14.03.2006 · Die Tefaf in Maastricht bleibt der Zenit des Kunstmarktjahrs; man sollte sie gesehen haben. Als wäre das eine leichte Übung, hält sie scheinbar mühelos das selbstverordnete Level höchster Qualität und Vielfalt und büßt nichts an globaler Strahlkraft ein.
Von Brita SachsManche Besucher bleiben zwei, drei, ja vier Tage in Maastricht, um in aller Ruhe auszukosten, was die Messe der Superlative an Mirakeln ausbreitet, alle Jahre wieder. The European Fine Art Fair, charmefrei zu Tefaf gekürzelt, sticht auch mit ihrer jüngsten Ausgabe konkurrenzlos aus der angeschwollenen Zahl von Kunstmessen hervor. Als wäre das eine leichte Übung, hält sie scheinbar mühelos das selbstverordnete Level höchster Qualität und Vielfalt und büßte nichts an globaler Strahlkraft ein. Ja, doch - sie bleibt der Zenit des Kunstmarktjahrs; man sollte sie gesehen haben.
So hängen, wie selbstverständlich, im Jahr seines vierhundertsten Geburtstags zwei Gemälde Rembrandts zum Kauf bereit: Das Halbfigurenbild des Apostels Jakobus d. Ä., ein signiertes Spätwerk von eindringlicher Spiritualität, taucht, mit tadellosen Provenienzen, nach sechs Jahrzehnten erstmals wieder im Handel auf: Salander-O'Reilly bietet das Werk für etwa 45 Millionen Dollar an. Und Kollege Noortman hat wieder seinen feschen „Bärtigen Mann mit rotem Wams“ von 1633 mitgebracht, der 27 Millionen Euro kostet. „Drei Kreuze“, einen großen, seltenen Stich Rembrandts, brachte Rumbler aus Frankfurt schon in den ersten Stunden an den Mann; da war ein weiteres Exemplar bei David Tunick noch für 1,4 Millionen Dollar zu haben.
Erst kürzlich erhielt Frans Hals, Zeitgenosse des großen Jubilars, das vorübergehend aberkannte Porträt des Haarlemer Brauers und Bürgermeisters Pieter J. Olycan wieder zugeschrieben, dessen Preis sich bei David Koet ser auf 12,5 Millionen Dollar beläuft.
Das Mirakel im Frühling: Diese Messe kann nur an sich selbst gemessen werden
Immer fort in Millionegefilden
Johnny van Haeftens riesiges, vom jüngeren Jan Breughel liebevoll feingefieseltes Blumenstilleben erfordert 1,9 Millionen Pfund - und so geht es immer fort in Millionengefilden: bei Moretti, wo eine Ansicht des Canal Grande in Venedig prangt, von Canaletto mit fotografischer Genauigkeit erfaßt; bei Bernheimer, der einen herrlichen heiligen Andreas von Jusepe Ribera zeigt, aber auch Cranachs d. Ä. familiäre Szene des kindleinsegnenden Christus.
Nach langer Abwesenheit verstärkt Richard Feigen wieder die kapitale Oldmaster-Riege, im Gepäck Bartholomeus Breenbergs „Predigt Johannes des Täufers“, die lange an das Art Institute of Chicago entliehen war (2,8 Millionen Dollar). Segantinis sonniges Großformat „Frühling in den Alpen“ beherrscht die Koje von French & Company, ohne daß sich Ivan Shishkins bemerkenswertes Küstenstück mit dramatisch in hellen Sand gekrallten Kiefern davon erdrücken ließe; auch diese beiden erfordern Millionen.
Alles, was man will
Bernheimers Collnaghi-Partnerin Katrin Bellinger zeigt unter ersten Kostproben einer kürzlich erworbenen Privatsammlung bedeutender deutscher Zeichnungen Joseph Anton Kochs ungewöhnlich große, exquisite Gouache des Noah-Opfers (180 000 Euro). Mit dem schönsten Beckmann-Bild der Messe kehrte die Gallerie Arnoldi Livie zurück: Die „Kleine Drehtür auf Gelb und Rosa“ aus einstigem Besitz Hanns Swarzenskis hat „alles, was man von einem Werk der Amsterdamer Zeit will“, meint auch Mayen Beckmann während ihres Tefaf-Rundgangs (700 000 Euro).
