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Tefaf Maastricht : Wo Werke zu Stars werden

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Beeindruckende Qualität und Entspannung: Auf der Tefaf in Maastricht reagiert man gelassen auf Macrons neue Kunstpolitik.

          Von der European Fine Art Fair (Tefaf) lassen sich mindestens zwei Arten von Geschichten erzählen. Die erste geht so: Weil Werke von Pablo Picasso längst zu einer Lieblingsanlage in Kunstinvestorenkreisen geworden sind, gibt es in Maastricht sehr viele und vor allem späte zu sehen. Das größte, ein Querformat von fast zwei Metern Länge, zeigt Landau Fine Art mit „Les Dormeurs“ von 1965 (35 Millionen Dollar); handlichere Formate führen Van De Weghe, Thomas Salis oder die Hammer Galleries. Letztere wollen nur eine Preisspanne angeben, mit dem originellen Grund, es würde zu viel über Geld geredet. Zwischen fünf und neun Millionen soll Picassos „Le peintre et son modèle“ von 1964 kosten. Von Zahlen handelte auch der „Tefaf Art Market Report“, der dieses Mal wieder nicht erschienen ist. Bereits vor zwei Jahren war die Ökonomin Clare McAndrew, die mit dem Report bis dahin beauftragt war, zur Art Basel gewechselt. Eine neue Publikation zu „Art Finance“ soll nun anlässlich der „Tefaf New York Spring“ herauskommen.

          Die andere Art von Geschichte aber, die man in Maastricht erleben kann, geht so: Kunst zu verkaufen heißt Mythen zu erschaffen, und in diesem Jahr bilden 275 Aussteller den Ort, an dem diese ihren Anfang nehmen können. Es war Leo Castelli, der den Beruf des Händlers den eines Mythenmachers nannte, und er meinte damit, dass viel zusammenkommen muss, damit ein Werk zum Star werden kann. Ebendas bietet Maastricht. Dort trifft das Alte auf das Neue, von der Antike bis zur Moderne, und präsentiert wird in weltweit einzigartiger Dichte und von Experten geprüfter Qualität das Außerordentliche und Kunstvolle.

          Jesus legt seinen Umhang ab

          Da wäre die verblüffende Geschichte eines Altmeistergemäldes von etwa 1545: Als Jan Sanders van Hemessens Bild auf einer Auktion auftauchte, war Jesus noch in einen dunklen Umhang eingehüllt. Nachdem der Restaurator die ersten Schichten abgetragen hatte, kamen ein nackter Oberkörper zum Vorschein, eine Wunde, aus der das Blut als Sturzbach floss, und ein psychedelischer Hintergrund (bei der Galerie Bijl-Van Urk B.V. für 1,4 Millionen Euro).

          Zu entdecken gibt es Szenen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie gemalt wurden: Bei Berko Fine Paintings hängt ein Werk des Symbolisten Pinckney Marcius-Simons mit dem Titel „The Ambitious Model“ (beziffert mit 35 000 Euro). Ein Modell in Kimono zeichnet dort den Künstler, eine Blickumkehrung, die in der Geschichte nur in wenigen Fällen bekannt ist. Die Impressionistin Eva Gonzalès etwa wurde von Manet gemalt und griff selbst zum Pinsel. Auf der Messe ist sie mit einem kleinen Bild von 1874 bei Stair Sainty Gallery vertreten. Von ihrer Kollegin Berthe Morisot hängt das strahlend grüne Aquarell „En promenade au bois“ (für 100 000 Euro) von 1876 bei Jean-François Heim.

          Station in Maastricht macht auch eine Gouache, die durch den Fall Gurlitt weltberühmt wurde: Die Galerie Thomas zeigt Max Beckmanns „Löwenbändiger“ von 1930, der 2011 für knapp 900 000 Euro versteigert worden war und nun ein Mehrfaches kostet. Neben dem Handel ist das Museum die zweite große Mythenmaschine, und die rege Ausstellungstätigkeit befeuert die Messe: Wieder die Galerie Thomas zeigt eine Landschaft aus dem Jahr 1931 von Gabriele Münter (445 000 Euro), der das Lenbachhaus derzeit eine Schau widmet. Alon Zakaim bietet das späte Ölgemälde „Rythme coloré“ (540 000 Euro) von Sonia Delaunay an, deren Werke in der Tate Modern zu sehen waren. Daxer & Marschall Kunsthandel präsentiert Helene Schjerfbecks „Landscape“ (beziffert mit 220 000 Euro) von 1914. Piet Mondrians stimmungsvolles Bild „Haystack III“ von 1908 bietet Jean-Luc Baroni für 950 000 Euro. Verkauft war schon am ersten Tag Artemisia Gentileschis Gemälde „Allegorie der Astronomie“ von 1640 bis 1650 bei Sarti.

          Die Vergänglichkeit bleibt ein aktuelles Thema

          Zu Hause fühlen dürften sich in Maastricht die herrlichen Vanitas-Darstellungen, die ihre Besitzer an die Vergänglichkeit von Pomp und Reichtum erinnern sollen: Den aus Holz geschnitzten „Pilger als Memento Mori“ aus dem 17. Jahrhundert bieten Blumka Gallery & Julius Böhler an (für 850 000 Euro). Zugeschrieben wird er Balthasar Permoser, schon wegen der schreckenerregenden Meisterschaft, mit der die herausquellenden Eingeweide dargestellt sind. Zur Hälfte als Skelett, zur anderen als schöne Frau malte ein süddeutscher Künstler eine Adlige im 18. Jahrhundert, das Carlton Hobbs LLC zeigt (28 000 Dollar). Dort gibt es auch den wunderschönen Herbarienschrank eines Botanikers (185 000 Dollar). Aus Gräbern entstammen die beiden beeindruckenden chinesischen Wächterwesen aus Terrakotta, die Sancai Zhenmushou (950 000 Euro), die bei Vanderven Oriental Art bewundert werden können und mehr als tausend Jahre alt sind.

          Einen Rekord bricht Åmells Konsthandel: Das mehr als vier Meter messende Hochformat „Cleopatra“ dürfte das größte Bild in Maastricht sein. Gemalt hat es der Schwede Julius Kronberg 1883 für ein Schloss (2,5 Millionen Dollar). Die Selbstmordszene schraubt sich über drei Figuren in die Höhe. Das Gegenteil hängt an der Standvorderseite: Nur Farbe ist August Strindbergs experimentelles Bild „Inferno“ (2,9 Millionen Dollar) von 1903. Für Gesprächsstoff sorgte in der Abteilung „Tribal“ Macrons Ankündigung, aus ethnologischen Museen Werke an die Herkunftsländer zurückgeben zu wollen. „Das ist eine neue Situation für uns“, sagt Anthony JP Meyer von der Pariser Galerie Meyer. Für den Handel müsse es keine schlechte Nachricht sein – denn einige Objekte, die in der Vergangenheit zurückgegeben worden waren, seien danach auf dem Markt aufgetaucht, so Meyer. Der Stand zeigt Masken des frühen 20. Jahrhunderts aus Papua-Neuguinea (125 000 Euro).

          The European Fine Art Fair. Im MECC in Maastricht, bis zum 18. März. Täglich von 11 bis 19 Uhr, am Sonntag, dem 18. März, von 11 bis 18 Uhr. Eintritt 40 Euro.

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