10.03.2007 · Weitläufige Kunstkammer: Unübertroffen bleibt die Gemäldesektion der „European Fine Art Fair“, Keimzelle der Maastrichter Messe, die auch die Moderne aufgenommen hat.
Von Rose-Maria Gropp, MaastrichtIn diesem Jahr ein Hauch von Op-Art als dekoratives Entrée. Schwarzweißgestreifte Kurven, und von der Decke hängen Spiegel, wie umgedrehte riesige Seerosenblätter. Das kühle Design heizt die Erwartung an. Es macht die Sinne noch reizbarer für die Gestaltung der einzelnen Stände - deren meiste sich angemessener, vor allem beim Kunsthandwerk und bei den Alten Meistern, als Bühnen bezeichnen lassen, die von den rund 200 Kunsthändlern für ihre Schätze gebaut wurden. Dass da fast alle Meisterwerke mittlerweile ausgeleuchtet sind wie weiland Marlene Dietrich, die auch immer nur Licht von oben wollte für ihr schönstes Fotografiergesicht, hat sich auch auf der Tefaf durchgesetzt. Leider, so mag man bisweilen finden; manche könnten in ihrer Intimität noch lockender funkeln, wie Diamanten, die entdeckt werden wollen. Aber wenn es sonst nichts zu kritisieren gibt, darf man getrost von Luxus reden - man darf!
Die ganze Messe zusammengenommen erscheint inzwischen wie eine weitläufige Kunstkammer mit ihren einzelnen Pretiosen - zu denen dann wieder eine zählt wie die Koje mit Georg Laues Angebot eben dieses Namens, dem das Aroma kunstfertiger Morbidezza entströmt. Hierher könnte auch die als Seeräubergesicht bemalte Kokosnuss aus dem 18. Jahrhundert gehören, die Rudigier, ebenfalls aus München, mitgebracht hat (15.000 Euro). Zur stetigen Verfeinerung des Eigenheims, in ganz anderer Variante von Dekadenz, könnte dort Walter Schnackenbergs zeitgerecht dandyhaftes Porträt vielleicht von Luitpold Herzog in Bayern, jedenfalls aus Wittelsbacherbesitz beitragen (95.000 Euro).
Kriegerische Rüstungen und edles Silber
Zum Sich-Anders-Verlieben ist das zerbrechliche Mädchen bei Böhler aus Starnberg, vielleicht eine heilige Dorothea, von Anfang des 15. Jahrhunderts und dem Altar in Lüneburgs Benediktinerabtei St. Michael (250.000 Euro). Bei Peter Finer spiegelt sich das kriegerische Mittelalter unter Rüstungen in einem Turnierhelm, Augsburg 1580, der die Moderne kantig gebildhauerter Köpfe vorwegzunehmen scheint (mehr als 50.000 Euro). Edelstes Silber späterer glänzt bei Marks aus London, wo vier zehnflammige Kandelaber eine Tafel zieren als wär's in Berlin um 1870. Von Sy & Wagner und den Gebrüdern Friedländer wurden sie im hohen Auftrag der preußischen Prinzen Carl und Friedrich Karl geschaffen für das Schloss in Glienicke und vom Londoner Händler durch glücklichen Zufall aus privaten Sammlungen jetzt wiedervereint (495.000 Euro).
Uneingeholt ist und bleibt die Gemälde-Sektion der Messe, ihre Keimzelle und ihr Herzstück. Wieder einmal setzt Konrad O. Bernheimer Maßstäbe. Er hat seinen Londoner Colnaghi-Salon ganz genau nachgebildet, in dem er vor roten Wänden eine Bildergalerie à la Petersburger Hängung zelebriert. Bouchers junge Dame, die sich ein Schönheitspflaster appliziert, begegnet dort (1,2 Millionen Euro) oder auch zwei Mal Cranach, liebreizend als Madonna mit Kind und Weintrauben (1,5 Millionen Euro) und als „Ungleiches Paar“ des lüsternen Alten und der diebischen Jungen (1,2 Millionen Euro).
