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Veröffentlicht: 21.01.2013, 11:57 Uhr

Santiago Sierra in Madrid Ein Aufstand für das ganze Volk

Ein Recht auf Widerstand: Die Madrider Performancekünstler Santiago Sierra und Jorge Galindo greifen die Politik Spaniens an.

von Clementine Kügler

Zuletzt erntete er Bewunderung, weil er den Nationalen Kunstpreis, mit immerhin 30 000 Euro dotiert, ablehnte: Santiago Sierra, 1966 in Madrid geboren, international agierender Ankläger sozialer und politischer Missstände, zeigt sich konsequent. Bei „Ivorypress“ in Madrid findet in der kommenden Woche seine Performance „El trabajo es la Dictadura“ (Die Arbeit ist die Diktatur) statt. Ivorypress, die Kunstgalerie und Kunstbuch-Verlag vereint, publiziert in der Reihe „LiberArs“ kleinformatige Künstlerbücher mit den Maßen fünfzehn mal zehn Zentimeter.

Für Sierra wurden jetzt dreißig arbeitslos Gemeldete unter Vertrag genommen, die für etwas mehr als den offiziellen spanischen Mindestlohn mit blauem Kugelschreiber die 1000 blauen Buchexemplare mit dem einzigen Satz „Die Arbeit ist die Diktatur“ füllen müssen. Das bedeutet: In jedes Buch wird 480 Mal dieser eine Satz geschrieben. Strafarbeit nannte man das früher in der Schule. Doch die Aktion entspricht Sierras Kunstlogik. Er unterzieht immer wieder Menschen den gleichen ausbeuterischen Prozessen, die er eigentlich anklagt.

Die Kontinuität der Diktatur

Das Publikum wird nun neun Tage dieser Fließbandarbeit beiwohnen. Sierras Performance dient dem Nachdenken und der Anklage der augenblicklichen gesellschaftlichen Situation auf dem Arbeitsmarkt in Spanien. (Vom 22. bis zum 30. Januar; täglich von 10 bis 14 Uhr und von 15 bis 19 Uhr. Der Preis für die Bücher liegt bei nicht kostendeckenden 18Euro.)

Die fast sechs Millionen Arbeitslosen in Spanien sind auch Ausgangspunkt von Santiago Sierras aktueller Ausstellung in der Madrider Galerie Helga de Alvear. Sierra arbeitet hier mit dem ebenfalls aus Madrid stammenden sozialkritischen Künstler Jorge Galindo zusammen. Ihr Projekt „Los encargados“ (Die Beauftragten) bezieht sich auf den König und die sechs Regierungschefs Spaniens nach dem Tod des Diktators Franco. Ihre These: Sie hätten die Interessen der rechten Diktatur fortgeführt und das Land in die tiefe Wirtschaftskrise gestürzt, die heute sogar Todesopfer fordert. Die um sich greifende Verarmung habe viele Menschen auf die Straße und einige sogar in den Selbstmord getrieben, als sie ihre Hypotheken nicht abzahlen konnten und die Gerichtsvollzieher ihre Wohnungen räumen ließen.

Ein Aufstand in Friedhofsatmosphäre

In der Galerie Helga de Alvear wird ein Video gezeigt, das Sierra und Galindo am 15.August 2012 in Madrids zentraler Gran Vía aufgenommen haben. Sieben schwarze Dienstwagen fahren zu den Klängen der Warschawjanka als gespenstischer Beerdigungs-Konvoi die Straße entlang (siehe unsere Abbildung). Auf den Autos sind auf dem Kopf stehende drei mal 2,60 Meter große Schwarzweiß-Porträts montiert. Die Gemälde zeigen König Juan Carlos I. und die sechs Ministerpräsidenten seit 1976 bis hin zum heute regierenden konservativen Mariano Rajoy, der nach den Protesten der Bevölkerung gegen die Sparmaßnahmen das Demonstrationsrecht verschärfen ließ. Auch die Ölporträts und zehn großformatige Lambda-Prints, die die Aktion und die erstaunten Passanten dokumentieren, sind in der Galerie zu sehen.

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Sierra und Galindo wollen mit ihrer Aktion dem Unmut des Volkes Rechnung tragen. Als Motto dient ihnen ein Grundsatz aus der Verfassung der ersten Französischen Republik von 1793: „Verletzt die Regierung die Rechte des Volkes, ist der Aufstand für das Volk und für jede Gruppe des Volkes die heiligste und unbedingte Verpflichtung.“ Der Verzicht auf Farbe verstärkt beim Bildmaterial wirkungsvoll die Friedhofsatmosphäre. Allerdings driftet das Ganze in der politischen Aussage, nämlich dass die Regierungschefs der Demokratie in Spanien alle nur Schergen der Vereinigten Staaten, des Vatikans und der Banken seien, in die plakative Schwarzweiß-Malerei ab. (Der sechsminütige Film, Auflage 3, kostet 42000 Euro, die Fotos, Unikate, sind für 30000 Euro zu haben. Die Installation, bestehend aus den sieben Originalporträts und dem Video, kostet 340 000 Euro.)

Die Ausstellung in der Galerie Helga de Avelar in Madrid ist noch bis 2.März zu sehen.

Quelle: F.A.Z.

 

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