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Uhren in London : Der Meister der Hemmung

  • -Aktualisiert am

Die Sammlung des genialen Uhrmachers George Daniels wird in London versteigert. Darunter sind meisterhafte Preziosen.

          Briten lieben es, ihre Namen mit middle initials zu versehen, also dem ersten Buchstaben eines zweiten oder gar dritten Vornamens. Vor allem in der aufstrebenden Mittelklasse des Inselreichs gilt das als chic, weil es nach upperclass klingt. „Wer nicht mindestens zwei Vornamen hat, ist von seinen Eltern nicht geliebt worden“, sagt einer, der sich auskennt, wenn auch mit einem Augenzwinkern. Kein Wunder also, dass sich im namensrechtlich liberalen England ganze Websites damit befassen, wie man mit wenig Aufwand legal zu einem weiteren und vor allem präsentablen Vornamen kommt, also etwa aus Kelly Jones eine Sarah K.Jones oder aus Tracy Smith einen Geoffrey T. Smith macht.

          George Daniels hatte nur einen Vornamen. Angeblich hatte er nicht einmal eine Geburtsurkunde, weil seine Eltern sich seiner schämten, als er 1926 zur Welt kam. Sie waren nicht verheiratet. Da war so ein Kind ein peinlicher Ausrutscher. Und tatsächlich verbrachte Daniels nach eigenem Bekunden eine wenig glückliche Jugend - in ärmlichen und rauhen Verhältnissen, mit dürftiger Schulausbildung und von seinem vierzehnten Lebensjahr an zunächst als Hilfsarbeiter in einer Matratzenfabrik und später in einem Reifenlager. Erst 1947, als er nach drei Jahren Dienst aus der Armee entlassen wurde, fand er im Norden von London einen Ausbildungsplatz für den Beruf, von dem er geträumt hatte, seit er als Fünfjähriger auf der Straße eine Armbanduhr gefunden und unter ihrem Deckel sein persönliches Universum entdeckt hatte: den des Uhrmachers.

          Daniels lernte schnell. Schon 1952 gelang ihm eine Art Gesellenstück. Es war die Fertigstellung eines Schiffschronometers, das er als Rohwerk erworben und mit von ihm selbst gefertigten Teilen vollendet hatte. Als Hersteller weist das Zifferblatt einen gewissen „D. W. Daniels, London“ aus: Offenbar aus Opportunitätsgründen hatte der ehrgeizige junge Handwerker eben geglaubt, sich einen zweiten - und „Herkunft“ suggerierenden - Vornamen zulegen zu müssen. Aber so wie Daniels nie wieder ein Schiffschronometer herstellte, nutzte er auch das „W.“ als middle initial nicht erneut.

          Tatsächlich geriet seine Karriere so glänzend, dass das Initial nicht nur überflüssig, sondern mit der Zeit regelrecht übertroffen wurde durch allerlei dem Nachnamen von Daniels folgende Buchstaben, die in den Landen Ihrer Majestät wahrhaft Prestige verlautbaren: MBE, CBE, HonDsc, FBHI, FSA - oder in Worten: Member und Commander of the Most Excellent Order of the British Empire, Honorary Doctor of Science, Fellow of the British Horological Society, Fellow of the Society of Antiquaries of London und viele andere mehr.

          Man darf Daniels den wohl bedeutendsten Uhrmacher des 20.Jahrhunderts nennen: 37 Unikate hat er in seinem Leben gefertigt; einige davon mit einem Arbeitsaufwand von mehr als 2500 Stunden. Sämtliche Teile seiner Artefakte hat er stets selbst hergestellt. Zulieferung war tabu. Allenfalls die Gravur der Zahlen auf dem Zifferblatt überließ Daniels einer anderen Hand.

          Grundsätzlich arbeitete Daniels „experimentell“ und nicht etwa auf Bestellung. Wenn überhaupt, sollten seine Uhren ihre Käufer finden und nicht etwa irgendwelche Käufer seine Uhren. Konstruktionszeichnungen machte Daniels erst, nachdem er eine Uhr vollständig gebaut hatte. Wenn er mit einer neuen Uhr beginne, habe er ihren gesamten Mechanismus im Kopf, sagte er einmal in einem Interview. Zeichnungen seien da unnütz, weil ihre Linien doch ohnehin meist um ein Vielfaches breiter seien als die kleinsten Teile.

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