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Kann-Sammlung in Paris : Sammlung im Sturm der Geschichte

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Von der ganzen Welt bewundert, geraubt von den Nationalsozialisten: Ein letztes Konvolut aus dem Nachlass der einst berühmten Sammlung von Alphonse Kann wird in Paris bei Artcurial versteigert.

          Der Wert eines Kunstwerks wird auch durch seine Vorbesitzer mitbestimmt. Es ist die kaum in rationale Kategorien fassbare, von daher auch nur schwer einschätzbare Aura eines Sammlers, die sich auf die Werke übertragen kann. Alphonse Kann (1870 bis 1948) gehörte zu den legendären Kunstliebhabern der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Seine Sammlung war wertvoll genug, um bei der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 an oberster Stelle auf der Beschlagnahmungsliste der nationalsozialistischen Besatzer zu stehen: neben den atemberaubenden Privatsammlungen französischer Bürger wie der Rothschild-Familie, Paul Rosenbergs, David David-Weills, von Adolphe Schloss oder den Brüdern Bernheim-Jeune.

          In den verschiedenen Phasen seiner Sammelleidenschaft trug Alphonse Kann ungewöhnliche Gemälde und Skulpturen von den italienischen Primitiven bis zu namhaften Künstlern seiner Gegenwart zusammen, und brachte sie in seinen Wohnräumen mit ägyptischer, römischer oder islamischer Kunst zusammen, bis hin zu Asiatika und afrikanischer Stammeskunst. Besonders eindrucksvoll sind deshalb auch die Fotos, die der Auktionskatalog von seinen Interieurs zeigt. Sie geben einen Eindruck von den weitreichenden Interessen dieses von der Kunst wahrhaft besessenen Mannes, dessen Wände, Konsolen, Tische und Vitrinen nie genug Platz hergaben, um all die Werke aufzunehmen, die er nach seinem Geschmack zusammenstellte.

          Ein Schulfreund von Marcel Proust

          Alphonse Kann emigrierte früh genug, im Jahr 1938, nach London und ließ sein Stadtpalais im Pariser Vorort Saint-Germain-en-Laye mitsamt seiner Sammlung zurück. Er sollte nie wieder nach Paris zurückkehren. Im Oktober 1940, nachdem von der deutschen Besatzungsmacht völlig willkürliche Enteignungserlasse für französische Bürger jüdischen Glaubens ergangen waren, brauchten die auf den Kunstraub spezialisierten Einheiten vom „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ (ERR) nur mit Lastwagen vorzufahren, um das gesamte Haus zu plündern.

          Die Wirren der Zeitläufte und Verkäuffe durch die Erben haben die ehemalige Kann-Sammlung in alle Winde verstreut. Doch wenn das Auktionshaus Artcurial in Paris am 22.Februar ein letztes Konvolut zur Versteigerung bringt, wird diese Kollektion noch einmal lebendige Erinnerung. Etwa achtzig der 175 Lose stammen aus Alphonse Kanns ursprünglichem Besitz. Dabei spiegelt gerade ihre Vielfalt seine stets neugierige Weltoffenheit: ägyptische, römische und afrikanische Statuetten und Bronzen, Asiatika und Gemälde vom 18. Jahrhundert bis zur Vorkriegs-Moderne. Die andere Hälfte der Offerte ist der Sammlung von Hélène Kann-Bokanowski (1910 bis 2000) gewidmet. Zu den geerbten Werken – von denen sie allerdings, wie auch ihre Cousins, die wichtigsten nach und nach verkaufte – gesellte sie ein eklektisches Konvolut an Asiatika und Stammeskunst, einigen Gemälden aus dem 18. und 19. Jahrhundert, vor allem aber mit Werken von Künstlern der Nachkriegs-Moderne bis in die achtziger Jahre.

          Alphonse Kann wurde 1870 in Wien in eine jüdische Bankiersfamilie geboren. Mit zehn Jahren zog er mit seinen Eltern nach Paris und wurde ein Schulfreund von Marcel Proust. Später trägt dessen Romanfigur Charles Swann Züge des eleganten, hochgebildeten Kunstkenners Kann, der im mondänen Paris der Belle Époque den absoluten „Chic“ verkörperte. Mit Anfang dreißig beschloss Kann, die Kunst in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen. Besonders interessierten ihn die Alten Meister, von der italienischen und holländischen Malerei bis ins französische 18. Jahrhundert, außerdem Courbet und Ingres. Aber schon früh richtete er seinen Blick auf die noch umstrittenen Zeitgenossen, zunächst Manet und Cézanne, Degas und Bonnard, dann Van Gogh, Matisse, Picasso, Braque, Juan Gris oder Fernand Léger. Er kaufte Paul Klee, Suzanne Valadon und Marie Laurencin. Und damals undenkbar für einen Liebhaber klassischer Kunst: Alphonse Kann trennte sich in zwei Auktionen von Teilen seiner Antiken- und Altmeister-Sammlung, um sich den Modernen widmen zu können.

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