Livies teilen den Stand mit Daxer & Marschall, der aus der Antiquitäten- in die Malerei-Sektion umzog, aber doch beglückt den subtilen Mechanismus seines ovalen Roentgen-Tischchens vorführt (230 000 Euro). Stolz legte Intarsienschneider Barthel, tätig für das Unternehmen Roentgen, seine „Signatur“ in die köstlich intarsierte Schreibkommode ein und schrieb „Neuwied“ dazu. 285 000 Euro kostet die Rarität bei Mühlbauer, den als Erstaussteller die hohe Kennerschaft seines kauflustigen Publikums fasziniert.
Eingestreut wie Rosinen
Auf das „indianische“ Lackkabinett des Kölner Kurfürsten Clemens August in Schloß Brühl verweist das zierliche chinesische Dekor eines Kabinettschranks, mit dem Albrecht Neuhaus zum Glanz der Kunsthandwerk-Sektion beiträgt (600 000 Euro). Eingestreut wie Rosinen finden sich hier, etwa bei Tenschert oder Jörn Günther, auch die Zimelien und kostbaren Bücher; die Juweliere setzen hier ihre funkelnden Highlights zwischen glorios gefüllte Großraumstände.
Bei Kugel, Paris, reitet Louis XIV von Desjardin auf Boulle-Pedestal für Frankreich durch das erlesene Szenario; bei Neuse gipfelt die Opulenz im goldgefaßten Thron, auf dem August der Starke bei seiner Krönung zum König Polens gesessen haben soll (480 000 Euro). Und Georg Laue schießt mit einem Bernsteinkabinett mal wieder den Vogel ab: Da steht unter sechzig Kostbarkeiten auch ein Kriegerköpfchen, das, fürs berühmte Bernsteinzimmer geschnitzt, wohl bereits mit seinem Schöpfer in die weite Welt ging; das Kleinod ist mit 370 000 Euro veranschlagt.
Eine stattliche Schar
Gleichfalls Petersburger Herkunft adelt eine klassizistische Kommode des bis zum Auftauchen Roentgens intensiv für die Ermitage und Pavlovsk tischlernden Christian Meyer, zu bewundern bei Chenevière aus London. Fast verstummt ist schon das Ständchen, das Gräfin Wallwitz Johann J. Kaendler zum dreihundertsten Geburtstag brachte: Zwei Drittel der stattlichen Schar porzellanener Theaterfigürchen sind bereits verkauft. Nur mit Sondergenehmigung konnte Gertrud Rudigier eine große Mineraliensammlung der Goethezeit aus einem deutschen Fürstenhaus in den originalen Schränken aufbauen, um zu zeigen, wie die gelehrten Sammler von einst über den Kunstgenuß hinaus nach Erforschung der Welt trachteten.
Wieder ist von Erweiterung zu berichten: Aus fünfzehn Ländern - vor allem Holland, England und Deutschland - reisten 218 Händler an, darunter sechsundzwanzig Neuzugänge, das entspricht einer Steigerung von neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nicht, daß die strengen Tefaf-Macher plötzlich eine kulantere Auffassung von Händlerelite pflegten: Die Erweiterung fördert vielmehr gezielt den Ausbau der Moderne-Sektion und rüstet zudem auf für die - zur Freude des Kunsthandels insbesondere im Auktionsbereich spürbar steigende - Nachfrage aus den Wirtschaftsboomländern China und Indien, auch Südostasien und Rußland. Noch wirkt diese Umsicht eher präventiv; auf der Vernissage zumindest ergingen sich fast ausschließlich Europäer.
Stark in fernöstlicher Kunst
Freilich interessiert man sich hier schon länger für klassische chinesische Möbel, wie Grace Wu Bruce sie aus Hongkong mitbrachte, während China eben erst beginnt, in den um 1600 fabrizierten Ming-Stücken, deren elegante Einfachheit unserer Moderne Vorbild war, mehr als Gebrauchsgegenstände zu sehen und zum Beispiel in einen Kabinettschrank mit den charakteristischen Messingbeschlägen 120 000 Euro zu investieren.
