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Sammlung Silverman in London : Ein Spiegel seines Lebens

  • -Aktualisiert am

Ein Kunstsammler zeigt ganz besondere Güte: Benedict Silverman trennt sich von seiner bedeutenden Kollektion – und spendet den Erlös.

          Die Preise, die heutzutage für Kunst bezahlt werden, erwecken den Eindruck, auf dem globalen Kunstmarkt ginge es nur noch um präzise geplante Investition. Dabei stecken hinter vielen Kollektionen Sammler, denen Kunst ein existenzielles Bedürfnis ist, die einen Großteil ihres Lebens in die Schaffung einzigartiger Sammlungen investieren.

          Benedict Silverman ist ein Sammler von diesem Schlag. Er hat eine der bedeutendsten Sammlungen deutscher und österreichischer Kunst des frühen 20.Jahrhunderts in privater Hand zusammengetragen. Nun, 83 Jahre alt, hat er sich entschlossen, seine Bilder und den Ausstellungsort, sein New Yorker Penthouse-Apartment in Riverside Drive, zu verkaufen. Der Erlös soll dem „Reading Rescue“-Programm des „Literacy Trust“ zukommen, das Silverman und seine Frau seit zwanzig Jahren unterstützen, sowie einer neuen Familien-Stiftung, die Bildung fördert. Obwohl Benedict Silverman immer ein großzügiger Leihgeber war, zieht er es nun vor, seine Schätze an private Sammler zu vermitteln, die mit der Kunst im Alltag leben.

          Was, er wann, wo und wie erwarb, darin spiegelt sich Silvermans Persönlichkeit: 1972 kaufte er sechs Zeichnungen von Alfred Kubin, dann kam auch Schieles „Stehender Knabe“ von 1910 und Ludwig Meidners „Begebenheit in der Vorstadt“ von 1915 hinzu. Meidners lange verschollen geglaubtes Bild aus seiner Berliner Zeit, gemalt kurz nachdem ein enger Freund gefallen war, zeigt einen gehetzten Mann, der über die aufgewühlte Erde der Vorstadt flieht und dabei einen älteren Mann überrennt.

          Silverman kaufte das Bild, als er selbst gerade der „Mortgage Corporation of America“ beigetreten war: In der zentralen Figur sah er sich selbst, ängstlich, aber vom Willen besessen, vorwärts zu kommen, die Konkurrenz auszuschalten, um mit wenig Erfahrung und großen finanziellen Risiken in der Immobilen-Branche sein Vermögen zu machen.

          Auch im „Stehenden Junge“ von Schiele, ein Straßenkind in zerknitterter, zusammengeflickter Lumpenjacke, erkennt sich Benedict Silverman. 1929 in Florida geboren, war er erst sechs Jahre alt, als seine Mutter nach der Geburt seiner Zwillingsschwestern mit Wochenbett-Depression in eine Heilanstalt eingeliefert wird und nie zurück kehrt. Nur ein Jahr später wurde ihm die Verantwortung für seine Schwestern übertragen.

          Diese schmerzhafte Biographie illustriert auch Schieles ikonische Zeichnung „Frau mit Homunkulus“ von 1910, das Silverman Ronald Lauder abkaufte, der wiederum damit den Ankauf von Klimts „Adele Bloch-BauerI“ teilfinanziert haben soll. Silverman hat einmal gesagt, müsste er sich bei einem Brand für ein Bild entscheiden, würde er das Bild auswählen.

          „Ich mag Bilder, die Qualen, Anspannung und menschliche Erfahrung zeigen“, erklärt er im Katalog, der die letzte Ausstellung seiner Sammlung in der Kunsthandlung Nagy in London dokumentiert, bevor sie verstreut wird. Selbstporträts von Künstlern mit gequälter Seele bilden einen seiner Sammlungsschwerpunkte: zum Beispiel Schieles „Selbstporträt als Heiliger Sebastian“ (1914) und Meidners „Selbstbildnis“ (1920).

          Mit dem Verkauf der Sammlung, zu der auch drei exquisite Möbel der Wiener Werkstätte gehören, hat er seinen Händler und Freund Richard Nagy in London beauftragt, der ihn seit 1991 berät. Nagy hat im vergangenen Jahr gerade eine neue Galerie im zweiten Stock auf der Old Bond Street. Die erste Schau galt Schieles „Frauen“ auf Papier. Einige der besten Arbeiten waren damals Leihgaben von Silverman. Nun stehen sie ebenso zum Verkauf wie Schlüsselwerke von Oskar Kokoschka, Gustav Klimt, Alfred Kubin, George Grosz, Oskar Schlemmer und Otto Dix. Die sind ingesamt mehr als hundert Millionen Dollar wert.

          Otto Dix’ fast ein Quadratmeter großes „Selbstbildnis mit Modell“ von 1923 ist programmatisch: Die Rolle des Malers in turbulenter Zeit scheint hier durch. Das Gemälde entstand kurz nach Dix’ Umzug von Dresden nach Düsseldorf, wo er an der Akademie als Meisterschüler von Heinrich Nauen eingeschrieben war. Das Werk ist eine Absichtserklärung im Zusammenhang der damaligen Debatten um die Rückkehr zur figurativen Malerei, die später als „Neue Sachlichkeit“ weitergeführt wurde. Dix stellt sich selbst als kühlen und disziplinierten Künstler dar. Sein Modell ist dagegen das wahre Leben. Silverman bezahlte in den frühen achtziger Jahren 300000 Dollar dafür, nun ist das Dix-Gemälde mehr als das Zehnfache wert.

          Auf Otto Dix’ Studium der Alten Meister - in diesem Falle direkt auf die „Venus“ von Lucas Cranach aus dem Städel-Museum in Frankfurt - lässt sich seine kleine „Venus mit Handschuhen“ von 1932 zurückführen; von Silverman Mitte der neunziger Jahre erworben. Das teuerste Bild der Sammlung ist Egon Schieles berühmtes Motiv „Die Tafelrunde“, das er 1917/18 malte und das ihn im Kreis seiner Künstlerkollegen zeigt. Einer der letzten Ankäufe von Silverman ist George Grosz’ „Tempo der Straße“ von 1918; es ist eine aufgesplitterte Darstellung Berlins, die Nagy 2002 für 1,1 Millionen Franken beim Berner Auktionshaus Dobiaschofsky kaufte (Taxe 160.000 Franken).

          Schon zu Lebzeiten zu verkaufen, bedeutet für Silverman auch, den nächsten Aufenthaltsort der Werke beeinflussen zu können. Silverman wünscht sie sich nicht im Depot eines öffentlichen Museums oder bei einem Investor. Der Kreis der finanzstarken Privatsammler deutscher und österreichischer Moderne, die sich aus Liebe zur Kunst einsetzen, ist allerdings überschaubar.

          Der große Wiener Sammler Rudolf Leopold, ein Konkurrent Silvermans bei einigen Ankäufen, lebt nicht mehr, und der 1944 in New York geborene Sammler und Milliardär Ronald Lauder, Mitbegründer des Museums Neue Galerie in New York, soll sich die Sammlung bereits angesehen haben. Otto Dix’ „Selbstbildnis mit Modell“ zukünftig in der Galerie Neue Meister in Dresden oder der Neuen Nationalgalerie in Berlin hängen zu sehen, ist aber auch eine schöne, aber leider wohl unrealistische Vorstellung.

          The Silverman Collection bei Richard Nagy läuft bis zum 24. November; der Katalog mit Beiträgen zu jedem Werk kostet 40 Pfund.

          Quelle: F.A.S.

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