Geniale Tücke einer Maler-Sippe
Nicht weit entfernt fährt Johnny van Haeften mit einem großformatigen Beleg für die geniale Tücke der Brueghelschen Sippe auf: Pieter d.J. schuf die „Winterlandschaft mit Bethlehemitischem Kindermord“; sie ist mit 2,63 Millionen Euro ausgezeichnet. Dass an einem Ort wie der Tefaf, wo ganz dicht zusammenkommt, was sich sucht - nämlich die Spitzenwerke des internationalen Marktes und das Publikum, das unter ihnen auswählen möchte -, seit je auch Material aus jüngsten Auktionen wiederkehrt, ist kein Novum: Bei De Jonckheere aus Paris zum Beispiel war es die umwerfende, jede Comic-Ästhetik ante festum überbietende „Versuchung des heiligen Antonius“ von Jacob Isaacsz. Swanenburgh, die gerade bei Hampel in München versteigert wurde - und gleich am Vernissage-Tag in eine europäische Privatsammlung wechselte.
French & Company aus New York treten in gewohnter Extravaganz auf: Dort hängt ein ganz kleiner „Hafen von Triest“, den das unbelehrte Auge in seinem Realismus kaum dem siebzehnjährigen Egon Schiele gegeben hätte. Dieser hatte das Bildchen einst seinem Zahnarzt geschenkt, dem es die Nationalsozialisten raubten. Im vergangenen Jahr restituiert, soll es nun drei Millionen Dollar erlösen. Eine lichtdramatische Sandküste von 1879 des Russen Ivan Shishkin hat bei French gewiss Chancen, in die Heimat zurückzukehren - für genannte vier Millionen Dollar. Auch der Londoner Kollege Richard Green spannt einen imposanten Bilder-Bogen auf hohem Niveau: Von Simon Vouets „Heiliger Katharina von Alexandria“ (5 Millionen Dollar) über Renopirs farbsprühenden Charme in „Beaulieu. Femmes et garconnet“ von 1890 (7,5 Millionen Dollar) hin zu Bonnards „Le Corsage Rouge“ (5,46 Millionen Dollar).
Traumbild des Impressionismus
Bei Wildenstein trifft man auf Cézannes „Baigneur & Baigneuses“ in Öl auf Leinwand (2,75 Millionen Dollar), und ein schönes Cézanne-Aquarell hält Heim aus Paris bereit für 480.000 Euro. Preiswerter darf man sich dort in ein „Porträt d'Alli-Baba“ vernarren, das der 1849 in Stuttgart geborene Louis Welden Hawkins sich ausgedacht hat (20.000 Euro). Kehren wir noch einmal zu Renoir zurück, in Betrachtung des vermutlich am höchsten bezifferten Werks in diesem Jahr in Maastricht: Es geht um Renoirs „Dans les roses“ von 1882, das im Stand der Acquavella Gallery aus New York lockt. Es ist ein Traumbild des Impressionismus, das bezaubernde Porträt der Valentine Clapisson; und das Werk ist bekannt: Der Las Vegas-Kasinokönig Steve Wynn kaufte es am 6. Mai 2003, am Telefon bietend, in einer New Yorker Sotheby's-Auktion für 23,528 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld), im Bereich der damaligen unteren Taxe. Nun traut ihm Acquavella also fast den doppelten Wert zu.
