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Rechtsstreit um Polke-Bild : Schnäppchen frei Atelier?

Ein Kölner Urteil wirft Licht auf die Geschäftsgebaren von Sigmar Polke. Ein Sammler hatte die Nachlassverwalter des Künstlers auf Herausgabe eines Werkes verklagt. Der Richterspruch geht über den Einzelfall hinaus.

          Wurde Sigmar Polke seine auch als „Propellerfrau“ bezeichnete Arbeit „Ohne Titel - Öl auf Gardine“ gestohlen, oder gelangte sie rechtmäßig in den Besitz eines Sammlers, der sie im September 2007 für 100.000 Euro unmittelbar von dem Künstler erworben haben will? Der 8. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Köln hat es sich mit der Aufklärung dieser Frage nicht leicht gemacht. In seinem Urteil gibt er dem Sammler recht, der die Erben des 2010 verstorbenen Künstlers auf die Herausgabe des in den siebziger Jahren entstandenen Werks verklagt hatte.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Bild war Polke 2009 von der Staatsanwaltschaft im Rahmen eines Ermittlungsverfahren zur Verwahrung übergeben worden, nachdem er es als gestohlen gemeldet und Anzeige erstattet hatte. Das eingeleitete Strafverfahren wegen Hehlerei aber führte nicht zu einer Verurteilung, weil bereits die Eröffnung der Hauptverhandlung mangels hinreichenden Tatverdachts abgelehnt wurde. Schon das Landgericht Köln hatte der Klage stattgegeben. Die Nachlassverwaltung von Polke war in die Berufung gegangen, die das Oberlandesgericht zurückgewiesen hat: Zugunsten des Klägers als vormaligen Besitzer des Bildes spreche die gesetzliche Vermutung (BGB-Paragraph 1006), dass er auch dessen Eigentümer sei.

          Ein Bild seiner Persönlichkeit

          Anders als das Landgericht hat sich das Oberlandesgericht auf eine umfangreiche Beweisaufnahme eingelassen und elf Zeugen vernommen. Der Polke Estate hätte, so heißt es in der Urteilsbegründung, nicht nachweisen können, dass das Bild ohne den Willen des Künstlers in den Besitz des Klägers gelangt sei. Hierfür sprächen zwar diverse Umstände, insbesondere dass Polke das Bild stets als unverkäuflich bezeichnet habe, die Signatur nicht von ihm stamme und der Marktwert deutlich über dem angeblichen Verkaufspreis liege, doch, so das Gericht, „konnte die Eigentumsvermutung damit nicht widerlegt werden“. Auch erscheine die Darstellung des Sammlers zur Erwerbsgeschichte in vielen Punkten durchaus fragwürdig; der Polke Estate aber hätte nicht beweisen können, dass sich das Bild 2008 oder 2009 noch im Besitz des Erblassers befunden habe. Ein Verkauf durch den Künstler selbst könne nicht ausgeschlossen werden. Hierbei spiele das von einigen Zeugen vermittelte Bild von dessen Persönlichkeit eine entscheidende Rolle: Polke habe Verkaufsentscheidungen auch aus dem Moment heraus getroffen und dabei nicht zwingend Marktpreise verlangt.

          Diebstahl, Fälschung und Unterschlagung

          Diese über den konkreten Fall hinausgehenden Ausführungen des Gerichts sind besonders aufschlussreich, stellen sie doch eine gewisse Laxheit im Geschäftsgebaren Polkes fest, die nicht zum ersten - und wohl auch nicht zum letzten - Mal juristische Auseinandersetzungen nach sich zieht. So hat der Polke Estate ehemalige Mitarbeiter des Künstlers, die angeben, Werke von diesem geschenkt bekommen zu haben, wegen Diebstahls, Fälschung und Unterschlagung angezeigt. Insider, die nicht genannt werden möchten, berichten, dass es nicht nur in Einzelfällen zu Direktverkäufen aus dem Atelier gekommen sei, der Meister Assistenten mit - oft weitreichenden - Vorarbeiten betraut habe und es eine größere Zahl von Werken gebe, die von den Erben nicht verifiziert würden.

          Der Polke Estate, der den Nachlass wohl erstmal ordnen muss, sieht sich in der Folge mit rechtlichen wie auch kunstgeschichtlichen Fragen konfrontiert. Auf Anfrage teilt er in einer dürren Presseerklärung mit, er und die Erben hielten das Urteil „für nicht zutreffend“. Anna Polke, die Tochter des Künstlers, sagte gegenüber dieser Zeitung: „Wir prüfen rechtliche Möglichkeiten.“ Der Senat hat keine Revision zugelassen.

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