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Rockaway Beach : Auferstehen aus Ruinen

  • -Aktualisiert am

Patti Smith kauft Generatoren, Madonna und Lady Gaga rufen zur Hilfe auf: New Yorks Künstler wollen das vom Hurrikan gebeutelte Rockaway Beach retten. Eine postindustrielle Utopie soll entstehen.

          Bevor man am New Yorker Flughafen JFK landet, fliegt man über die fast zwanzig Kilometer lange, schmale Halbinsel Rockaway. An einigen Stellen hat sie wolkenkratzerhohe Bebauungen, an anderen ist sie ein meilenlanges Naturreservat. In Rockaway Beach gibt es viele alte Strandbungalows, die aussehen wie Venice Beach in Kalifornien.

          Ich kam zum ersten Mal mehr oder weniger zufällig vor etwa zehn Jahren mit den Künstlern Doug Aitken und Richard Phillips nach Rockaway, als Begleiter auf einem ihrer Surftrips. Vom Strand aus, auf die Surfer wartend, erkundete ich das Festland. Anders als Manhattan, das wie eine Gated Community einen Doorman an jeder Brücke und jedem Tunnel zu haben scheint, ist Rockaway noch das alte, bunte New York: Hier stößt sozialer Wohnungsbau zusammen mit den kleinen Häusern der irischen Bevölkerung und einer florierenden Surferkolonie - und in den letzten Jahren kommen mehr und mehr Künstler.

          Zwei tropische Hurrikans innerhalb von einem Jahr

          Das Merkwürdigste ist aber die tolerante und offene Art und Weise, wie Menschen hier auf diesem engen Riff miteinander umgehen. Das Viertel übt auf mich eine ähnliche Faszination aus wie Berlin-Mitte in den neunziger Jahren. In diesem Sommer wurde heiß diskutiert, ob die große Busgarage auf der Beach 60th Street in Rockaway in ein Kunstzentrum umgewandelt wird, wie es zurzeit auch in anderen amerikanischen Städten passiert. In Detroit zum Beispiel okkupieren Künstler ganze Straßenzüge und gehen mit den verlassenen Häusern um wie die Erben von Gordon Matta Clark: Einige wurden zu Skulpturen umgebaut, andere dienen als Basis für kommunale Gärten, andere sind Experimentallabors für Architektur und Ökologie. So könnte auch Rockaways Zukunft aussehen.

          Am Tag vor dem Hurrikan war ich in Rockaway und habe meinen eigenen kleinen Garten dort winterfest gemacht. Es gab zwei tropische Hurrikans innerhalb von einem Jahr - und weil der erste weniger dramatisch ausfiel als erwartet, sind die Evakuierungswarnungen bei Sandy nicht ernst genommen worden: In Manhattan hat fast niemand seine Keller leer geräumt, auch wenn dort, wie in vielen Galerien in Chelsea, wertvolle Kunst gelagert war. Jetzt aber begreift man, dass durch die globale Erwärmung etwas Realität wird, was man immer nur aus Katastrophenfilmen kannte: den im Wortsinn Untergang ganzer Viertel von New York.

          Hilfe zur Selbsthilfe

          Der Schock ist ein doppelter: der über den Verlust der Häuser und Menschenleben - und der über die Realität des Klimawandels, der mit einer unglaublichen Gewalt im Herzen einer Stadt angekommen ist, die ihn bisher für eine abstrakte Bedrohung wie das Waldsterben hielt. Sandy hat in Rockaway fast keinen Stein auf dem anderen gelassen: Auf Breezy Point sind mehr als hundert Häuser abgebrannt, die Strandpromenade gibt es nicht mehr, die Trümmer sind kreuz und quer auf der Halbinsel verstreut. Was passiert jetzt mit diesem gerade entstehenden, kulturell wie sozial so interessanten Modellversuch einer neuen, postindustriellen Stadtgesellschaft, die sich in Rockaway zu formieren begann? In Amerika gibt es eigentlich nur drei Mächte: Politik, Geld und mediale Sichtbarkeit. Künstler haben Sichtbarkeit. Deswegen haben wir in der letzten Woche einen offenen Brief an den Bürgermeister und unsere Mitbürger verfasst, unter dem Titel Hilfe zur Selbsthilfe. Er wurde von Marina Abramovic, Madonna, Cindy Sherman, Terence Koh, Doug Aitken, Richard Phillips, James Franco, Lady Gaga, Nicole Kidman und Patti Smith unterschrieben.

          Mit mehr als hundert Freiwilligen haben wir in selbstorganisierten Bussen, Pick-up-Trucks und Taxen Wasser, Nahrung und Decken geliefert. Wir versuchen zusammen mit unserem Partner Volkswagen einen temporären Schutz- und Kunstraum in Rockaway zu errichten. Elektrizität, Licht, Wärme, Nahrung, Debatten über die nötige ökologische Wende und Kunst - die entwurzelte lokale Community kann alles brauchen. Es ist spannend, zu helfen und an der Zukunft dieses Orts mitzuarbeiten. Rockaway muss wieder blühen.

          Der Autor ist Direktor des New Yorker PS1 und Chief Curator at Large am Museum of Modern Art.

          Quelle: F.A.Z.

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