Wahrlich nicht in diesen Dimensionen sind die ganz feinen Zeichnungen angesiedelt oder auch die sanften Gemälde der Romantiker: bei Katrin Bellinger gibt es eine kleine norddeutsche Landschaft von Carl Gustav Carus für 78.000 Euro. Unerreicht ist die Graphik-Offerte der Frankfurter Kunsthandlung Rumbler, wunderbar sorgfältig gehängt, so dass sich wirklich Erkenntnis einstellen kann: drei Rembrandt-Selbstporträts aus drei Lebensaltern nebeneinander (bis 200.000 Euro) und Dürers Blatt mit „Adam und Eva“ in phänomenalem Zustand (1 Million Euro). Noch während der Preview hohe Freude herrschte bei Arnoldi-Livie über den Verkauf der Ölstudie eines Knabenkopfs vom deutschen David-Schüler Gottlieb Schick. Bei Whitfield aus London steht im Zentrum eine kraftvolle, möglicherweise Adriaen de Vries gegebene Bronze von „Sextus Tarquinius und Lucretia“, entstanden in Augsburg oder Prag, um 1600/05 und der beste, so heißt es, von den zehn bekannten Güssen. Die Provenienz weist Markgräfin Sybilla Augusta von Baden-Baden in Rastatts Schloss Favorite als erste Besitzerin aus, danach die Familie der einstigen Markgrafen von Baden, bis ins dortige Schloss hinein, wo die Bronze als Los-Nummer 323 im Jahr 1995 bei der so genannten „Markgrafen-Auktion“ von Sotheby's versteigert wurde; jetzt ist das prominente Stück mit 1,9 Millionen Euro beziffert wieder auf dem Markt.
Über die Selbstverständlichkeit des Understatements
Dass die „European Fine Art Fair“ sich der Moderne bis in die Gegenwart inzwischen ebenfalls bemächtigt hat, wird fast mit der herrschenden Selbstverständlichkeit des Understatements in dieser Sektion präsentiert, in der sich freilich die Leute gleich dicht an dicht drängten. Hier geht Marlborough mit seinem 4,5 Meter breiten Triptychon vor hellrosafarbigem Grund in preisliche Vorlage, das natürlich kein anderer als Francis Bacon mit „Three Studies of the Human Body“ im Jahr 1970 bestückt haben kann: 28 Millionen Euro heißt die Hausnummer vor dem Hintergrund zumal der jüngsten Rekorde für Bacon-“Päpste“. Bei Marlborough zieht ein weiteres kapitales Werk die Blicke auf sich: Max Beckmanns „Selbstporträt im Hotel“ von 1932 (118 mal 50 Zentimeter messend), von dem sich offenkundig die Sammlung der West-LB getrennt hat. Preisvorstellungen zu diesem Bild scheinen bei der Galerie zu schwanken; unterschiedliche Nachfragen führten zu Angaben von dreißig und von vierzig Millionen Euro - nennen wir es märchenhaft. Der zweite Beckmann ist bei Moeller aus New York verfügbar: „Elefant und Clown im Stall“ von 1944 ist ein schillernd düster-heiteres Bild (1,45 Millionen Dollar).
Wer es früh und aufregend mag, der schaue sich bei Meier/Schönewald Agnes Martins „Words“ von 1961 an (650.000 Dollar), bei Michael Werner zwei kleine De-Chirico-Gemälde der vierziger Jahre, bei Landau aus Montreal Paul Klees abenteuerliche „Schwarze Maske“ von 1938 (1,25 Millionen Dollar oder bei Beck & Eggeling Franz Marcs Mädchenakt von 1907 (360.000 Euro) und ein rotes Pferdchen-Aquarell (240.000 Euro). Daniel Blau kann Pierre Klossowskis nicht jugendfreies Zeichnungsgroßformat „Gulliver, marchandant avec Robert“ von 1980 aufbieten (120.000 Euro), Hauser & Wirth, zum ersten Mal in Maastricht, stellen sich gleich Louise Bourgeois' Mega-Spinne hin: Die „Spider“-Plastik ist vage mit vier Millionen Dollar ausgezeichnet - jeder, heißt es am Stand, wolle sie haben. Ganz bestimmt lässt sich auf dieser Messe auch noch etwas anderes finden!
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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