http://www.faz.net/-gqz-7493u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.11.2012, 15:26 Uhr

Rockaway Beach Auferstehen aus Ruinen

Patti Smith kauft Generatoren, Madonna und Lady Gaga rufen zur Hilfe auf: New Yorks Künstler wollen das vom Hurrikan gebeutelte Rockaway Beach retten. Eine postindustrielle Utopie soll entstehen.

von Klaus Biesenbach

Bevor man am New Yorker Flughafen JFK landet, fliegt man über die fast zwanzig Kilometer lange, schmale Halbinsel Rockaway. An einigen Stellen hat sie wolkenkratzerhohe Bebauungen, an anderen ist sie ein meilenlanges Naturreservat. In Rockaway Beach gibt es viele alte Strandbungalows, die aussehen wie Venice Beach in Kalifornien.

Ich kam zum ersten Mal mehr oder weniger zufällig vor etwa zehn Jahren mit den Künstlern Doug Aitken und Richard Phillips nach Rockaway, als Begleiter auf einem ihrer Surftrips. Vom Strand aus, auf die Surfer wartend, erkundete ich das Festland. Anders als Manhattan, das wie eine Gated Community einen Doorman an jeder Brücke und jedem Tunnel zu haben scheint, ist Rockaway noch das alte, bunte New York: Hier stößt sozialer Wohnungsbau zusammen mit den kleinen Häusern der irischen Bevölkerung und einer florierenden Surferkolonie - und in den letzten Jahren kommen mehr und mehr Künstler.

Zwei tropische Hurrikans innerhalb von einem Jahr

Das Merkwürdigste ist aber die tolerante und offene Art und Weise, wie Menschen hier auf diesem engen Riff miteinander umgehen. Das Viertel übt auf mich eine ähnliche Faszination aus wie Berlin-Mitte in den neunziger Jahren. In diesem Sommer wurde heiß diskutiert, ob die große Busgarage auf der Beach 60th Street in Rockaway in ein Kunstzentrum umgewandelt wird, wie es zurzeit auch in anderen amerikanischen Städten passiert. In Detroit zum Beispiel okkupieren Künstler ganze Straßenzüge und gehen mit den verlassenen Häusern um wie die Erben von Gordon Matta Clark: Einige wurden zu Skulpturen umgebaut, andere dienen als Basis für kommunale Gärten, andere sind Experimentallabors für Architektur und Ökologie. So könnte auch Rockaways Zukunft aussehen.

Am Tag vor dem Hurrikan war ich in Rockaway und habe meinen eigenen kleinen Garten dort winterfest gemacht. Es gab zwei tropische Hurrikans innerhalb von einem Jahr - und weil der erste weniger dramatisch ausfiel als erwartet, sind die Evakuierungswarnungen bei Sandy nicht ernst genommen worden: In Manhattan hat fast niemand seine Keller leer geräumt, auch wenn dort, wie in vielen Galerien in Chelsea, wertvolle Kunst gelagert war. Jetzt aber begreift man, dass durch die globale Erwärmung etwas Realität wird, was man immer nur aus Katastrophenfilmen kannte: den im Wortsinn Untergang ganzer Viertel von New York.

Hilfe zur Selbsthilfe

Der Schock ist ein doppelter: der über den Verlust der Häuser und Menschenleben - und der über die Realität des Klimawandels, der mit einer unglaublichen Gewalt im Herzen einer Stadt angekommen ist, die ihn bisher für eine abstrakte Bedrohung wie das Waldsterben hielt. Sandy hat in Rockaway fast keinen Stein auf dem anderen gelassen: Auf Breezy Point sind mehr als hundert Häuser abgebrannt, die Strandpromenade gibt es nicht mehr, die Trümmer sind kreuz und quer auf der Halbinsel verstreut. Was passiert jetzt mit diesem gerade entstehenden, kulturell wie sozial so interessanten Modellversuch einer neuen, postindustriellen Stadtgesellschaft, die sich in Rockaway zu formieren begann? In Amerika gibt es eigentlich nur drei Mächte: Politik, Geld und mediale Sichtbarkeit. Künstler haben Sichtbarkeit. Deswegen haben wir in der letzten Woche einen offenen Brief an den Bürgermeister und unsere Mitbürger verfasst, unter dem Titel Hilfe zur Selbsthilfe. Er wurde von Marina Abramovic, Madonna, Cindy Sherman, Terence Koh, Doug Aitken, Richard Phillips, James Franco, Lady Gaga, Nicole Kidman und Patti Smith unterschrieben.

Mit mehr als hundert Freiwilligen haben wir in selbstorganisierten Bussen, Pick-up-Trucks und Taxen Wasser, Nahrung und Decken geliefert. Wir versuchen zusammen mit unserem Partner Volkswagen einen temporären Schutz- und Kunstraum in Rockaway zu errichten. Elektrizität, Licht, Wärme, Nahrung, Debatten über die nötige ökologische Wende und Kunst - die entwurzelte lokale Community kann alles brauchen. Es ist spannend, zu helfen und an der Zukunft dieses Orts mitzuarbeiten. Rockaway muss wieder blühen.

Der Autor ist Direktor des New Yorker PS1 und Chief Curator at Large am Museum of Modern Art.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vorstandswechsel bei Pimco Ein Fall für Manny

Dem Vermögensverwalter Pimco laufen die Kunden davon. Hedgefondsmanager Emmanuel Roman kennt sich mit vertrackten Situationen aus. Kann der neue Vorstandsvorsitzende den Abwärtstrend stoppen? Mehr Von Henning Peitsmeier

21.07.2016, 07:50 Uhr | Finanzen
Besuch für den guten Zweck Madonna in Malawi

Erstmals seit rund zwei Jahren hat Popstar Madonna das Heimatland ihrer beiden Adoptivkinder, Malawi, besucht. Gemeinsam mit den beiden Kindern David Banda und Merci James informierte sie sich am Sonntag über die Fortschritte bei einem Anbau des Krankenhauses von Blantyre. Mehr

11.07.2016, 15:50 Uhr | Gesellschaft
Architektur der Trump Towers Ein goldener Mittelfinger für das Weiße Haus

Jetzt ist es offiziell: Der Immobilienmogul Donald Trump tritt für die Republikaner gegen Hillary Clinton an. Was verraten seine Häuser über ihn – und über seine Vorstellungen, wie Amerika aussehen soll? Mehr Von Niklas Maak, aus New York

21.07.2016, 14:34 Uhr | Feuilleton
Kinotrailer Rambo

Rambo; 1982. Regie: Ted Kotcheff. Darsteller: Sylvester Stallone, Richard Crenna. Mehr

05.07.2016, 19:22 Uhr | Feuilleton
New Yorker Richterin entschied Deutsche Bank nochmal wegen Finanzkrise vor Gericht

Hat die Deutsche Bank gegenüber Kunden Risiken des amerikanischen Hypothekenmarktes verheimlicht? Eine entsprechende Klage kommt in New York vor Gericht - zumindest teilweise. Mehr

26.07.2016, 07:44 Uhr | Wirtschaft

Farben der Freiheit

Von Reinhard Müller

Doppelte Staatsangehörigkeit? Heute ernten wir die Früchte dieser Politik, der jedes Gefühl für Staat und Nation, für Sinn und Form völlig abgeht. Mehr 137 612