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Porträt : Mom of Pop: Ileana Sonnabend wird neunzig

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Die Galeristin und Sammlerin Ileana Sonnabend hatte entscheidenden Anteil an der Durchsetzung der amerikanischen Pop-art in Europa. In ihrer New Yorker Galerie zeigte sie umgekehrt junge europäische Künstler.

          Die legendäre Galeristin und Kosmopolitin Ileana Sonnabend, die seit 1960 die Geschichte der Kunst beeinflußt, ist am 29. Oktober neunzig Jahre alt geworden. New York ist der einzige Ort, an dem sie leben kann, sagt sie, doch sie liebt Venedig und Paris, und dann sind da natürlich noch Rom, Neapel und Berlin . . . Ein Hauch von alteuropäischer Nostalgie weht auch durch die Fotografien von Candida Höfer, die in der Sonnabend Gallery auf der 22. Straße gezeigt werden. Die Leitung der Galerie hat Ileanas Adoptivsohn Antonio Homem übernommen, der schon 1968 in Paris anfing, für sie zu arbeiten.

          Ileana Schapira wurde 1914 in eine der reichsten Familien von Bukarest geboren. Als Kind begleitete sie ihre Mutter oft nach Wien, wo sich das Töchterlein im Kunsthistorischen Museum verlustierte, während die Mutter Schuhe einkaufen ging. Ihr Elternhaus war sehr behütet, und Ileana scherzt, sie habe eine Gouvernante gehabt, bis sie sich verlobte. 1931 heiratete sie einen jungen Mann aus Triest namens Leo Castelli, der die Literatur dem langweiligen Versicherungswesen vorzog, in dem er arbeitete. Zur Hochzeit wünschte sie sich statt eines Rings ein kleines Bild von Matisse - und bekam es. Die Lust an der Kunst verband die beiden ihr ganzes Leben, wenn auch die Ehe nur halb so lang hielt; bis zu Leo Castellis Tod 1999 waren sie sehr gute Freunde.

          Mit Langhaardackel und zweiundzwanzig Koffern

          Als junges Paar waren sie nach Paris gezogen, wo Leo kurz vor dem Einmarsch der Deutschen eine Galerie eröffnete, die Surrealisten wie Max Ernst, Salvador Dalí und Meret Oppenheim ein Forum bot. 1940 wanderte die Familie aus, auf kompliziertem Weg zwar, aber durch den Reichtum von Ileanas Vater mit einigen Bequemlichkeiten ausgestattet. Über Cannes, Algerien, Marokko, Spanien und Kuba gelangten sie 1941 nach New York, mit Langhaardackel und 22 Koffern. Der Rest des Familienvermögens erleichterte das Leben in New York, mit einer Wohnung auf der Upper East Side und einem Sommerhaus in den Hamptons: Dort trafen sich später die großen Maler der fünfziger Jahre, Franz Kline, Jackson Pollock und Willem de Kooning. Ileana studierte an der Columbia University, und Leo Castelli begann, nebenher mit Kunst zu handeln. Erst 1957 eröffneten Ileana und Leo Castelli wieder eine Galerie, diesmal in ihrer Wohnung auf der Upper East Side. Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly kamen hier groß heraus. 1961 kam Lichtenstein dazu, 1964 Warhol und Rosenquist.

          Händeringende Verteidigung der „Flags“

          Doch zu dieser Zeit waren Leo Castelli und Ileana schon geschieden. Sie heiratete ihren Kommilitonen Michael Sonnabend, der im Jahr 2001 hundertjährig verstarb, und zog wieder nach Paris, wo sie 1962 eine Galerie mit der Mission gründete, den Abstrakten Expressionismus und die in den Anfängen befindliche Pop-art in Europa vorzustellen. Während in New York Alfred Barr, der Direktor des Museum of Modern Art, die Finanziers des Museums händeringend davon überzeugen mußte, daß die Flaggen-Bilder von Jasper Johns nicht antiamerikanisch seien, mußte Ileana Sonnabend die gleichen Bilder in Paris gegen die Kritik verteidigen, die „Flags“ seien Symbole des amerikanischen Imperialismus. Die Ausstellung wurde trotzdem ein großer Erfolg. Rauschenberg, Warhol, Oldenburg und Lichtenstein folgten und trugen ihr den Beinamen „Mom of Pop“ ein. Bis heute zählt Ileana Jasper Johns und Rauschenberg neben Bernd und Hilla Becher zu ihren besten Freunden.

          Gilbert und George mit bronzefarbenen Gesichtern

          Seit 1970 wieder in New York, wollte Ileana Sonnabend umgekehrt junge europäische Künstler in Amerika zeigen. Zur Einweihung ihrer Galerie in Soho, ein Stockwerk über Leo Castelli, hatten die jungen Briten Gilbert und George einen sensationellen Auftritt mit singender Performance und bronzefarbenen Gesichtern. Danach kamen der Grieche Jannis Kounellis und die Deutschen A. R. Penck, Immendorff und Baselitz. Nach Minimalismus und Arte Povera wurde bei Sonnabend auch jene Ausstellung inszeniert, die Jeff Koons berühmt machte: Als „Made in Heaven“ wurden hier 1992 die überlebensgroßen erotischen Darstellungen von Koons und seiner damaligen Frau Cicciolina ausgestellt. Ileana Sonnabend erinnert sich lebhaft an den Andrang der Massen: Überraschenderweise seien die Frauen mit eher sachlicher Einstellung an die Bilder herangegangen, während sich einige Männer ihrer Meinung nach ziemlich albern aufgeführt haben.

          Doch hat ein Künstler ihr jemals schlaflose Nächte bereitet? Nein, sagt sie, zeitlebens sei sie mit gutem Schlaf gesegnet. Noch zwei Fragen, Madame Sonnabend: Gibt es ein Kunstwerk, dessen Kauf sie bereut? Nein, aber sie bereut, Kunstwerke nicht gekauft zu haben, „zu viele, als daß man sie aufzählen könnte“. Und hat sie einen Tip für junge Sammler? „Sie sollten sich durch ihre Entscheidungen definieren. Eine Sammlung sollte ein Selbstporträt sein.“

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