http://www.faz.net/-gqz-rezs

Serie : Dokumente der Thannhauser-Galerien: Aus dem Zentralarchiv 27

  • -Aktualisiert am

Die Familie Thannhauser gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den führenden Kunsthändlern Deutschlands. Das in beträchtlichen Teilen erhaltene Archiv der Galerien hat die Silva-Casa-Stiftung dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels überantwortet.

          Hummer und Katze“, am 11. Januar 1965 als Paraphrase auf Chardins berühmten „Rochen“ von 1728 gemalt, hat Picasso seinem Galeristen Justin Thannhauser zum Dank geschenkt. Heute gehört es zu den legendären 32 „Thannhauser-Picassos“ in der 73 Spitzenwerke umfassenden Thannhauser Collection im New Yorker Guggenheim Museum.

          Die Familie Thannhauser gehörte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten zu den führenden Kunsthändlern Deutschlands - zu vergleichen mit Paul Cassirer, Alfred Flechtheim, Daniel-Henry Kahnweiler, Paul und Leonce Rosenberg, Ambroise Vollard und Herwarth Walden. Ihre Geschichte beginnt 1909, als sich Heinrich Thannhauser von seinem Kompagnon Joseph Brakl trennte, mit dem er seit 1905 die Moderne Kunsthandlung in München betrieb, und seine Moderne Galerie im Arcopalais eröffnete.

          So spektakulär wie die Räume der Galerie mit einem Lichthof von 300 Quadratmetern waren auch ihre Ausstellungen. Eröffnet wurde mit einer Schau von mehr als 200 Gemälden, etwas mehr als ein Viertel davon hatte Thannhauser zusammen mit Rudolf Meyer-Riefstahl aus Paris mitgebracht: 55 Meisterwerke von Cassatt, Degas, Manet, Monet, Pissarro, Renoir, Sisley und weiteren gaben den bis dahin in Deutschland umfassendsten Überblick über den französischen Impressionismus und erregten entsprechendes Aufsehen. Zusammen mit Bernheim-Jeune, Durand-Ruel und Cassirer organisierte man 1910 eine Manet-Wanderausstellung; Manets „Bar in den Folies Bergère“ wurde von Thannhauser an den Berliner Sammler Eduard Arnhold verkauft. Es folgte eine Schau mit 62 Werken von Gauguin, und ebenfalls zusammen mit Bernheim-Jeune und Herwarth Walden präsentierte man erstmals in Deutschland die italienischen Futuristen. Die Zusammenarbeit mit Kandinsky und seinem Kreis bildete seit der ersten Ausstellung des Blauen Reiters 1911/12 eines der stärksten Fundamente, und die Freundschaft mit Theo van Goghs Witwe Johanna van Gogh-Bonger und deren Sohn Vincent erschloß einen weiteren wichtigen Bestand.

          Zurück aus Paris mit Renoir im Gepäck

          Justin Thannhauser, Heinrichs Sohn, war bereits mit siebzehn Jahren in das Geschäft eingestiegen und wurde vom Vater zum Studium nach Berlin, Florenz und Paris geschickt. Zu seinen Studienkollegen zählten Henri Bergson, Adolf Goldschmidt und Heinrich Wölfflin, den der junge Thannhauser für Vorträge in der Münchener Galerie gewinnen konnte. Justin vertiefte in Paris auch die wichtigen Kontakte zu Kahnweiler und Uhde und hatte bei seiner Heimkehr im Jahr 1912 mehr als vierzig Gemälde Renoirs im Gepäck. Das wichtigste Projekt im Jahr 1913 war die bis dahin weltweit umfangreichste Ausstellung mit Werken Picassos; er soll sie als Ausgangspunkt seines Weltruhms bezeichnet haben. Bis zu Picassos Tod 1973 pflegten Thannhausers und er engen Kontakt. Durch Thannhausers Hände gingen Werke wie „Die Gaukler“ von 1905 (heute National Gallery Washington) oder „Das Leben“ von 1903 (heute Cleveland Museum).

          Berlin, Zentrum der deutschen Avantgarde

          Weiterhin versuchten Thannhausers, französische Kunst zu propagieren, wobei ihnen auch die 1919 in Luzern gegründete Dépendance half, die Justin leitete. Als sein Vater schwer erkrankte, mußte er die Münchner Galerie übernehmen und übergab die Leitung in Luzern an seinen Vetter Siegfried Rosengart. Beide Galerien prosperierten, und 1927 eröffnete Justin Thannhauser eine dritte in Berlin, dem damaligen Zentrum der deutschen Avantgarde. Der enorme Erfolg des Berliner Geschäfts veranlaßte die Thannhausers, ihre Münchner Galerie 1928 zu schließen und die in Luzern an Rosengart zu übergeben, mit dem Thannhauser bis 1936/37 weiterhin zusammenarbeitete.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mays Brexit-Deal : Zumindest der Umweltminister bleibt

          Bislang zeichnet sich keine Mehrheit für Mays Brexit-Entwurf ab, doch alternative Szenarien haben noch weniger Unterstützer. Richtungsweisend könnte das angekündigte Misstrauensvotum werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.