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Unicef versteigert Sammlung Rau Von der Wand in die Hand

Unicef Deutschland kündigt die Versteigerung von mehr als fünfhundert Werken aus der legendären Sammlung von Gustav Rau an. Der Gesamtwert der Sammlung wird auf bis zu sechshundert Millionen Euro geschätzt.

Der ehe- und kinderlose Industrieerbe und Kinderarzt Gustav Rau erwarb 1958 mit einer „Alten Köchin“ des Rembrandt-Schülers Gerard Dou sein erstes Kunstwerk. Unzählige weitere sollten folgen - aus Leidenschaft und als Wertanlage, meist ohne Berater, trotzdem mit ungeheurem Blick für Qualität: 743 Gemälde und Skulpturen vom Spätmittelalter bis zum Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts kamen so zusammen. Von Fra Angelico und Vittore Crivelli reicht die Liste über Lucas Cranachd.Ä., Guido Reni, El Greco und Canaletto, von François Boucher und Jean-Honoré Fragonard zu Cézanne, Monet, Sisley und Pissarro, Renoir und Toulouse-Lautrec, Degas, Mary Cassatt und Redon, Bonnard und Kees van Dongen. An der Echtheit gibt es keinen Zweifel. Der Gesamtwert wird auf vierhundert bis sechshundert Millionen Euro geschätzt. Van Gogh war ihm zu teuer; Picasso, sagte Rau selbst kurz vor seinem Tod, habe er nie gekauft, weil er ihn nie verstand.

In einem Punkt war Raus letzter Wille eindeutig, als er im Januar 2002 in einem Pflegeheim bei Stuttgart starb: Ein Kernbestand der monumentalen Kollektion müsse bis mindestens zum Jahr 2026 zusammenbleiben und solle in dieser Zeit öffentlich gezeigt werden; der Rest könne vom Erben verkauft werden. Und weil es lange Jahre so aussah, als werde dieser Erbe eine der vier, von Rau in Liechtenstein und in der Schweiz gegründeten Stiftungen sein, war auch der Verwendungszweck klar: der Betrieb und Unterhalt des Krankenhauses und der Schule, die der gebürtige Stuttgarter Mitte der siebziger Jahre im Osten des Kongo gegründet und in denen er bis 1993 gearbeitet hatte.

533 Werke stehen zum Verkauf

Als sich Raus Gesundheitszustand verschlechterte und seine eigenen Stiftungsvorstände ihn für geschäftsunfähig erklären lassen wollten, enterbte er aber die Stiftungen und schloss einen Erbvertrag zugunsten von Unicef ab. Was folgte, war ein unrühmlicher Streit zwischen den Stiftungen und dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Die Auseinandersetzung, die zeitweise zu diplomatischen Verstimmungen zwischen der Schweiz und Deutschland führte, gipfelte sogar in Mordvorwürfen und dann einer Autopsie - und endete schließlich im August 2008 mit dem Urteil des zuständigen Landgerichts Konstanz, dem zufolge Unicef die rechtmäßige Erbin der Sammlung Rau ist.

Insgesamt sollen nun 533 Gemälde, Skulpturen und kunsthandwerkliche Objekte, die eben nicht zum von Rau definierten Kern der Sammlung gehören, veräußert werden. Zu den Highlights zählen herausragende Werke von Fragonard oder Monet und ein „Heiliger Domenikus im Gebet“ von El Greco. Warum Rau solche Meisterwerke nicht zum Kernbestand gerechnet hatte, weiß auch die Unicef-Pressesprecherin Helga Kuhn nicht: „Er hat ja immer gesagt, er habe nur Kunstwerke gekauft, die ihm unbedingt gefielen.“

Kernsammlung in Remagen

Die Werke der Sammlung Rau kennen das Leben im Tresor. Bevor Unicef das kostbare Konvolut übernahm und zunächst bei einer Spedition in der Nähe von Köln einlagerte, wurden die Bilder in einem Klimatresor im Zürcher Freihafen Embraport gehütet. Umgeben hat sich Gustav Rau mit ihnen nie. Bis Mitte der neunziger Jahre war der Kinderarzt ständig in Afrika. Danach lebte er unter anderem in Monaco und später in einer Klinik bei Stuttgart - an den Wänden seines Wohnzimmers hingen immer nur Porträts seiner Eltern. Gelegentlich lieh er anonym Bilder für Ausstellungen aus. Erst eine Welttournee machte die Sammlung Rau vor zwölf Jahren in ihrer ganzen Dimension und Qualität bekannt.

Der geschätzte Erlös des nun in mehreren Tranchen angebotenen Gesamtbestands liegt nach Angaben von Unicef im „zweistelligen Millionenbereich“; tatsächlich ist das eine moderate Schätzung. Vor allem die zum Teil seit Jahrzehnten vom Markt verschwundenen Altmeister- und Rokokogemälde könnten mehr einspielen. Die Erlöse der geplanten Auktionen fließen gemäß Raus Vermächtnis in die Unicef-Stiftung, um langfristige Hilfsprogramme für Kinder zu finanzieren und insbesondere das vom Sammler gegründete Krankenhaus in Ciriri zu unterstützen. Um für sie einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen, hat Unicef Deutschland eine Ausschreibung unter großen internationalen und nationalen Auktionshäusern vorgenommen. Der Rücklauf wurde von einer Anwaltskanzlei anonymisiert und dem Vorstand der Stiftung vorgelegt. Mit den Versteigerungsfirmen, die die besten Konditionen anboten, fanden anschließend Verhandlungen statt, so heißt es. Namen will Unicef noch nicht nennen.

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Die 152 Werke der Kernsammlung bleiben bis mindestens 2026 als Leihgaben im Bestand des Arp-Museums in Remagen bei Bonn und erfüllen so den zweiten Teil von Raus Testament. Seit Abschluss eines Kooperationsvertrags im Oktober 2008 waren die Bilder dort in fünf Teilen als „Kunstkammer Rau“ zu sehen; noch bis Mitte April läuft die aktuelle Ausstellung „Lichtgestöber- Der Winter im Impressionismus“. Für das damals skandalgeplagte Haus oberhalb des Rheins kamen die Werke aus fünf Jahrhunderten wie ein Gottesgeschenk, auch wenn die meisten der Räume für Wandbilder wenig geeignet sind. Dass die eigenen Bestände den teuren strahlendweißen Richard-Meier-Bau kaum ausfüllen würden, war zuvor allzu deutlich geworden. Spätestens, wenn von 2026 an auch der Rest der Sammlung Rau verkauft werden darf, wird das Arp-Museum wieder darüber nachdenken müssen, wie seine eigene Zukunft aussieht.

Quelle: F.A.Z.

 
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