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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Syriens bedrohte Kunstwelt Tag für Tag ins Atelier - trotz Bürgerkrieg

 ·  Syriens Galeristen und Künstler leiden. Nur noch im Internet tauschen sie sich über die Lage aus. Der Künstler Fadi Yazigi hat seine Sprache und seinen Mut noch nicht verloren.

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© Fadi Yazigi Kurz vor seiner Abreise nach Deutschland jetzt hat Fadi Yazigi dieses Reliefbild fertiggestellt. Die sechzehn Tonplatten im Format von jeweils vierzehn mal vierzehn Zentimetern stehen jede für einen Monat seit Beginn der blutigen Auseinandersetzungen

Fadi Yazigi wirkt müde. Der Mitvierziger mit dem sanften Gesicht und dem gepflegten Englisch spricht leise, so als fürchte er unerwünschte Zuhörer. Er spricht von tiefem Kummer über den Zustand seiner Heimat, von der Trauer über die Toten, von denen er glaubt, es seien weit mehr als 30.000, von den Strapazen im Alltag, von den Schmerzen, unter denen er leidet, seit er nach der Teilnahme an der Beerdigung eines getöteten Muslim von gedungenen Schlägern brutal verprügelt wurde. Über Beirut ist ihm die Reise von Damaskus nach Deutschland gelungen. Zumindest für kurze Zeit sucht er bei Freunden Ablenkung von einem Bürgerkrieg, den er immer wieder „die Revolution“ nennt, so als wolle er den Umsturz herbeibeschwören, obwohl er selbst - der Christ - nicht prophezeien mag, wohin die Reise Syriens nach einem Abgang von Baschar al-Assad geht.

Yazigi ist ein etablierter Künstler; gewiss kein Revolutionsheld, aber auch nicht angepasst. Vor drei Jahren löste er einen Skandal aus, weil er Figuren auf Damenbinden malte - inakzeptabel in einem Land, in dem die Schwellen des Tabubruchs schnell überschritten sind. Sein Atelier liegt im alten Judenviertel von Damaskus, unweit der „Via Recta“, auf der einst Saulus zum Paulus wurde. Nicht einmal eineinhalb Jahre ist es her, als die Welt hier noch in Ordnung schien.

Erste private Kulturinitiativen hatten durch Ausstellungen, Symposien und Workshops begonnen, die Entstehung einer jungen und international ausgerichteten Damaszener Kunstszene zu fördern. Preise wurden ausgelobt. Mehrere Galerien wie Ayyam, Tajalliat, Rafia oder auch die seit 1993 bestehende und damit für syrische Verhältnisse traditionsreiche Galerie von Mouna Atasi hatten begonnen, syrischen Bildhauern und Malern den Zugang zur Klientel aus anderen als lediglich arabischen Ländern zu erschließen.

Eine neue Künstlervereinigung

„Viel ist davon nicht geblieben“, sagt Yazigi. Und in der Tat: Schwermut hat sich über die Szene gelegt. Wer beispielsweise auf die extravagante Homepage der Ayyam Gallery mit Niederlassungen in Beirut und Dubai klickt, der findet unter „Damascus“ nur noch „Please check back later“. Kahled Samawi, der umtriebige Gründer von Ayyam, hat sein Quartier aus dem einst vornehmen Viertel West-Mazza hoffenbar ins Ausland verlagert. Andere Galeristen haben ihre Homepages ganz abgeschaltet. Der Kunstmarkt ist zusammengebrochen.

Freilich: Fadi Yazigi berichtet, dass derzeit unter dem Titel „Alfanwa Alhorieh“ (Kunst und Freiheit) jeden Tag über Facebook ein Werk ins Netz gestellt werde, in dem ein Künstler sein Empfinden über die Lage in Syrien zum Ausdruck bringe. Auch Yazigi beteiligt sich an der Initiative, und gehört zu denen, die die Auswahl treffen. Es sind Bilder von Hoffnung, Wut und Leiden. Außerdem habe sich eine syrische Künstlervereinigung gebildet, die sich einstweilen als „Freie Syrische Künstler“ bezeichnet. Schon etwa 300 Personen sollen sich diesem Kreis angeschlossen haben. Es scheint, als sei diese Gruppe ein Sammelbecken des Protests gegen die alte „Plastic Artists Union“, ein Gewächs im Dschungel staatlicher Einrichtungen, die ihrem Zerfall von Tag zu Tag näher entgegengehen. Auch hier wird vornehmlich über das Internet kommuniziert. Zwar weiß jeder, dass das gefährlich ist. Aber Yazigi gibt sich zuversichtlich: „Es gibt viele mutige Künstler in Syrien. Die Angst raubt uns nicht unsere Sprache.“

Yazigi geht Tag für Tag in sein Atelier: „In letzter Zeit habe ich es allerdings manchmal nur ein paar Stunden dort ausgehalten. Meine Konzentration und meine Kreativität haben unter der dauernden Anspannung gelitten. Das geht vielen meiner Freunde und Kollegen so.“ Immerhin hat er aber kurz vor seiner Abreise nach Deutschland ein Relief aus sechzehn Tonplatten im Format von jeweils vierzehn mal vierzehn Zentimetern fertiggestellt. Jede von ihnen steht symbolisch für einen Monat seit den Ereignissen vom März 2011, als bei Zusammenstößen in der Stadt Dar’a mindestens fünf Menschen starben und das syrische Drama begann.

Sie zeigen die für Yazigis Kunst typischen Figuren mit überdimensionierten Köpfen und schmalen Körpern, die über- und unmenschlich zugleich wirken. Der Künstler, der seine Werke gewöhnlich nicht betitelt, hat das Relief „Sixteen Months“ genannt. Die Interpretation will er dem Betrachter überlassen. Nur bei der Frage nach dem zweiten Relief von unten in der rechten Reihe gibt er preis, dass es ein Kind mit einem Lutscher ist. Sein Körper ist von Kugeln durchbohrt. Und die vielen Vögel? „Wofür stehen Vögel?“ Für Freiheit, Phantasie und den Glauben an bessere Zeiten.

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