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Salon du Dessin Mitten im Auge eines Wirbelsturms

 ·  Aus Mangel an alten Blättern: Der Salon du Dessin, die wichtigste und schönste Messe für Zeichnungen, rückt in Richtung Gegenwart vor.

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© Galerie Vergrößern Tiepolos Tuschezeichnung „A centaur abducting a young woman“ um 1755, 19 mal 27 Zentimeter bei Lapiccirella & Antonacci aus Rom (45.000 Euro)

Giorgio Vasari hat einmal gesagt, die Zeichnung sei die Mutter der Künste seiner Zeit: der Architektur, der Skulptur und der Malerei. Wer durch die Räume des Pariser Salon du Dessin im Palais Brongniart an der Place de la Bourse schlendert, ist versucht, dem großen Kunsthistoriker der Renaissance Recht zu geben. Achtzehn französische und einundzwanzig ausländische Galerien präsentieren hier eine Vielzahl von Meisterwerken: alte Blätter, moderne Stücke und einige zeitgenössische Arbeiten wie „Femme, bleue“ und „Femme, rose“ von Louise Bourgeois, die 2007 entstanden.

Hervé Aaron lenkt seit 1998 die Geschicke des Salon, die seines Erachtens die weltweit beste Messe auf diesem Spezialgebiet ist. Nach seinem Bekunden hält der Markt für Zeichnungen sich gut, auch wenn er sich in den letzten Jahren wegen der „Wandlungen des Geschmacks und der Zeit“ beträchtlich verändert habe. Da Blätter aus dem 16. und 17.Jahrhundert inzwischen äußerst selten und daher unerschwinglich sind, verlegen sich viele Kunsthändler auf das 18. und mehr noch das 19. Jahrhundert, das `goldene Zeitalter der Zeichnung, „eine Epoche, in der zahlreiche Künstler sich zunächst der Zeichnung zuwandten, bevor sie auf anderen Bildträgern und mit anderen Materialien arbeiteten“. In diesen Jahren kam niemand um die Zeichnung herum.

Im Salon spiegeln sich diese Wandlungen: Er präsentiert mehr moderne Werke als früher, deren Preise von 2000 Euro für Auftragsarbeiten, anonyme Zeichnungen oder wenig bekannte, aber ästhetisch ansprechende Künstler des 19.Jahrhunderts bis hin zu zwei Millionen Euro für eine Zeichnung von Lucian Freud reichen. Ende der neunziger Jahre gründete der Kunsthändler Hervé Aaron in dem Gebäude im Faubourg Saint-Honoré, zwei Schritte vom Elyséepalast entfernt, das auch seine Galerie beherbergt, ein Zeichenkabinett.

Auf seinem Messestand präsentiert er französische Werke des 18.Jahrhunderts, auch solche der italienischen und nordeuropäischen Schulen und Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert wie diese Zeichnung von Gustave Doré, eine Illustration zu „Der Rabe“ von Edgar Allan Poe, die für 70.000 Euro angeboten wird. „Eine Zeichnung, das ist ein Werk und eine Geschichte“, sagt Bruno Desmarest von der Galerie und zeigt eine unveröffentlichte Arbeit von Domenico Tiepolo, das 1675 entstandene Porträt eines Mannes von Carlo Maratta, das ebenfalls auf 70.000 Euro geschätzt wird, und eine kleine Zeichnung von François Marius Granet, das ein Hamburger Museum erworben hat.

Natürlich mangelt es auf der Messe nicht an kleinen Kostbarkeiten und glanzvollen Signaturen. Man findet Arbeiten von Caillebotte, Léger, Derain, Renoir, Zadkine, Giacometti und Redon. Die Wiener Galerie Wienerroither und Kohlbacher bietet mehrere Figuren von Klimt an, Frauen, immer noch betörend, für je 200.000 Euro. De Bayser, der auf dem Gebiet der Zeichnung wichtigste Pariser Kunsthändler, zeigt einen bemerkenswerten „Ugolin et ses fils“ von Rodin, die Londoner Galerie Nagy präsentiert einige Blätter von Schiele und vor allem drei Zeichnungen von George Grosz, darunter zwei wunderbare Aquarelle, Straßenszenen aus dem lasterhaften Berlin der Weimarer Republik, das eine auf 250.000 Euro geschätzt, das andere, von 1924, auf mehr als 300.000 Euro.

Antoine Lorenceau ist der jüngste Spross einer seit 1860 bestehenden Kunsthändlerdynastie. In diesem Pariser Frühling ist Degas groß in Mode, und auf dem Stand der Galerie Brame et Lorenceau kann der Besucher sich zwei Arbeiten von ihm ansehen, darunter eine „Femme à sa toilette“ für 175.000 Euro, eine Monotypie. „Das Faszinierende an der Zeichnung“, sagt der junge Kunsthändler, „ist die Unmittelbarkeit, die Spontaneität eines ersten Strichs, die Spur einer Vision: der denkbar direkteste Ausdruck des Gedankens des Künstlers.“ Anisabelle Berès-Montanari, auf deren Stand eine erstaunliche Silhouette, halb Frau, halb Kegel, von Jean Arp zu sehen ist, schätzt die Sammler von Zeichnungen besonders: „Sie sind in der Regel gebildeter und informierter, sie spekulieren weniger als Sammler zeitgenössischer Gemälde.“

An Farbe fehlt es nicht beim eindrucksvollsten Werk des Salon, das man bei Applicat-Prazan finden kann: „L’Œil cosmique“, das „kosmische Auge“, des deutschen Malers Otto Freundlich. Ein Auge mit blauer Pupille und grüner Iris, der Augapfel in Gelb, Ocker, Rot und Orange, wie das Auge eines Wirbelsturms, schwindelerregende, betörend, in das man sich versenken kann, bis an die Grenzen der Abstraktion. Das Pastell kostet hier 300.000 Euro. „Er ist ein Künstler, der nur wenig produziert und nur wenige Gemälde geschaffen hat, weil ihm die finanziellen Mittel dazu fehlten. Vor allem aber hatte Freundlich, der nach Polen deportiert und dort ermordet wurde. Eines seiner Werke wurde für das Titelblatt des Katalogs zur Ausstellung „Entartete Kunst“ ausgewählt. Viele Arbeiten wurden von den Nazis konfisziert und zerstört. Deshalb sind seine Zeichnungen selten und sehr teuer.

Salon du Dessin. Bis zum 2. April in der Pariser Börse. Geöffnet von 12 bis 20.30 Uhr. Der Eintritt mit Katalog kosten 15 Euro.

Aus dem Französischen von Michael Bischoff

Quelle: F.A.Z.
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