Im Museum für Kommunikation in Frankfurt werden zurzeit Telegramme ausgestellt, die vor hundert Jahren zwischen der Titanic, ihren Schwesternschiffen und anderen Booten in Reichweite gesendet wurden. Es sind dramatische und anrührende kleine Dokumente jenes tragischen Augenblicks, als die Titanic am 15. April 1912 innerhalb von wenigen Stunden sank. Die damals neue Technik des Telegramms macht es möglich, genau nachzuvollziehen, wie sich der Schicksalstag ereignete. Mit Schaudern lesen sich noch heute die Zeilen: „Require immediate assistence, being in collision with an iceberg“, gesendet um 3:32 Uhr.
In Frankfurt sind auch muntere, freudige Texte, die die Passagiere an ihre Liebsten schickten. Die Funker der Titanic Jack Philipps und Harold Bride harrten bis zur letzten Sekunde aus, um sie in die Welt zu senden. Denn sie fühlten sich verpflichtet. Waren sie doch wenige Stunden vorher noch wie Stars behandelt worden. Die Funktechnik gab es erst seit zehn Jahren; sie war eine der Hauptattraktionen an Bord.
In der Frankfurter Schau wird deutlich, wie wichtig es ist, dass solche Dokumente für die Öffentlichkeit erhalten bleiben. Sie erzählen uns nicht nur, was damals geschah; sie wirken viel unmittelbarer als Filme und Dokumentationen späterer Jahre. Der Mythos Titanic wird durch die Telegramme respektvoll wieder zur grausamen Katastrophe.
Der Verkäufer stellt Bedingungen
Der Mythos ist meist das, was die Menschen heute interessiert, in unzähligen Filmen und Serien. Am 11. April aber werden 5500 Objekte in der umfangreichsten Titanic-Auktion aller Zeiten bei Guernsey’s in New York versteigert. In der Auktion sind ausschließlich Relikte des Schiffsunglücks enthalten, die in den vergangenen 25 Jahren vom Wrack in viertausend Meter Tiefe gehoben werden konnten. Besitzer der Stücke ist das Unternehmen RMS Titanic; es verbindet den Verkauf nun mit der Bedingung, dass der neue Eigentümer für den Erhalt der Stücke sorgen muss und dass sie - zumindest zum Teil - der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssen. Um dies zu gewährleisten, wird die Sammlung als ein einziges Los versteigert. Der Käufer muss also mindestens die Schätzung auf 190 Millionen Dollar aufbringen können.
Was bekommt er dafür? Schwerstes Teil der Titanic-Auktion ist ein bis zu fünfzehn Meter langes und siebzehn Tonnen schweres Rumpfteil, samt Bullaugen und Bolzen. Geschichtsträchtigstes Objekt ist wohl ein Fernglas: Der Ausgucker Frederick Fleet hätte es gerne verwendet, saß er doch auf einem Mast hoch oben, doch das lebensrettende Fernglas lag unerklärlicherweise in einem Schrank verschlossen. Nicht alle Stücke in dieser Auktion schaut man sich gerne an. Denn wer sähe wohl gerne die vielen privaten Utensilien aus der Tiefe in seinem Besitz: eine schwarze Wollweste, eine Brille, Rasierpinsel, Ansichtskarten oder Baumwollhandschuhe? Von der Schiffsausstattung der Titanic erzählen derweil zerpflückte Bordkarten, eine Kaffeetasse aus der dritten Klasse mit dem bekannten Flaggen-Logo „White Star Line“ oder ein Suppenteller aus Delfter Porzellan.
Ein Koffer von Howard Irwin kam an Bord und ging mit unter, der Mann aber verpasste die Abfahrt. Auch eine Dritte-Klasse-Passagierkarte für die Hutmacherin Marion Meanwell ist in der Sammlung: Die dreiundsechzjährige Frau wollte auswandern, eigentlich hatte sie ein Ticket für die „Majestic“, ein Schwesternschiff der „Titanic“. Ein Streik verzögerte die Reise, so buchte sie um und ertrank.
Die Auktion bei Guernsey’s ist die umfangreichste Titanic-Auktion, aber sie ist nicht die erste. Doch bisher stammten die Devotionalien meist von Zeitzeugen. Die letzte Überlebende war Millyina Dean, sie war am Tag des Unglücks gerade einmal zwei Monate alt. Sie erzielte 2008 mit ihren Erinnerungsstücken mehr als 30.000 Pfund und finanzierte damit ihr Altenheim. Die Schätzung steigerte sich damals um das Zehnfache. Allein der Entschädigungsbrief der Überlebenden brachte 11.100 Pfund. Die Funde der aktuellen New Yorker Auktion sind nicht alle so harmlos. Sie haben etwas Geisterhaftes an sich. Die Titanic-Anhänger scheint dies nicht zu stören: Das kleine New Yorker Auktionshaus Guernsey’s hat schon einige schriftliche Gebote für die Sammlung erhalten. Darunter soll auch eines aus Deutschland sein.