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Viennacontemporary : Brennen für die Kunst

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Ferdinand Kriwet, „Text Dia“, 1970, Siebdruck auf PVC, 336 mal 340 Zentimeter, bei Georg Kargl (20 340 Euro) Bild: Moritz Wegwerth/Georg Kargl

Die Newcomer mischen mit: „Viennacontemporary“ und „Curated by_vienna“ beweisen eindrucksvoll, dass Wien mittlerweile auch ein wichtiger Umschlagplatz für Gegenwartskunst ist.

          Die Wiener Kunstszene startete in einen heißen Herbst. Als wäre die übliche Messevorbereitung nicht Stress genug, schockte ein Brandstifter den Veranstaltern der Viennacontemporary. Das Dach der Marx Halle stand in Flammen, die Feuerwehr löschte eine halbe Nacht lang. Eindrucksvoll genug, konnte man bei der Preview, bei der internationale Sammler gut vertreten waren, von dem Brand nichts mehr sehen oder riechen.

          „Wir haben schon viele Leute zu Fans dieser Stadt gemacht“, sagt die künstlerische Leiterin Christina Steinbrecher-Pfandt zum intensiven Sammlerprogramm: In der Tat hat sich das Image Wiens durch Events zeitgenössischer Kunst gewandelt. So beweist parallel zur Viennacontemporary das Galerienfestival Curated by_vienna, dass die Heimat von Klimt und Schiele ein Ort für die Gegenwartskunst ist. Auf Einladung des seit 2009 öffentlich finanzierten Projekts gestalteten bereits rund 170 internationale Kuratoren Ausstellungen in hiesigen Kunsträumen. Seit zwei Jahren haben in Wien etliche junge Galerien eröffnet. Die Newcomer sind auf der Viennacontemporary ebenso anzutreffen wie der Großgalerist Thaddaeus Ropac, der nach einer Pause wiedergekehrt ist. Der Salzburger hat mit seinem Fokus auf die vier britischen Bildhauer Tony Cragg, Richard Deacon, Antony Gormley und Anish Kapoor einen der gewichtigsten Stände. Auch die Messe setzt diesmal mit „Solo&Sculpture“ einen neuen Schwerpunkt bei Plastischem, der von dem Portugiesen Miguel Wandschneider kuratiert wurde: Humorvoll taucht da Joëlle Tuerlinckx von der Galerie nächst St.Stephan ihre Koje in Manner-Waffel-Rosa und bringt darin einen gemalten Balken zum Schweben. Das Solo der Galerie Martin Janda bestreitet Werner Feiersinger. Er huldigt dem architektonischen Modernismus in Stahlobjekten und mit einer Fotografie, die bei seinen Recherchen in Italien entstanden ist.

          Viennacontemporary etabliert sich als Entdecker-Messe

          Eine Wucht stellt Karl Karners hybrid-verfallende Installation bei Lisa Kandlhofer dar. Der Wiener Bildhauer beweist, dass er die Auflösung der Form virtuos beherrscht, und seine junge Galeristin, dass sie keine Scheu vor „think big“ hat. Die Sandsäcke beim Stand der Neu-Galeristen Zellervan Almsick sehen hingegen schwerer aus, als sie tatsächlich sind: Kay Walkowiak hat seine ersten geometrisch abstrakten Gemälde nicht gerahmt, sondern sie in Boxgeräte verwandelt, die an Ketten von der Decke baumeln (je 5500 Euro). Nebenan bei unttld contemporary zieht die 210 mal 270 Zentimeter große Bleistiftzeichnung „Melancholia“ von Tim Plamper die Blicke auf sich, die an traurige Tropen denken lässt (27 000 Euro). Auch die junge Galerie VinVin feiert ihr Messedebüt und zeigt schillernde Bildplastiken, die Karoline Dausien aus schwarzem Lackleder genäht hat (4800 Euro).

