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Taissia Korotkowa in Moskau : Jawohl, Retrofuturismus

Die sowjetischen Träume von einer hochtechnologischen Zukunft sind Vergangenheit. Taissia Korotkowa lässt sie in der Galerie Triumph als unheimliche Idyllen wieder auferstehen.

          Die in unmittelbarer Nähe des Moskauer Kremls gelegene Galerie Triumph präsentiert gerade eine Schau mit neuen Werken der altmeisterlich malenden russischen Retrofuturistin Taissia Korotkowa. Die Ausstellung mit dem Titel „Geschlossenes Russland“ versammelt fünfzehn, in den vergangenen zwei Jahren entstandene, großformatige Temperagemälde auf Lindenholz, die Intimzonen der sowjetischen wie auch der postsowjetischen Geschichte beleuchten. Die Bilder machen ihre einst teuer bezahlten, aber längst toten Zukunftstechnologien als unheimliche Idyllen sichtbar. Die Preise dafür orientieren sich freilich weniger am depressiven russischen, sondern eher am europäischen Markt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Korotkowas vier Spitzenstücke, die die Namen der vier Himmelrichtungen tragen, sind romantisch-allegorische Grenzvisionen aus der Sicht des rückständigen Imperiums. Auf dem Bild „Süden“ sieht man Hinterlassenschaften der sowjetischen Hochtechnologie in der inzwischen von allen europäischen Kolonisatoren verlassenen kirgisischen Steppe, die sich ausnehmen wie antike Ruinen auf einem orientalistischen Gemälde.

          Die monumentale Laserwaffenanlage gleicht einer mesopotamischen Zikkurat, die stillgelegte Uranmine einer astronomischen Siedlung (20.000 Euro). Der „Westen“ beschwört mit Großbaustellen, einem fernen Glaspalast und kaputten Neubauten vor einem tiefgelegten Horizont die nahe geglaubte, verfehlte glorreiche Zukunft (25.000 Euro). Der „Norden“, ein nordlichtbeschienener Friedhof für U-Boote und Ölfässer, und der „Osten“, die Vedute einer letzten Schiffsruhestätte auf Kamtschatka im Morgennebel, sind bereits verkauft.

          Das atomare Heilsversprechen

          Den Alterungsprozess der Zukunft, deren Hochtechnologie zu archäologischen Kostbarkeiten wird, vergegenwärtigt Korotkowa ferner mit ihren Interieurs aus wissenschaftlichen Instituten der sowjetischen Kernphysik. Hier prangen in elfenbeinweißem Raum schimmernde Metallgerüste, die blitzsauberen Nukleartreibstoff ausstoßen („Herstellung von Urantabletten“; 10.000 Euro). Die fertigen Patronen werden sodann in spielzeugbunten Kästen verwahrt („Verpackung von Nuklearmaterial“; 10.000 Euro). Mit besonderer Faszination malt Korotkowa die majestätisch sich durch Hallen und Korridore wälzenden oder Schaltwände überwuchernden Kabelbündel, die idealistische unterversorgte Wissenschaftler geflochten und verlötet - und so die Institutstechnik überhaupt funktionstüchtig erhalten - haben (vier Bilder, die dieses Sujet variieren; je 15.000 Euro).

          Auch der Verarbeitung und Einlagerung atomarer Abfälle - der vielleicht tragischsten, weil die reale Zukunft mit ihrem Sicherheitsrisiko belastenden russischen Hochtechnologie - hat Taissia Korotkowa drei Bilder gewidmet. Auf „Verarbeitung der Atomabfälle“ sieht man in einer Sicherheitsküche riesige Marmeladengläser vor sich hin dampfen, die „Anlieferung des Kernmülls“ zeigt, wie torpedoförmige Kapseln in Bunker versenkt werden, und die „Abfallbegräbnisstätte“ lässt einen auf die Panzerglasflächen der dunklen Gruft blicken, von der man weiß, dass sie bis zum jüngsten Tag nicht ruhig bleiben kann (je 10.000 Euro).

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