Seit den alten Seefahrerzeiten ist Holland stark in fernöstlicher Kunst, was Vanderven & Vanderven erneut mit Vitrinen voll blau-weißer Porzellanpracht bekräftigen oder einem großen, rosagewandeten Würdenträger, der um 1745 in China für den exotikbegierigen Exportmarkt geformt wurde (75 000 Euro).
Bei Erstteilnehmer Dreis Blitz aus Amsterdam verbreitet die Holzskulptur eines japanischen Mönchs des 17. Jahrhunderts in gold- und farbiggefaßtem Gewand meditative Ruhe (115 000 Euro). Littleton & Hennessy bestücken ihr Debüt mit einer großen Lackdose der Han-Zeit, eingelegt mit goldenen Tierfiguren, umfangen von Silberband und stolz signiert von ihren Schöpfern (300 000 Euro).
Die Zeiten haben sich geändert
Die Tefaf steht für das Altmeister-Dorado, in welchem die Moderne lange kaum mehr als ein paar Zierblüten stellte. Strategisches Vorgehen bindet jetzt ein üppiges Bouquet mit Topdealern: So gelang es tatsächlich, die New Yorker Traditionsfirma Wildenstein für die allererste Messeteilnahme in ihrer langjährigen Geschichte zu gewinnen. „Mein Großvater und auch mein Vater“, so erklärt der junge David Wildenstein, „vertraten die Meinung, daß zu uns in die 64th Street kommen soll, wer mit uns ins Geschäft kommen will. Naja, die Zeiten haben sich geändert . . .“
Gemeinsam mit dem - messeerfahrenen - Moderne-Zweig PaceWildenstein bestückt man einen Stand mit dem Feinsten: alte Goldgrund-Italiener, das Goya-Porträt eines reitenden Herzogs von Alkudien (3,3 Millionen Dollar), eine Wand voll Mondrians der Frühzeit und der aufregenden Übergangszeit zur Abstraktion. Dann, kurz bevor mit Judd der Sprung in den Minimalismus folgt, ein Pastel Odilon Redons zum Niederknien: Glühend schillernde, irisierende Wolkenberge vermögen kaum den Sturz Phaetons von seinem Himmelswagen zu mildern (reserviert für 2,5 Millionen Dollar).
Gagosian schmückt seine Premiere mit einer im Querformat mit dem Schwan aktiven Leda, die Lichtenstein 1969 zu Papier brachte (3 Millionen Dollar). Neu auf der Teilnehmerliste firmieren auch Achim Moeller, Richard Gray und Jan Krugier, der hochkarätige Picasso-Werke mit Ingres' Porträt der Comtesse d'Haussonville kombiniert.
Die Klarheit der Antike
„Alte Maastricht-Hasen“ wissen, daß moderne Kunst sich hier nicht ganz so flott verkauft wie in Basel, doch konnte Jablonka sein Fischl-Bild eines Paars im Bad umgehend einem holländischen Museum verkaufen, die Galerie Thomas brachte einen ihrer drei prachtvollen Jawlenskys an den Mann, und es dürfte nur eine Frage kurzer Zeit sein, bis Daniel Blau Warhols schwarzweißes Triptychon „Sidney James“ abgibt (3 Millionen Euro) oder Salis & Vertes ihre für Edvard Munch ungewöhnliche frischfarbene Küstenlandschaft.
Wer, von den unendlichen, nach ein paar Stunden leicht mal verwirrenden Eindrücken quer durch die Jahrhunderte bestürmt, sich noch einmal das Maß zurechtziehen lassen will, gönne sich Zeit für die kleine erlesene Sektion neben der Moderne: Bei David Cahn, Gordian Weber und ihren Kollegen herrscht die Klarheit Ägyptens und der griechisch-römischen Antike. Sicher, das eine oder andere gute Stück dieser Messe sah man schon einmal, der Nachschub ist schließlich nicht unendlich. Dennoch, besser als diese Messe wird allenfalls ihre Ausgabe 2007. Mangels echter Konkurrenz muß die Tefaf sich an sich selber messen lassen.