Seitdem „Art Price“ China im vergangenen Jahr zum größten Kunstauktionsmarkt der Welt erklärte, schwankt der Boden. Äußerlich fügt sich der chinesische Markt den gewohnten Institutionen und Mechanismen ein, mit denen im Westen Kunstwerke in Waren verwandelt, ihre Werte und Preise bestimmt werden. Doch zugleich sind dort noch andere Regeln, Kräfte und Akteure wirksam. Wir geben einen ersten unvollständigen Überblick.
Ultra High Net Worth Individuals
Ihr Anteil steigt in China in einem markant schnelleren Rhythmus als im Rest der Welt (allein im vergangenen Jahr nahm die Zahl der Menschen, die über mehr als hundert Millionen Dollar verfügen, um zwanzig Prozent zu), was dem globalen Spitzenkunstmarkt einen wesentlichen Schub verleiht. Laut dem New Yorker Wirtschaftstheoretiker Benjamin Mandel ist die Investition in hochpreisige Kunst insbesondere dann rational, wenn man an ein weiteres Auseinanderdriften der extrem Reichen und der übrigen Menschheit glaubt; die alternative Ökonomie dieser Bevölkerungsschicht entwickle sich nicht im Gleichklang mit der allgemeinen Wirtschaft, sondern zum Teil gegenläufig.
Seit 2009 treten die chinesischen Ultra High Net Worth Individuals vermehrt als Käufer vor allem traditioneller chinesischer Kunst in Erscheinung. Als Prototyp gilt das Ehepaar Liu Yiqian und Wang Wei, das in den vergangenen zwei Jahren fast zwei Milliarden Yuan für Kunst ausgegeben haben soll, allein 65,5 Millionen Dollar für das 1946 gemalte Tuschebild „Adler auf einer Pinie“ von Qi Baishi; zur Zeit bauen sie für ihre Sammlung in Schanghai ein „Drachenkunstmuseum“. Sie wolle, lässt sich Frau Wang zitieren, den reichen chinesischen Hausfrauen beibringen, wie man mehr Geschmack beim Geldausgeben zeigen könne.
Volksbefreiungsarmee
Betreiberin des wichtigsten chinesischen Auktionshauses, Poly International Auction, das nach Sotheby’s und Christie’s zur Zeit das drittgrößte Auktionshaus der Welt ist, ist die Volksbefreiungsarmee. Was heute die Streitkräfte der Volksrepublik sind, war ursprünglich die 1927 gegründete Rote Armee der Kommunisten im Bürgerkrieg mit der Kuomintang. Seit 1983 betreibt die Volksbefreiungsarmee im Joint Venture mit einer Handelsfirma das Unternehmenskonglomerat China Poly Group Corporation, das außer im Waffenhandel vor allem im Immobiliengeschäft und in der Kultur tätig ist. Öffentlich bekannt wurde sein Rückkauf von bedeutenden chinesischen Kulturgütern, die nach Plünderungen vor allem im 19. Jahrhundert über die ganze Welt verstreut sind, unter anderem drei der bronzenen Tierköpfe aus dem von britischen und französischen Truppen 1860 zerstörten Alten Sommerpalast; sie werden in einem kleinen Museum in der Konzernzentrale gezeigt. 2005 machte das Konglomerat das Auktionshaus auf, dessen Verkäufe im vergangenen Jahr auf mehr als 250 Millionen Dollar geschätzt wurden.
Wie sein Hauptkonkurrent, das Auktionshaus Guardian, das im Oktober zum ersten Mal Versteigerungen in Hongkong veranstalten wird, profitiert Poly davon, dass chinesische Kunstkäufer den Wettkampfcharakter von Auktionen schätzen und diesen gegenüber der diskreten Vermittlung durch Galerien entschieden den Vorzug geben. Aufgrund des hohen Anteils von versteigerten Objekten, die anschließend nicht bezahlt werden, wird Poly von einigen Marktbeobachtern der Mithilfe bei „Phantom-Verkäufen“ verdächtigt, bei denen einem Verkäufer erlaubt wird, selber mitzubieten und dadurch den Preis eines Objekts künstlich in die Höhe zu treiben. Bei den Frühjahrsversteigerungen gingen die Verkäufe allerdings um 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Im März dieses Jahres machte das Auktionshaus eine Dependance in New York auf; für das nächste Jahr plant es, an die Börse zu gehen.
Kunst-Investment-Fonds
Seitdem die Minsheng-Bank 2007 den ersten chinesischen Fonds für Gegenwartskunst aufmachte, hat dieses Investitionsinstrument eine steile Karriere in China erlebt. Laut der chinesischen Zeitschrift „Eastmoney“ ist die Branche zur Zeit 5,77 Milliarden Yuan (umgerechnet rund 72 Millionen Euro) schwer; trotz ihrer kurzen Geschichte ist ihr Anteil am Kunstmarkt wesentlich höher als im Westen. Betreiber sind Banken oder spezielle Treuhandgesellschaften, die eine Vielzahl von Finanzprodukten anbieten, die auf dem Kauf und Verkauf von Kunstwerken oder auch nur Anteilen von ihnen aufbauen. Der Markt ist bis jetzt kaum reguliert, was phantasievolle Kombinationen erlaubt.
