Home
http://www.faz.net/-gyz-6z5ub
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Richter-Editionen in Berlin Eine Postkarte für fünfhundert Euro

 ·  Gerhard Richter ist der teuerste deutsche Künstler der Gegenwart. Seine Editionen aber waren lange verpönt. Das ist vorbei. Die Preisentwicklung geht steil nach oben.

Artikel Lesermeinungen (0)

Das am häufigsten reproduzierte Motiv von Gerhard Richter ist seine Tochter „Betty“, jene blonde Frau, die sich im nächsten Moment umzudrehen scheint und sich doch nie zeigen wird. Das Werk ist ein Gemälde nach einem Foto, wie stets bei Richter. Der Strickstoff ihres rot-weiß geblümten Pullovers ist mit den Augen zu erfühlen. Das beliebte Bild ist natürlich unverkäuflich und unbezahlbar - und wenn es nicht gerade auf Reisen ist, wie zurzeit in der Neuen Nationalgalerie in Richters Schau „Panorama“, hängt es weit entfernt im amerikanischen Saint Louis Art Museum.

Doch Gerhard Richter hat schon in den sechziger Jahren begonnen, seine Kunst zu „demokratisieren“, wie man es damals ganz politisch nannte. Dafür produzierte er Auflagenwerke, Arbeiten, die nicht als Unikate, sondern in einer Vielzahl von Ausführungen entstanden sind. Je nach Preis sind sie in einer unterschiedlichen Auflagenhöhe verfügbar.

Eine Richter-Edition fehlt ihm noch

Im Berliner Ausstellungshaus des Sammlers Thomas Olbricht mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen „Me“, gleich neben den experimentellen „Kunstwerken“ in der Auguststraße, sind zurzeit rund zweihundert dieser Auflagenarbeiten zu sehen: Druckgrafiken, Foto-Editionen, Multiples, Gemälde-Editionen, Künstlerbücher und Künstlerplakate.

Olbricht hat über die Jahre versucht, alle Editionen von Richter zu erwerben. Nur eine einzige fehlt ihm noch. Er entdeckte seine Sammelleidenschaft, nach eigenen Angaben, recht klassisch im Alter von fünf Jahren: mit Briefmarken - man könnte sagen, das ist auch eine Art von Auflagenwerk. Olbrichts Ausstellung der Richter-Editionen bildet nahezu das gesamte malerische OEuvre des Künstlers in seinen Reproduktionen ab. Mal verbessert sich das Werk durch die Wiederholung, Umsetzung, Transformation der Motive, das gilt für Richters berühmte „Klorolle“.

Dann wieder ist es nur ein ärgerlicher Abklatsch des Vorbilds, wie bei der deutschen Miniaturflagge, die riesengroß im Deutschen Bundestag hängt. Am eindrucksvollsten sind die Arbeiten, die ganz eigene Formen erfinden, wie die „Neun Objekte“ von 1969: Gerhard Richter fotografierte Holzkonstruktionen, ließ die Motive so retuschieren, dass sie unmögliche räumliche Gebilde ergeben. Dann fotografierte er sie erneut und druckte sie im Offsetverfahren aus. Seltsame surreale Gebilde, malerisch und fotografisch zugleich, räkeln sich auf den Blättern. Gerhard Richter sagte einmal, er erhoffe sich durch die Editionen eine „größere Öffentlichkeit“. Das ist sicherlich nicht der einzige Grund für diese umfangreichen Experimente mit Form und Medien. Sie bringen auch Geld.

Eine programmatische Entscheidung

Die Dauerreproduktionsmaschine der digitalen Gesellschaft versorgt sich heute über ganz andere Wege mit ihren Informationen und Motiven. Gerhard Richter aber erprobt sich bis heute an den kleinen Motiven, stellt - immer noch in Anlehnung an sein malerisches Werk - die fotomechanischen Reproduktionsverfahren in den Mittelpunkt: den Offsetdruck und Siebdruck, die Heliogravüre und den Lichtdruck. Denn Richter lehnt, wie in seiner Malerei, die künstlerische Handschrift ab, einen individuellen Ausdruckswert schätzt er nicht.

Die interessanteste Entstehungszeit für Editionen von Richter waren jene sechziger Jahren, als dieser Reproduktions- und Verbreitungswille noch neu war: Richter und seine Zeitgenossen „folgten damit einem Credo des Bauhaus-Künstlers László Moholy-Nagy, der bereits 1925 gefordert hatte, ,an der eigenen Zeit mit zeitgemäßen Mitteln zu arbeiten’“. So formuliert es Hubertus Butin, einer der Kuratoren der Olbricht-Schau, im Begleitheft.

Auch eine gedruckte „Betty“ hat ihren Preis

Die Demokratisierung seiner Kunst aber hatte bei einem so erfolgreichen und teuren Künstler wie Richter schnell die erschwingliche Grenze erreicht: Der Offsetdruck von „Betty“ kostete 1991, im Jahr des Entstehens, in der Londoner Galerie von Anthony d’Offay noch 7000 Pfund. Bei Sotheby’s in New York wurde diese „Betty“ 2010 inklusive Aufgeld umgerechnet für 283.000 Euro versteigert - und das für einen kleinen, signierten Druck im Holzrahmen. Er wurde 25 Mal gedruckt. Nur ein Jahr später gelang Sotheby’s abermals ein hoher Zuschlag in New York, für dieselbe Edition. Diese Farboffsetlithographie mit den Maßen 96 mal 66 Zentimeter brachte nun immerhin noch umgerechnet 220.000 Euro mit Aufgeld. Die Schätzung dafür hatte bei 150.000 bis 200.000 Euro gelegen. Die Erwartungen waren gestiegen.

Diese Preise liegen natürlich jenseits einer demokratischen Verwendung für den Kunsthausgebrauch. Nur in Postkartenformat ist „Betty“ erschwinglich: Bei Piasa in Paris kostete die signierte Karte 2011 aber auch schon 500 Euro.

Mit extremer Wertsteigerung

Eine ganz andere Kunstmarkthistorie erzählt Richters Sieb- und Offsetdruck „Blattecke“ von 1967, angeboten in einer Stückzahl von 739 Exemplaren. Er kostete im ersten Jahr nur fünf Mark. Die kleine Arbeit legte allerdings die höchste Wertsteigerung einer Edition von Richter hin: Heute muss man mindestens 2000 Euro aufbringen. Im Vergleich ist das natürlich immer noch wenig. Höchstpreis für eine Grafik der „Blattecke“ erzielte die Berliner Villa Grisebach erst im Herbst 2011 mit 4200 Euro. Die Schätzung hatte bei 800 bis 1200 Euro gelegen. Zum Vergleich: Das originale Gemälde des Motivs entstand 1965 und wurde im Juni 2000 für 39.000 Euro mit Aufgeld versteigert. Heute würde das Bild wohl ein Vielfaches erzielen.

Auffällig ist, schaut man sich die Ergebnisse der Auktionen in der Übersicht an, dass die Zuschläge für Editionen von Gerhard Richter in den vergangenen drei Jahren extrem gestiegen sind. Der achtzigste Geburtstag des Künstlers und die Ausstellungen zu seinen Ehren werden den Verkauf weiter anheizen.

Gerhard Richter - Editionen 1965-2011. Bis zum 13. Mai im Me Collectors Room. Kein Katalog.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

Jüngste Beiträge