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Rezension : Rohrpost im Kampf um die Moderne

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Der Galerist und sein Berater: Paul Guillaume und Guillaume Apollinaire wechseln aufschlussreiche Briefe über Künstler, Erfolgsstrategien und den Kunsthandel.

          Am Vorabend des Ersten Weltkriegs interessierte sich Paul Guillaume für Malerei, die aus dem Fauvismus und Kubismus hervorgegangen war. Im Alter von 22 Jahren eröffnete er im Sommer 1914 an der Rue de Miromesnil in Paris seine erste Galerie mit Kunst von Natalija Gontscharowa, die kurz zuvor durch Bühnenbilder und Kostüme für die „Ballets Russes“ aufgefallen war, und Michail Larionow. 1916 zeigte er dann André Derain, 1918 Kees van Dongen und, als Konfrontation zweier Giganten, Matisse und Picasso. Paul Guillaumes Name ist mit früher Abstraktion verbunden und auch mit afrikanischer und ozeanischer Plastik, die seinerzeit kurzerhand als „art nègre“ bezeichnet wurde. Als er 1934 mit nur 42 Jahren starb, verlor Frankreich einen der fortschrittlichsten und wichtigsten Galeristen und Sammler der Moderne. Ein Teil seiner Kollektion gelangte 1984 in das Pariser Musée de l’Orangerie, das zwar für seine Säle mit Monets späten Seerosen bekannt ist, aber durch Werke, für die sich Guillaume begeisterte, maßgeblich bereichert wurde.

          Wie sich der gebürtige Pariser zu einem Protagonisten der Moderne entwickelt hat, offenbart nun die französischsprachige Veröffentlichung seines Briefwechsels mit Guillaume Apollinaire aus den Jahren 1913 bis 1918. Gut 120 teils erstmalig publizierte Schriftstücke, für die beide zur Feder griffen, und eine Handvoll ergänzender Dokumente bringen Licht in ein bedeutsames Kapitel der Geschichte der Kunst und auch ihres Markts. Die zumeist kurzen Nachrichten - Rohr- und Feldpost, die sich beide zwischen zwei Treffen in Cafés und bei Vernissagen zuschickten - verdeutlichen, wie sehr der blutjunge Kunsthändler, leidenschaftlich und intuitiv, aber schüchtern und unerfahren, auf Urteile und Verbindungen des Dichters und Kunstkritikers setzte. Umgekehrt erhoffte sich Apollinaire Unterstützung für seine literarische Zeitschrift „Les Soirées de Paris“ und gefiel sich in der Rolle des diskreten Beraters, der seine Erfahrungen einbringen und Einfluss nehmen konnte.

          Bombensplitter am Kopf

          Während Guillaume noch davon träumte, ein neuer Ambroise Vollard oder Daniel-Henry Kahnweiler zu werden, eine Galerie zu eröffnen und Giorgio de Chirico, Derain oder Modigliani an sich zu binden, hatte ihm der elf Jahre ältere Apollinaire vieles voraus, darunter Kontakte zu Picasso und Matisse. Guillaume hätte kaum einen besseren Mentor kennenlernen können: Während er selbst Bilder und Skulpturen einer Vielzahl von Künstlern am Montmartre und am Montparnasse lange Zeit allenfalls in einer Kunsthandlung oder bei einem Salon junger Kunst gesehen hatte, kannte der Dichter und Kunstkritiker tout Paris und ging in Ateliers und Künstlercafés ein und aus. Ihre erste Begegnung ging auf das Jahr 1911 zurück; Apollinaire lebte damals in Saint-Germain-des-Prés, während Guillaume am Montmartre und an der Place de Clichy zu Hause war. „Art nègre“, aber auch „Pittura metafisica“ und die Kunst des „Douanier“ Rousseau werden für sie früh Gesprächsstoff gewesen sein.

          Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschwerte nicht nur den kaum begonnenen Aufstieg Paul Guillaumes, der seine Galerie kurz nach ihrer Eröffnung schließen und einen Brotjob annehmen musste, um sie wenig später wieder zu eröffnen - und erneut zu schließen. Er behinderte auch die schriftstellerische Tätigkeit Apollinaires, der militärisch aktiv war, schließlich von einem Bombensplitter am Kopf getroffen wurde und rekonvaleszent war, bevor er 1918 an der Spanischen Grippe starb, die so viele, die den Krieg überlebten, kurz danach hingerafft hat.

          Inzwischen hatte sich das Verhältnis abgekühlt, wohl weil Guillaume es strapaziert und weil der bisweilen ungehaltene Apollinaire zunehmend Stolz entwickelte. Apollinaire hatte sich von dem Jüngeren nach und nach bauchpinseln und Kommentare, Hinweise und selbst Vorworte für Ausstellungskataloge entlocken lassen. Guillaume trat aber auch zunehmend selbstbewusst auf, entwickelte eigene Pläne, Kooperationen mit ausländischen Partnern und die Gründung der Kunstzeitschrift „Les arts à Paris“.

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