21.08.2005 · Anstelle einer Stiftung bevorzugen Liliane und Michel Durant-Dessert das Mittel der Auktion, um Werke ihrer Sammlung in Umlauf zu bringen: Ein Test für den Markt.
Von Angelika HeinickIm Jahr 1975 konnte die Eröffnung einer Galerie zeitgenössischer Kunst noch als Manifest gelten. Als Liliane und Michel Durand-Dessert ihre Galerieräume auf einer ersten Etage in der Rue de Montmorency zwischen Beaubourg-Viertel und dem Marais mit Skulpturen von Ulrich Rückriem eröffneten, waren sie noch vom Engagement des „mai 68“ durchdrungen. Die Pariser Galerienszene, so erinnert sich Liliane Durand-Dessert, sei bis auf wenige Ausnahmen - wie Yvon Lambert, der die amerikanische Konzeptkunst an die Seine brachte - von der französischen Malerei beherrscht und wenig offen für internationale Kunstproduktionen gewesen. „Wir haben statt dessen gleich eine internationale Position eingenommen“, sagt sie.
Die Documenta von 1968, die er am Steuer eines Citroën Ami 6 aufsuchte, offenbarte Michel Durand-Dessert die deutschen Künstler, allen voran Joseph Beuys; Besuche von Vernissagen in Düsseldorf und Köln sowie der Documenta von 1972 vertieften das Interesse der Jungvermählten. Auf Rückriem folgten Ausstellungen von Hans-Peter Feldmann, Hanne Darboven, Hans Haacke, Reiner Ruthenbeck und vor allem Gerhard Richter. Innerhalb einer Woche habe Richter auf ihre Anfrage geantwortet und eine Ausstellung zugesagt, erzählt Liliane Durand-Dessert: „Wir waren damals vollkommen unbekannt.“ Doch die Werke Richters, die heute international zu Spitzenpreisen gehandelt werden, hatten im Paris der siebziger Jahre keinen Erfolg. In den ersten sieben Jahren ihrer Existenz stellte die Galerie Durand-Dessert Richter regelmäßig aus, ohne ein einziges Gemälde zu verkaufen. Eine bittere Erfahrung, die erst im folgenden Jahrzehnt kompensiert wurde, als die Durand-Desserts wichtige Werke an französische Sammlungen und Museen vermitteln konnten.
Am Anfang war die Sammelleidenschaft
Heute gehört die Galerie Durand-Dessert längst zum internationalen Kunstadel. Im vergangenen Sommer widmete das Museum von Grenoble dem Galeristenpaar eine Hommage mit dem Titel „L'art au futur antérieur: L'engagement d'une galerie 1975-2004“. Am 6. Oktober, pünktlich zur diesjährigen Fiac, der Pariser Gegenwartskunstmesse, versteigert Sotheby's in Paris 145 Lose aus den dreißig Jahren Galerie- und Sammlertätigkeit des Ehepaars Durand-Dessert, eine Auktion, die sich als einer der Höhepunkte der kommenden Saison ankündigt.
Am Anfang der Galeristentätigkeit stand die Sammelleidenschaft. Liliane war Dozentin für französische Literatur an der Universität von Nancy, Michel als Kaufmann in einer Werbeagentur tätig. Familienvermögen besaßen sie nicht, und so erwarben sie ihren damals bescheidenen Mitteln entsprechend Multiples, unter anderem von Ben, Buren, Beuys oder Panamarenko. Beseelt vom militanten Geist der Epoche und dem Wunsch, die zeitgenössische Kunst einem breiten Publikum zugänglich zu machen, gründeten sie einen kleinen Verlag für Künstlerbücher - keine Luxuseditionen, sondern engagierte Publikationen in relativ hoher Auflage, an denen Künstler wie Daniel Buren, Marcel Broodthaers, Jean Le Gac, Vito Acconci und Christian Boltanski mitwirkten. Sie verkauften nur wenige Exemplare, aber dieses Engagement verschaffte ihnen das Entrée bei den Künstlern, die sie vertreten wollten.
In der privaten Sammlung des Paars gesellten sich zu den deutschen Künstlern rasch britische wie John Hilliard, David Tremlett oder Barry Flanagan, den man 1979 mit einer ersten Bronzearbeit in Paris vorstellte, und die Italiener der Arte Povera. Erst in den achtziger Jahren nahm man mit François Morellet, Bertrand Lavier, Michel Parmentier und Gérard Garouste auch französische Künstler ins Programm auf.