          Karoline Dausien, „Pillow Nr. 8 (Modern Talking)“, 2017, 110 mal 145 mal 20 Zentimeter, bei Vin Vin (4800 Euro) Bilderstrecke
          Karoline Dausien, „Pillow Nr. 8 (Modern Talking)“, 2017, 110 mal 145 mal 20 Zentimeter, bei Vin Vin (4800 Euro) :

          Gut ein Dutzend Galerien stellen 2017 erstmals bei der Viennacontemporary aus, die so ihrem Ruf als Entdecker-Messe wieder gerecht wird. Am Stand der Londoner Galerie Rod Barton nehmen die figurativen Gemälde von Pierre Knop gefangen, die auch durch ihre Kombination aus Zeichnung und Malerei fesseln. Bei der Moskauer Regina Galerie serviert Sergey Zarva mit dem Großformat „A Mayor’s Matchmaking“ ein Gruppenbild, dessen entstellte Gesichter als böser Kommentar auf die postsowjetische Gesellschaft gelesen werden dürfen (25 000 Euro).

          Rund 28 000 Besucher zählte die Zeitgenossen-Messe 2016. Das Galerienfestival Curated by_vienna läuft vier Wochen, und seine Stärke liegt vor allem in der thematischen Vertiefung. Die diesjährige Ausgabe widmet sich der Bedeutung von Sprache in der zeitgenössischen Kunst: Das Motto „image/reads/text“ verweist auf ein weites Feld, das von konkreter Poesie bis hin zum Spiel mit digitalen Codes reicht.

          Der Parcours umfasst 21 Ausstellungen, wobei die Galerien CroyNielsen und Nathalie Halgand erstmals teilnehmen dürfen. Bei CroyNielsen, die 2016 von Berlin nach Wien übergesiedelt sind, gestaltete die Kuratorin Laura McLean-Ferris vom Swiss Institute in New York die Schau „The Forecast“. Die Arbeiten kreisen um das Verhältnis von Sprache und Wetter – was letztlich auch auf das politische Klima verweist. Die amerikanische Künstlerin Rachel Rose hat dazu vier digitale Collagen produziert, für die sie Miniaturen aus mittelalterlichen Handschriften gesampelt hat. Auf ihrem Sommer-Bild tummeln sich Teufelchen, nackte Paare und Löwen unter einer lächelnden Sonne. Gegenüber hängt die kleine Buchstabencollage „Hommage to Ronald Firbank“ des britischen Benediktinermönchs Dom Sylvester Houédard (1924 bis 1992), der von den sechziger Jahren an mit konkreter Poesie in der Londoner Kunstszene mitmischte.

          „Bild und Text“ lautet das diesjährige Motto bei Curated by_vienna

          Nathalie Halgand, die ihre Galerie am Wiener Naschmarkt seit Frühjahr 2016 betreibt, hat für ihre erste Teilnahme an Curated by_vienna den Basler Kurator Samuel Leuenberger eingeladen: „Home is so Fucking Complicated“ lautet der Titel seiner Gruppenschau, die um den Heimatbegriff kreist. In eine Art Hobbykeller führt der amerikanische Künstler Ethan Hayes-Chute, dessen fünf Meter lange Holzinstallation „Buildup“ mit unzähligen kleinen Fundstücken fasziniert. Die Chilenin Pilar Quinteros hat aus der Wiener Kaisergruft das Bild eines gekrönten Totenschädels mitgenommen, ein Sinnbild, das sie in ihrer großen Styroporskulptur „Janus Fortress“ aufgreift.

          Das Feld für das Thema „Bild und Text“ erscheint beim Rundgang durch die Galerien oft allzu weit gesteckt. In medias res führt die Einzelausstellung von Ferdinand Kriwet bei Georg Kargl: Gregor Jansen von der Kunsthalle Düsseldorf entfaltet dort das Œuvre des wenig bekannten Rheinländers, der sich seit den Sechzigern in unterschiedlichen Medien mit Textbildern beschäftigt hat. Egal ob mit Bleistift auf Leinwand, als Collage, Druck oder Cut-out, als Schallplatte oder Rundschild: Kriwets pionierhafte Buchstabenbilder umzingeln den Betrachter und fordern einen anderen Blick auf das Informationssystem Schrift heraus.

          Quelle: F.A.Z.

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