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Villa Grisebach in Berlin Alles für wahre Fans

 ·  Die gut tausend Lose für die Frühjahrsauktion der Berliner Villa Grisebach sind in sechs Katalogen verzeichnet: Eine Vorschau.

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Der Katalog der „Ausgewählten Werke“ am 31. Mai verzeichnet 63 Positionen, angeführt von einer beleibten, doch ganz fein ausgemalten alten Dame samt einer dicken Katze, die am Spitzensaum ihres Kleids zobbelt: Fernando Botero malte „La Abuelita“ 1969, nun steht ihr Preis in der Villa Grisebach bei 300 000 bis 400 000 Euro. Die gleiche Erwartung begleitet ein gut dreißig mal vierzig Zentimeter messendes Ölbild auf Malpappe, das Gabriele Münter 1908 „Am Starnberger See“ schuf, kurz bevor sie sich mit Kandinsky in Murnau am Staffelsee einrichtete. Die Dotierungen für diese Spitzenlose beweisen freilich auch, wie schwierig die Materialbeschaffung selbst für das renommierte Berliner Haus sein muss: Bei 1,2 bis 1,5 Millionen Euro hatte noch im November die Schätzung für Noldes „Sonnenblumen im Abendlicht“ gelegen, dann zugeschlagen zur unteren Taxe. Entsprechend ist gegenüber der mittleren Gesamterwartung von 22,6 Millionen für knapp 1500 Lose bei der 25. Jubiläumsauktion 2011 die Schätzung jetzt auf Normalmaß zurückgesetzt, nämlich auf dreizehn Millionen Euro für gut tausend Positionen.

Ein Schlüsselwerk des Naturalismus

200 000 bis 300 000 Euro werden Corinths charmantem „Fräulein Heck (im Boot auf dem Starnberger See)“ von 1897 zugetraut, das als Los 7a wohl in letzter Minute hinzukam; interessant ist die Herkunft: Erstbesitzer dieses Bilds war, laut Katalog, der Schriftsteller Max Halbe, befreundet damals mit Corinth. Halbes Drama „Jugend“ von 1892 zählt zu den Schlüsselwerken des Naturalismus. Dass auch er im Oktober 1933 jenes „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ von 88 deutschen Schriftstellern für Hitler unterschrieb - wie Gottfried Benn oder Oskar Loerke, Hermann Kasack und Helene von Nostitz-Wallwitz -, sei hier nur erwähnt als ein Beleg dafür, wie immer noch und immer wieder die Vergangenheit in unsere Gegenwart ragt. Gleichauf mit Corinths verträumter Beauté steht Jawlenskys nur fünf, sechs Jahre spätere, französisch inspirierte „Landschaft mit See“, farbenfroh und frei hingetupft. Seine „Variation: Herbstglut“ von 1916 hat dann schon den Weg der Seelen-Abstraktion beschritten (Taxe 140 000/180 000 Euro).

Die Ausgewählten Werke werden ihre Anhänger finden: Da fordert Karl Hofers im Jahr 1947 entstandene „Höllenfahrt“ (180 000/240 000) Aufmerksamkeit, als Memento unnennbaren Schreckens. Ein Zeitsprung: Wie ein spätes Pendant zu Hofer steht Imi Knoebels 217 Zentimeter hohe Stahlplastik „Radio Beirut“ von 1982 da, aus den frühen Jahren des Künstlers, nah noch an Joseph Beuys und Erinnerung an den Libanon-Krieg, verletzlich, aber zugleich unberechenbar wehrhaft (50 000/70 000). Es ist schon so: Die Geschichte entkommt der Kunst nicht, auch nicht im Auktionshaus, und das ist richtig. Sigmar Polkes „Ohne Titel (Interferenzbild Violett)“ von 1999 verströmt gleichsam Zeitlosigkeit (200 000/ 250 000) und Thomas Struths großer C-Print „San Zaccaria, Venedig“ stellt die Zeit - nur auf den ersten Blick - still (10 Abzüge; 150 000/200 000). Seine ganze Klasse zeigt der große Günther Uecker nicht nur mit seiner nagelneuen „Spirale“ von 2011, sondern damit, dass der Erlös von Losnummer fünfzig, geschätzt auf 100 000 bis 150 000 Euro, dem Nachguss der im Krieg zerstörten St. Johannesglocke seiner Heimatkirche in Rerik im mecklenburgischen Ostseebad Wustrow zufließt.

Gefährlich wird’s bei Feuerbach

Das 19. Jahrhundert, das am 30. Mai seinen Auftritt hat, liebt man oder liebt es nicht; alles dazwischen ist Halbherzigkeit oder Spekulation auf einen zunehmend starken Markt. Schon einige Hingebung braucht die „Heilige Familie mit Johannesknaben in einer Landschaft“, die der jüngste Grimm-Bruder Ludwig Emil 1822/1834 streng-innig malte (40 000/ 60 000). Flatterhafter geht es auf dem Balkon von Friedrich Nerlys „,Haus der Desdemona’ in Venedig“ (80 000/ 100 000) zu (F.A.Z. vom 19. Mai), und Hans Ludwig Catel lässt Fischer am Capo Posilippo heimkehren, dahinter der Blick auf den rauchenden Vesuv (120 000/150 000). Wilhelm Trübners hübscher „Gesattelter Schimmel“ steht schon für 6000 bis 8000 Euro, erst für 60 000 bis 80 000 Euro wäre Wilhelm Leibls „Studienkopf eines braunbärtigen Mannes vor grünem Hintergrund“ zu erobern. Aber ganz gefährlich wird es bei Anselm Feuerbachs männlichem Halbakt (8000/10 000).

Darüber sind die Klassische Moderne und die Kunst nach 1945 am 1. Juni nicht zu vergessen, denen jedoch eben keine Hauptrollen zugeteilt sind. Bei der Nachkriegskunst haut eine bronzene Tatze von Louise Bourgeois rein, „Give or Take II“ von 1991 (Auflage 30; 12 000/ 15 000), und der spottlustige Jonathan Meese zeigt Flagge mit „Die Flugechsengouvernante Maulo“ von 2004 (10 000/ 15 000) und „Dr. Godaddy“ aus demselben Jahr (20 000/30 000).

Unter den Fotografien am 30. Mai findet sich Ilse Bings schönes Bild „My shadow in Amsterdam Graacht“ von 1933, wohl als ein Vintage Print (7000/9000). Zu den großen Kalibern dort zählen die zwei Aufnahmen von Man Ray, ebenfalls als Vintage Prints: das Porträt von Wanda Vangen (10 000/15 000) und das berühmte von Picasso in Paris 1933 (15 000/25 000). Bei der zeitgenössischen Fotografie findet sich einer der Silvergelatineabzüge, die Cindy Sherman im Jahr 2000 nach ihrer frühen „Murder Mystery“-Fotoerzählung von 1976 inszenierte, in der sie alle Rollen selbst darstellte: „Untitled Nr. 386 (the son)“, in einer Auflage von zwanzig, ist auf 9000 bis 12 000 Euro geschätzt. „Ohne Titel (Portrait S. Kewer)“, eines der kühlen Porträts im Format von 158 mal 119,5 Zentimetern, die Thomas Ruff 1989 von seinen Freunden machte, ist mit 15 000 bis 20 000 Euro beziffert.

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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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