recht begabten Kunstfälschers namens Wolfgang Beltracchi (fast der wahre Name).
Jedenfalls gönnt sich Sotheby’s just in diesen unseren Zeiten einen - echt! - guten Gag: Man versteigert am 16. November in der Londoner Auktion mit britischer Nachkriegskunst eines der nur achtzehn erhaltenen Werke von Nat Tate, „Bridge No. 114“, mit der zurückhaltenden Schätzung bei 3000 bis 5000 Euro - und zum für lebende Künstler wohltätigen Zweck. Wie das? Sein Biograph wird auch da Bescheid wissen, hatte er doch den Eindruck, dass Nat Tates Begegnung mit George Braques Spätwerk ihn um den inneren Halt und dann ins Wasser brachte: „Einen wahrhaft großen Künstler auf dem Gipfel seiner Meisterschaft zu erleben übt gewiss eine einschüchternde Wirkung auf den geringer Begabten aus, besonders wenn dieser seinen Weg erst noch finden muss.“ Es können ja nicht alle so robust von Natur sein wie eben jener Wolfgang Beltracchi, der im Kölner Fälscherprozess aller Augen auf sich zieht. Denn der machte es sich, im Gegenteil, zur Aufgabe, die seiner Ansicht nach noch fehlenden Meisterbilder im Werk mittelguter oder auch bedeutender hingeschiedener Maler - gewissermaßen - nachzuliefern, gar nicht zu wohltätigem Zweck. Wer aber hat jetzt Hand angelegt? Sagen wir es so: Auch Schriftsteller können manchmal malen.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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