Zum Beispiel zwischen Kunst und Immobilienmarkt: Schon bei geringer Anzahlung kann man bei manchen Angeboten die erworbenen Kunstpakete als Sicherheit benutzen, um von der Bank Darlehen zu erhalten. Das spart zum einen unsicher gewordenes Bargeld, zum anderen kann es das Darlehensverbot für Immobilienprojekte umgehen, das die chinesische Regierung zur Kühlung des einschlägigen Markts ausgesprochen hatte. In diesem Jahr wurden zwei Manager prominenter Kunst-Fonds, He Juxing von der Minsheng-Bank und Huang Yujie von der Beijing Bonwin Contemporary Art Investment-Gruppe, verhaftet. Ästhetisch konzentrieren sich die Fonds überwiegend auf Tradition und klassische Moderne der chinesischen Kunst, insbesondere Kalligraphie und Tuschegemälde. Die Zukunft vieler Fonds ist ungewiss, da ihre plötzliche Zunahme einen zu großen Bedarf an Kunstwerken generiert, um noch das Marktkriterium der Seltenheit erfüllen zu können: Statt auf das Potential der Wertsteigerung zu setzen, das in der Knappheit liegt, tendieren sie bisweilen zur Akkumulation und behandeln Kunstwerke wie Aktien.
Kultivierte Funktionäre
Eine Personengruppe, die Kunstgeschenke zu schätzen weiß, die wegen ihres geringen Werts nicht gegen das Bestechungsverbot verstoßen, aber anschließend zu einer frappierend kräftigen Triebkraft des chinesischen Kunstmarkts werden können. Mit der Überreichung einer geschmackvollen, aber gefälschten Kalligraphie oder Tuschezeichnung bestätigen sich Geber und Empfänger gegenseitig ihres Sinns für die höheren Werte des Lebens sowie ihres Respekts vor dem Gesetz, das keine Korruption erlaubt. Vielleicht hat der Beschenkte aber schon viel Kunst und bietet das Werk daher einer Galerie oder einem Auktionshaus zum Verkauf an; ein Unbekannter erwirbt es dann überraschend zu einem für eine Fälschung unverhältnismäßig hohen Preis. Da der Unbekannte ein Vertrauter des Schenkers ist, wird auf einer zweiten, inoffiziellen Ebene mit dem Kauf der Schenk-Kreislauf erst komplett.
Zugleich beginnt unter Umständen ein weiterer Kreislauf: Beglaubigt durch den hohen Preis lässt sich der Käufer die Fälschung von Wissenschaftlern und Experten als Original ausweisen. Er kann das verifizierte Werk mit Hilfe einer Galerie oder eines Auktionshauses auf der Grundlage des erreichten Preisniveaus dann ein weiteres Mal zum Verkauf anbieten. Oder er besitzt die Großzügigkeit, es einem anderen kunstsinnigen Funktionär zu schenken, der trotz des ausgewiesenen Werts des Stücks kein Risiko mit der Entgegennahme eingeht: Bei einer Prüfung durch die Behörden könnte ja im Zweifel jederzeit festgestellt werden, dass es sich in Wirklichkeit um eine billige Fälschung handelt. Alle Beteiligten profitieren von diesem wechselseitigen Austausch, bei dem sich die gewohnten Kategorien von Fälschung, Original, Kunst, Wert, Geist und Verführung planmäßig verwirren. Der Vorgang hat in China daher ein eigenes Wort bekommen: „yahui“, kultivierte Bestechung.
Freihandeslzone GEHUA
Staatsunternehmen mit dem Geschäftsmotto „Werte schaffen durch Kultur“, das in der Nähe des Pekinger Flughafens eine 173.300 Quadratmeter große Freihandelszone errichtet. Nach dem Vorbild ähnlicher „Freeports“ in Hongkong und vor allem Singapur sollen Investoren Kunst dort steuerfrei erwerben und lagern können. Außer den Hochsicherheitslagerhallen, die Gehua im Joint Venture mit der Schweizer Firma Eurasia baut, umfasst das Projekt Kongresshallen, Fabriken, ein Messegelände, Filmstudios, Restaurants und Anlagen für Kulturfestivals aller Art. Einige Marktbeobachter bringen den Druck, den die Steuerpolizei derzeit auf Sammler, Fondsmanager, Transportunternehmer, Auktionshäuser und Galeristen ausübt, mit der Einrichtung der Freihandelszone in Verbindung. Nachdem die Wertangaben bei der Einfuhr von Kunst nach China jahrzehntelang kaum überprüft wurden, sind in diesem Jahr mehrere Personen mit dem Vorwurf der Unterdeklarierung verhaftet worden, und es fanden Razzien in zahlreichen Galerien, Banken und Privatwohnungen statt. Manche vermuten, dass die Marktakteure dazu bewegt werden sollen, ihre Geschäfte künftig in der Freihandelszone abzuwickeln, wo sie einer größeren Kontrolle durch den Staat als bisher unterworfen wären.
Offiziell gibt Gehua als einen Zweck des Projekts an, dadurch die „Rückgabe geraubter Kulturgüter“ nach China fördern zu wollen. Das deutet darauf hin, dass vor allem Sammler traditioneller chinesischer Kunst im Fokus der Behörden stehen: Werke, die bislang im Ausland lagern, ließen sich nun unter ähnlichen Bedingungen in der Pekinger Freihandelszone aufbewahren; das könnte umlaufenden Spekulationen zufolge Absprachen erleichtern, bei denen sich der Steuerhinterziehung verdächtige Sammler Straffreiheit mit Schenkungen an notorisch unterbelegte staatliche Museen erkaufen. Ob die für 2013 geplante teilweise Eröffnung der Freihandelszone mit neuen Regularien und Steuerbestimmungen für den Kunstmarkt verbunden sein wird, ist bisher noch unklar. Die durch den polizeilichen Druck und die globale Finanzkrise verunsicherte Branche verhält sich deshalb abwartend und nimmt für ihre Unternehmungen erst mal vermehrt Hongkong in den Blick.