http://www.faz.net/-gqz-74jxf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 28.11.2012, 06:17 Uhr

Spaniens Kunst-Krise Protestieren und Durchhalten

In Spanien schüttelt die Krise auch Künstler und Galerien. Hinzu kommt die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Kunst auf 21 Prozent: ein Lagebericht.

von CLEMENTINE KÜGLER, Madrid

Während Gewerkschaften und Protestbewegungen in Spanien einen heißen Herbst begannen, verlesen die Künstler- und Galeristenverbände Manifeste und suchen konstruktive Wege, um die Wirtschaftskrise zu meistern.

Die Kürzungen der öffentlichen Gelder bei Staat und Kommunen, von Subventionen für ausländische Kunstmessen und bei den Stipendien für Künstler und Ausstellungen, der Wegfall der Sparkassen und Banken als Sponsoren machen dem spanischen Kunstmarkt schwer zu schaffen - hinzu kommt die schwer zu Buche schlagende Erhöhung der Mehrwertsteuer von acht auf 21 Prozent. Der spanische Nationalpreisträger und angesehene Fotokünstler José Manuel Ballester warnt vor dem Aderlass: „Besser acht Prozent von etwas als 21 Prozent von nichts.“ Viele befürchten, dass aus dem Kunstmarkt ein Schwarzmarkt wird.

Künstler haben das Nachsehen

Heinrich Ehrhardt, seit fünfzehn Jahren als Galerist in Madrid tätig, fragt sich, wer noch spanische Künstler in Spanien kauft, wenn sie in anderen europäischen Ländern, wo der Mehrwertsteuersatz geringer ist, günstiger sind. Denn Kunst sei in Spanien schlagartig teurer geworden; die Galerien haben Wettbewerbsnachteile, und die Künstler verdienen weniger. Die Madrider Kunstmesse Arco, auf der die Hälfte aller Galerieverkäufe eines Jahres getätigt werden, wird für ausländische Galerien und internationale Sammler unattraktiv. Zumindest während der Messetage hoffen die Veranstalter deshalb auf eine reduzierte Mehrwertsteuer, wie sie in den Anfängen der Arco üblich war.

Das spanische Institut für Zeitgenössische Kunst erklärt, dass viele Künstler momentan ihre Preise noch nicht erhöhen, sondern die Differenz selbst auffangen. Die jetzt für 2013 angekündigten Einsparungen im gesamten Kulturbereich betragen noch einmal dreißig Prozent: Seit 2009 wären damit die öffentlichen Mittel für Kultur um siebzig Prozent geschrumpft, rechnet die Tageszeitung „El País“ vor. Nicht nur der Galerienverband von Barcelona fordert die Wiedereinführung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes, andernfalls sieht man dort zwanzig Prozent der Galerien von der Schließung bedroht.

Für den Kunstmarkt lautet die aktuelle Strategie - zusammenhalten. Der Galeristenverband Arte Madrid hat, nach der Sommerpause, die gemeinsamen Eröffnungen seiner 46 Mitglieder koordiniert, als „Apertura“ an einem Wochenende. Dabei wurde weitgehend auf bekannte Namen gesetzt, um das Risiko gering zu halten. Entsprechend groß waren der Andrang und die Nachfrage, auch wieder seitens der spanischen Sammler, die sich im ersten halben Jahr weniger blicken ließen, sagt Heinrich Ehrhardt.

Die Attraktivität Madrids

Barcelona hatte für den Beginn der Herbstsaison „Ars Nou“ ins Leben gerufen: Bekannte Galerien stellten unter der Patenschaft etablierter Künstler Jungtalente aus. Damit seien, so der Präsident von Art Barcelona, Carlos Durán, keine kommerziellen Erfolge zu feiern, aber Dynamiken in Gang gesetzt, die sich später einmal rechnen könnten. Ähnliche Ziele verfolgen die Atelierbesichtigungen, die immer professioneller koordiniert werden. In ganz Spanien kommen für Galerien, die schließen, in der Regel neue hinzu, auch in Städten wie Altea, Málaga oder Bilbao.

Mehr als ein Drittel der rund 400 Galerien, die in Spanien arbeiten, befinden sich allerdings in Madrid und machen, zusammen mit den Kunsthändlern, etwa 150Millionen Euro Umsatz im Jahr. Immer mehr Galerien aus Barcelona eröffnen einen zweiten Standort in der Hauptstadt, die Drehkreuz auch für den iberoamerikanischen Markt ist. Das lebendige Klima, die Kreativität und das Interesse der Leute, so findet die Galeristin Rebeca Blanchard, seien in Madrid inzwischen ausgeprägter als in der einstigen Kunstmetropole Barcelona. Auch sie hat gerade eine Dependance in Madrid eröffnet. Für die Galerie Pérez de Albéniz aus Pamplona wurde ein lang geplanter zweiter Standort jetzt möglich - ausgerechnet durch die gefallenen Immobilienpreise.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Galerierundgang Salzburg Salzburg treibt es wunderbar bunt

Auch in dieser Saison fahren die Galerien in der Stadt zur Festspielzeit auf: Ein Rundgang führt zu klassischen und ganz aktuellen Werken, von Max Ernst bis Chloe Piene. Mehr Von Brita Sachs/Salzburg

20.08.2016, 09:56 Uhr | Feuilleton
Primera Divison Real Madrid droht der Fehlstart

Los geht es in der spanischen Liga: Während der FC Barcelona dem Auftakt entspannt entgegensehen kann, spricht die Statistik gegen einen Erfolg von Erzrivale Real Madrid. Die Vorschau auf den Start der Primera Division. Mehr

19.08.2016, 20:18 Uhr | Sport
Fußball-Transferticker Konkurrenz für ter Stegen bei Barcelona

Manchester City holt Torwart aus Barcelona +++ Schweinsteiger erklärt Zukunftspläne +++ U-21-Talent wechselt zu Mainz +++ Ronaldo und Bale sollen verlängern +++ Österreicher verstärkt Bayer +++ Alle Infos im Transferticker bei FAZ.NET. Mehr

24.08.2016, 14:32 Uhr | Sport
Aushängeschild Ein Café in Spanien wirbt für Nordkorea

Ein einzigartiges Café im spanischen Tarragona will das öffentliche Bild von Nordkorea verbessern und gegen Mythen und Manipulationen vorgehen. Das stößt auf Kritik von Menschenrechtlern. Mehr

09.08.2016, 08:55 Uhr | Gesellschaft
Liga-Start in Spanien Warum Kroos ein Fall für Barcelona wäre

Real Madrid? Völlig Konzeptlos – findet zumindest der frühere Trainer Ángel Cappa. Vor dem Start der Primera Division an diesem Freitag überrascht der Spanier noch mit weiteren interessanten Thesen. Mehr Von Hans-Günter Kellner, Madrid

20.08.2016, 18:11 Uhr | Sport

Großzügige Angebote der SPD

Von Jasper von Altenbockum

Die SPD wäre nicht die SPD, wenn die von ihr angeregte Entlastung allen Bürgern gleichermaßen zugute kommen würde. Keine Steuersenkung ohne Steuererhöhung! Mehr 5 22