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Rodney Graham in München : Bilder vom Philosophenherd

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Küchenzauber mit Pfeifenputzern: Bei der Galerie Rüdiger Schöttle in München sind Buchillustrationen von Rodney Graham zu sehen. Sie zeugen vom ironischen Umgang des Künstlers mit der Moderne.

          Die Galerie Rüdiger Schöttle brachte früh Konzeptkunst nach München. Werke von Dan Graham sah und sieht man hier, von On Kawara, Jeff Wall. Überhaupt zum ersten Mal in Deutschland stellte Schöttle 1985 Arbeiten des Kanadiers Rodney Graham aus. Ihn fragte kürzlich der Galerist, der auch schreibt, ob er Lust habe, sein neuestes Buch „Küchenzauber“ zu illustrieren. Rodney Graham sagte zu. Laut Ankündigung basiert die demnächst erscheinende Schrift auf Gedanken von Theodor W. Adorno und Jacques Derrida, und die Küche dient „als Metapher und Raum für Schöttles Überlegungen zu Zeitlichkeit, Wahrnehmung und der Verbindung von Subjekt und Objekt“.

          Auf den, so Rodney Graham, „sehr abstrakten Text“ beschloss er, mit der Figur des „Pipe Cleaner Artist“ zu antworten. Das ist eine der typischen Erfindungen dieses Künstlers, vor dessen ironisch reflektierendem Zugriff keine künstlerische Disziplin und keine geistesgeschichtliche Größe sicher ist, sei es Fotografie oder Film, Musik, Literatur und bildende Kunst, sei es Sigmund Freud oder Friedrich der Große. Subtil und humorvoll, dabei durchaus mit Respekt, legt Graham Schwachstellen bloß, etwa die erstickende Systematisierung der Moderne im Raster von Quellen- und Querverweisen. Betreibt er ironische Dekonstruktion von Künstlermythos und Ikonenstatus, übernimmt er gerne selbst die Rolle des Protagonisten. Zum „Pipe Cleaner Artist“ inspirierten ihn Man Rays Aufnahmen von Jean Cocteau, der aus Pfeifenreinigern eine filigrane Porträtplastik biegt, sowie ein offenbar gestelltes Foto vom Pfeife rauchenden Asger Jorn in Sandalen, der im Sessel entspannt auf der Palette rührt.

          Nicht nur inszeniert sich Rodney Graham 2013 im Fotoleuchtkasten in Jorn-Pose und, umgeben von abstrakten Gebilden aus Plüschdraht, zum Klischee des im aufgeräumten Atelier vor sich hin schöpfenden Avantgardisten der sechziger Jahre - er hatte, unter Aneignung diverser Vorbilder, auch selbst zu malen begonnen. Ausstellungstitel wie „Meine neuesten frühen Stilrichtungen“ persiflieren den je nach Bedarf und Nachfrage geschürten Hype um das Frühwerk eines Künstlers oder seine aktuelle Schaffensphase, während Grahams Bilder selbst, hinter denen immer ein „Sieht aus wie . . .“ hervorlugt, die Einzigartigkeit von Werken und Ideen befragen.

          Zwei Serien von „Kitchen Magic Drawings“ sandte Rodney Graham aus Vancouver nach München. Die eine erinnert mit Wischungen von in schwarze Tinte getauchten Pfeifenputzern an informelle Malerei; die andere, mit Putzern und Pinseln farbig gemalte Reihe lässt hier und da an Farbzeichnungen von Joan Miró denken oder von Alexander Calder, also an Kunst der sechziger Jahre. Beschriebe man sie weiter, rutschte man schnell tiefer ins kunsthistorische Raster und damit in die feingeknüpften Fangstricke des Künstlers. Ob die Blätter, wie Rodney Graham hofft, im „Text Resonanz finden, indem sie durch einen im Wesentlichen automatistischen Zugang unbewusste Bilder der Transformation evozieren“, wird sich zeigen, wenn das Buch vorliegt. Die Zeichnungen sind jetzt schon zu haben: Die elfteilige Serie in Schwarzweiß kostet 60.000 Euro, die zwölf Farbzeichnungen zusammen 75.000 Euro, Assemblagen aus Pfeifenputzern zwischen 22.000 und 53.000 Euro.

          Rodney Graham, „Kitchen Magic Drawings“. Die Ausstellung in der Galerie Rüdiger Schöttle in München läuft bis zum 11. April.

          Quelle: F.A.Z.

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