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Spanische Bilanz Und ab und zu ein kleines Meisterwerk

Nicht hochpreisig, aber freundlich: Die Bilanz des spanischen Kunstmarkts 2012 wird angeführt von einem brillanten Stillleben.

In diesen Krisenzeiten haben schließlich doch neunzehn, vorwiegend Gemälde Alter Meister auf Auktionen im obersten Segment - das heißt in Spanien jenseits der 100.000 Euro - neue Liebhaber gefunden. An Werke im siebenstelligen Bereich traute sich nur das eher im Hintergrund arbeitende Madrider Haus Galileo heran: im Juni mit dem - Rembrandt zugeschriebenen - Porträt eines Mannes und im November mit einem heiligen Aloisius Gonzaga von Goya - die beide auf ihren Schätzungen von jeweils 1,2 Millionen Euro sitzenblieben.

Angeführt werden die zehn höchsten Zuschläge von einem der wunderbaren und entsprechend begehrten Stillleben des Juan van der Hamen. Das schlichte kleine, vom Experten William B.Jordan als „Juwel“ bezeichnete Gemälde einer „Kredenzplatte mit Obst und einem Teller mit Äpfeln“ aus dem Jahr 1630 wurde im Oktober von drei anonymen Bietern an Telefonen im Madrider Haus Segre auf - für spanische Verhältnisse stolze - 580.000 Euro angehoben, ausgehend von einer Schätzung bei 275.000 Euro. Bereits in den Jahren 2001 und 2004 hatten Stillleben Van der Hamnes an der Spitze der spanischen Top Ten gestanden. Ein zweites, kompositorisch sogar aufwendigeres Stillleben mit der für den Maler charakteristischen grauen Stufe im Vordergrund ging nun 2012, zwei Monate später im selben Haus, an seinen Bewunderer schon zur Taxe von 200.000 Euro - und belegt damit Platz acht.

Noch ein wenig früher entstand das Los auf Rang zwei, eine undatierte „Jungfrau mit Hut und Jesuskind (Zigeuner-Muttergottes)“ des Renaissance-Malers Luis de Morales, der den Beinamen „der Göttliche“ trug. Für diese melancholisch anmutende, gerade so gut zur Weihnachtszeit passende Holztafel fiel der Hammer am 21. Dezember, diesmal bei Sala Retiro in Madrid, bei 550.000 Euro, der Schätzung entsprechend. Platz drei und vier teilen sich - mit je 400.000 Euro - eine „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ des Juan de Juanes, eines Zeitgenossen von Morales, und ein Sonnenuntergang des Franzosen Claude-Joseph Vernet aus dem 18. Jahrhundert. Während die in Rom gemalte, romantische Bucht mit Sonnenuntergang im Madrider Haus Fernando Durán ihrer Taxe entsprach, stritten sich um die „Adoración“ mehrere Bieter und brachten das Bild von 90.000 bis auf 400.000 Euro. Eine weitere „Jungfrau mit Kind“, diesmal von Bartolomé Bermejo aus den sechziger Jahren des 15.Jahrhunderts, sicherte mit 240.000 Euro (200.000) dem Auktionshaus Ansorena in Madrid den fünften Rang.

Erinnerungen an die Kolonialzeit

Die Firma Alcalá, ebenfalls in der spanischen Hauptstadt, landete auf Platz sechs mit der 146 mal 113 Zentimeter großen Tafel einer „Beweinung Christi“ von Ambrosius Benson (um 1495 bis 1550), die für taxgemäße 210.000 Euro vermittelt werden konnte. Eine Überraschung erzielte dagegen das schmale, enorm dekorative Hochformat mit zwei Frauen, die eine Treppe emporschreiten. „Spanien führt die Glorie zu den Philippinen“ lautet sein Titel. Das metaphorische Gemälde stammt von dem in Madrid ausgebildeten Maler philippinischer Herkunft Juan Luna Novicio (1857 bis 1899). Er fertigte drei Versionen dieses Motivs an: Eine befindet sich in Manila, eine weitere gehört zum Bestand des Prado und hängt im Rathaus von Cádiz. Bei Balclis in Barcelona belohnten mehrere Bieter im Oktober die heroischen Damen aus dem Jahr 1884 mit einem Gefecht, bis der Zuschlag erst bei 200.000 Euro erfolgte, gegenüber der Erwartung von 72.000 Euro - Rang sieben damit.

Juan Luna Novicio ist übrigens ein Bruder des philippinischen Volkshelden Antonio Luna, der eine wichtige Rolle in der Geschichte dieser spanischen Kolonie spielte. Ein anderer Protagonist der Kolonialgeschichte, der Gouverneur von Puerto Rico, Miguel de la Torre, nimmt Platz neun ein. Sein großformatiges Porträt in Öl schuf der amerikanische Maler Eliab Metcalf 1826; bei Alcalá spielte es im Mai 190.000 Euro (130.000) ein. Die gleiche Summe erzielte auch eine Mischtechnik des einzigen Vertreters der Gegenwart unter den Top Ten in Spanien: Von Antoni Tàpies ging, nur eine Woche nach dem Tod des Künstlers am 6. Februar, das Bild „Grau und Schwarz“ von 1956 zum Schätzpreis von 190.000 Euro in neue Hände über.

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Rekordpreise erzielten in Spanien diesmal Münzen: In Madrid hat das Haus Jesús Vico in drei Auktionen seinen Anteil an der Münzsammlung Huntington versilbert. Dazu gehörte eine außerordentlich rare Zehn-Excelentes-Münze des Katholischen Königspaars Ferdinand II. von Aragonien und IsabellaI. von Kastilien, die im Juni, ihrer Taxe entsprechend, für 450.000 Euro ins Ausland ging. Im Oktober folgte ein weiteres Unikat, eine Acht-Escudos-Münze von Philipp IV., die 1652 in Pamplona geprägt wurde - für 525.000 Euro. Das Haus Áureo & Calicó in Barcelona hatte schon im Februar Höchstpreise mit Münzen des Römischen Reichs erzielt: Ein 4,27 Gramm schweres Unikat mit dem Bildnis des Feldherrn und Gegenkaisers Carausius ersteigerte dort ein deutscher Sammler für 550.000 Euro (20.000); eine fast doppelt so schwere Goldmünze des Kaisers Carcalla wurde von 18000 auf 450.000 Euro angehoben. Viele weitere Lose ließen ihre Schätzpreise ebenfalls weit hinter sich.

Bei Soler y Llach in Barcelona konnte am 30. Oktober die Auktion mit 144 Fotografien von Man Ray die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen: Nur 44 Lose stießen auf Interesse, darunter für 100.000 Euro (untere Taxe) ein Konvolut mit sechs Motiven afrikanischer Stammeskunst, das 1936 in den „Cahiers d’Art“ einen Text von Michel Leiris illustriert hatte. Nach Angaben des Hauses fielen die amerikanischen Bieter aus. Indirekt wurde auch Barcelona Opfer des Wirbelsturms Sandy.

Quelle: F.A.Z.

 
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