Aller Anfang war schwer - auch für die heutigen Götter der Malerei; denn bevor sie den Olymp besteigen konnten, waren sie erst einmal heilfroh, daß sie es überhaupt auf den Parnass geschafft hatten. „Parnass“, so hieß in Anlehnung an den Musenberg des Apoll die Galerie, die das Architektenehepaar Rolf und Anneliese Jährling im Jahr 1949 im noch kriegszerstörten Wuppertal gegründet hatte. Damals lag der „Parnass“, wie man in einer der ersten Einladungen erfahren kann, nur „3 Treppen hoch“, in der Aue 30a. Weitaus höher angesiedelt war die Galerie jedoch in den Augen sämtlicher Kunstfreunde: Im Verlauf der fünfziger Jahre wurde sie zu einer der ersten Adressen für (nicht nur rheinische) Gegenwartskunst, und immer bedeutender werdende Künstler und immer bedeutender werdende Sammler gaben sich dort die Klinke in die Hand.
Zu den zahlreichen Höhepunkten in der kurzen Biographie der Galerie, deren Betrieb mit einem rauschenden Fest am Ende des Jahres 1965 eingestellt wurde, weil die Jährlings nach Afrika wollten, zählt das berühmte Vierundzwanzig-Stunden-Happening vom 5. Juni 1965 mit Beuys, Brock, Moorman, Paik, Rahn, Schmit und Vostell. Und sicherlich auch jene einzigartige „Vorgartenausstellung“ Ende Februar 1964, bei der Millionen nicht in den Sand, sondern in den Schnee gesetzt wurden. Aber damals waren es noch gar keine Millionen; denn die teuersten Werke kosteten gerade mal 1600 Mark.
Mit dem Kleinlaster nach Wuppertal
Gerhard Richter (damals 30 Jahre alt), Sigmar Polke (21), Konrad Lueg (alias Konrad Fischer, 23) und Manfred Kuttner (25) waren es, die nach kurzfristiger telefonischer Vorankündigung mit einem Kleinlaster nach Wuppertal gefahren waren, um den Jährlings ihre Werke zu zeigen und sie zu einer Ausstellung zu bewegen. Die Kunststudenten luden ihre Arbeiten aus und stellten sie in den noch verschneiten Vorgarten. Dann erst klingelten sie, und den Galeristen bot sich der Anblick, den Rolf Jährling sogleich mit seiner neuen Minox-Kamera festhielt.
Zwei Jahre zuvor, 1962 hatten sich die vier jungen Künstler in der Düsseldorfer Kunstakademie kennengelernt und seitdem in einer Art „Notgemeinschaft“, wie Richter ihre Beziehung rückblickend bezeichnete, einige Jahre gemeinsam versucht, im außerakademischen Kunstbetrieb Fuß zu fassen. Richter und Manfred Kuttner, die sich an der Akademie ein Atelier teilten, erhielten im September 1962 ihre allererste öffentliche Ausstellung auf Vermittlung von und, wie man heute sagen würde, „kuratiert“ durch ihren Mitstudenten Franz Erhard Walter in der Galerie für Junge Kunst Fulda. Alle vier zusammen mieteten dann 1963 für zwei Wochen einen leerstehenden Laden in der Düsseldorfer Kaiserstraße 31a und veranstalteten dort die „erste Ausstellung ,deutscher Pop-art'“, wobei der Begriff des Kapitalistischen Realismus geprägt wurde.
Keinen Blumenstrauss! Flamingos malen.
Kunstgeschichte gemacht hat auch die im selben Jahr von Gerhard Richter und Konrad Lueg im Düsseldorfer Möbelhaus Berges inszenierte Aktion „Leben mit Pop - Eine Demonstration des Kapitalistischen Realismus“. Und ein Jahr später, 1964 eben, stellten alle vier ihre Arbeiten in den verschneiten Vorgarten der Wuppertaler Galerie Parnass von Anneliese und Rolf Jährling, um die Galeristen zu einer Ausstellung zu bewegen, die dann tatsächlich im Dezember 1964 unter dem Titel „Neue Realisten“ stattfand. Zeitgleich mit dieser Ausstellung eröffnete in Berlin René Block (damals 22 Jahre alt) seine Galerie mit der Ausstellung „Neodada, Pop, Kapitalistischer Realismus“, wo wieder alle mitmachten. Im Jahr 1966 feierten Richter, Polke und Lueg eine Hommage an den Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela, bei der sich erstmals Polkes „höhere Wesen“ äußerten; auf einer Tafel stand: „ich stand vor der leinwand und wollte einen blumenstrauss malen. da erhielt ich von höheren wesen den befehl: keinen blumenstrauss! Flamingos malen. erst wollte ich weitermalen. doch dann wusste ich, dass sie es ernst meinten.“ (Berühmt wurden sie 1969 mit Polkes Bild „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“, heute in der Stuttgarter Sammlung Fröhlich.)
Demonstrationen und Neuorientierungen
Auch als Heiner Friedrich mit der „Demonstrative '67“ gegen seine Nichtzulassung zum Kunstmarkt Köln '67 protestierte, waren Richter, Polke und Lueg wieder dabei, Manfred Kuttner allerdings nicht mehr. Als Vater von zwei Kindern war er um die finanzielle Sicherheit seiner Familie bemüht und tauschte die allzu freie Künstlerschaft gegen die Fesseln eines sicheren Einkommens im Graphikatelier der Hildener Ducolux-Lackfabriken. Auch Konrad Lueg orientierte sich schließlich neu. Er nannte sich wieder Konrad Fischer und eröffnete mit Carl Andres Ausstellung „Altstadt Rectangle“ am 21. Oktober 1967 in der Düsseldorfer Neubrückstraße 12 seine Konrad Fischer Galerie. Mit einigem zeitlichen Abstand präsentierte er dort auch seine Freunde Richter (vom 11. April bis zum 7. Mai 1970) und Polke (vom 9. Juni bis zum 9. Juli 1970). Konrad Fischer und seine Frau Dorothee zählten bald zu den wichtigsten und einflußreichsten Galeristen der Minimal art, Concept-art und Land-art in Europa.