Eröffnung mit Beuys
Die Galerie hat sich früh im Ausland einen Namen gemacht, und in den ersten zehn Jahren waren es vor allem die belgischen Sammler, die ihr das Überleben sicherten. Die Eröffnung neuer Räume in der Rue des Haudriettes mit einer Beuys-Ausstellung - der ersten Einzelausstellung in Frankreich, für die Beuys mit „Dernier espace avec introspecteur“ im Januar 1982 eine seiner letzten Installationen schuf - gehörte zu den Höhepunkten der Galeristenlaufbahn. Im Jahr 1991 wechselte man in eine ehemalige Fabrik in der Rue de Lappe nahe der Bastille, ein hoher, durch ein Glasdach erhellter Raum, der sich für großformatige Leinwände und Monumentalskulpturen eignete.
Eine Galerie zeitgenössischer Kunst zu führen heißt, dem Geschmack der Zeit voraus zu sein. Anders als bei der Stammeskunst, die das Ehepaar Durand-Dessert seit etwa zwanzig Jahren begeistert sammelt, sind sich die Liebhaber bei den Zeitgenossen nicht immer über die besten Stücke einig. Liliane und Michel Durand-Dessert konnten die Arbeiten ihrer Künstler, die sie für maßgeblich hielten, nicht immer verkaufen. „Wenn wir Sammler und Kuratoren nicht von der Bedeutung eines Werks überzeugen konnten“, sagt die Galeristin, „dann haben wir es selbst gekauft.“ Auf diese Weise vermieden sie den inneren Konflikt des Händlers, der als Sammler versucht ist, die besten Stücke für sich zu behalten.
Versteigerung statt Stiftung
Im Frühjahr 2004 haben Liliane und Michel Durand-Dessert die Galerie geschlossen und ihre Tätigkeit auf das Privatgeschäft reduziert. Während sie als Galeristen nie mit Auktionshäusern zusammengearbeitet haben, erlaubt ihnen dieser Entschluß nun, ihre Sammlung zu versteigern. Die Hommage-Ausstellung im Musée de Grenoble rief Sotheby's auf den Plan: Der hauseigene Experte Grégoire Billault habe ihnen einen begeisterten Brief geschrieben, sagt Liliane Durand-Dessert, und nach anfänglichem Zögern habe man sich überzeugen lassen, daß der Zeitpunkt für die Versteigerung eines Teils ihrer Sammlung günstig sei. Schon vor dem Scheitern des Projekts der „Fondation Pinault pour l'art contemporain“ hatten die Durand-Desserts aufgrund der quasi unüberwindlichen behördlichen und finanziellen Hürden ihr ursprüngliches Vorhaben einer Stiftung aufgegeben. Nun, da sie viele Werke der Künstler, die sie jahrzehntelang vertraten, in Museen und Sammlungen von Prestige untergebracht haben, sehen Liliane und Michel Durand-Dessert in der Auktion einen anderen Weg, Kunst in Umlauf zu bringen.
Das gemeinsam mit Sotheby's ausgewählte Konvolut umfaßt Werke italienischer, deutscher, britischer und französischer Künstler zu einem Schätzwert von insgesamt drei bis vier Millionen Euro. Kernstück der Sammlung mit einer Taxe von 700 000 bis 900 000 Euro ist die weiße, in Leinen auf eine Holzstruktur gespannte „Decapitazione della sculptura“ von 1966 des zwei Jahre später im Alter von 33 Jahren verstorbenen Pino Pascali, eine „mythische“ Arbeit, die Liliane Durand-Dessert nur seufzend hergeben mochte. Ebenso gespannt sein darf man auf Alighiero e Boëttis großformatiges, bedrucktes Stoffteil „Mimetico“ von 1967 (Taxe 180 000/250 000), Gerhard Richters mit schwarzer Kreide auf die Leinwand gebrachtes „Gebirge“ von 1968 (240 000/280 000) oder Barry Flanagans frühen Hasen „Ball and Claw“ in Einzelfertigung aus Bronze und Stein (80 000/120 000).
Die Sammlung Durand-Dessert ist ein Test für den Pariser Markt, auf dem zum ersten Mal ein derartiges Ensemble zeitgenössischer Kunst zur Auktion kommt: „Das ist ein Risiko“, meint Liliane Durand-Dessert. Es sei die Konsequenz des Wagnisses, das sie jahrelang mit ihrer Galerie auf sich genommen haben, fügt ihr Mann hinzu: „Aber nun geht Sotheby's das Risiko mit uns ein.“