28.08.2005 · Als Anhänger des New Urbanism betreibt der Baulöwe Craig Robins das Immobiliengeschäft mit Idealismus. Um die „Dinge besser zu machen“, räumt er der Kunst viel Raum ein.
Von Brita SachsEines Morgens werkten auf einem unbebauten Grundstück mitten in Miamis Design District ein paar junge Leute mit Säge, Sperrholz und Farbe an etwas, das aussah wie ein größerer Autounfall. Ein Mann kam hinzu und fragte, was sie dort machten. Sie seien Künstler, war die Antwort, und sie installierten ein Kunstwerk; das Grundstück gehöre dem Immobilienmogul Craig Robins, der habe nichts gegen die Aktion. Der Mann im T-Shirt, der eher wie ein Sporttrainer aussieht als einer, dem in der Gegend mehr als dreißig Gebäude gehören, erklärte, er sei zufällig Craig Robins und wisse nichts von dem Projekt.
Später - so erzählt Robins während einer Stippvisite bei dem langsam gedeihenden „Car Crash“ - stellte sich heraus, daß hier Kunststudenten aus New York an unterrichtsfreien Tagen nach Miami düsten, um als „Starleene and sons“ den künstlerischen Ernstfall zu proben. Und die „Starleene“-Kids hatten recht, Craig Robins konnte gar nichts gegen ihre couragierte Geländebesetzung haben; seit Studienzeiten sammelt er Kunst - heute im großen Stil und als fixe Größe in Miamis Kunstszene. Außerdem ist er selbst ein einfallsreicher Macher, noch vom Auto aus schickt er seinen Fotografen und einen Galeristen als Hilfestellung zu seinen jungen Gästen.
Ein Labor der Kreativität
Robins bewegt sich durchs Viertel, als sei er hier aufgewachsen und betreibe um die Ecke einen Coffeeshop oder eher noch ein Fitness-Studio. Er kennt jeden, plauscht gern ein paar Takte und erzählt im Weitergehen, wie vor einigen Jahren seine Entwicklungsgesellschaft Dacra den Aufschwung des heruntergekommenen, achtzehn Block großen Districts anpackte. Imposante Geschäftsbauten, alte Monumente eines Wirtschaftshochs aus den Zwanzigern, wurden restauriert, Neubauten renommierter Architekten rückten dazwischen. Robins hegt hier die Vision eines „Labors der Kreativität“: eines Orts, an dem, fünf Minuten entfernt vom hippen South Beach, Architektur, Kunst und Design - letzteres das Stiefkind von Amerikas Sinn für Ästhetik, findet Robins - entstehen können, wo sie gezeigt und vermarktet werden sollen.
Zuerst waren Möbel- und Design-Showrooms angelockt worden, dann eröffneten Galerien und Restaurants; Planungsbüros, Ateliers, ein Verlag folgten. Die Wiederbelebung von Zigtausenden Quadratmetern braucht Zeit. Robins nutzt Leerstand in charmant verwitterten Hallen, auch mal in edel restaurierten Etagen, um Kuratoren mit junger Kunst einzuladen oder Teile seiner Privatsammlung zu zeigen - große Arbeiten von Franz Ackermann etwa, Thomas Scheibitz oder auch Paul McCarthy.
Versaces Winterquartier
Im prächtigen, vierstöckig säulenumstandenen Lichthof des Moore Building tobte vergangenen Dezember die pompöse Eröffnungsparty, als das Kunstvolk aus aller Welt in seinem neuen Winter-Mekka zusammentraf, der schillernden Art Basel Miami Beach. Wer heute Miami eine Kunstsammlerhochburg nennt, spricht von nicht mehr als einer guten Handvoll Leuten. Doch die kaufen in Quantitäten und finanziellen Größenordnungen, die wenig ihresgleichen kennen. Schon ihretwegen erkor die Art Basel sich Miami Beach zur amerikanischen Dependance. Robins stützte die Idee dieses Baseler Ablegers von Anfang an: Es paßt in seine Überzeugung vom verbesserbaren Gemeinschaftsgefühl durch sorgfältig geplante Stadtentwicklung, die ohne innovative Köpfe, kluge Gestalter und Künstler nicht gelingen kann.
In Miami pflegen Immobilien, Stadtentwicklung und Kunst ungewöhnlich enge Allianzen. Diese wurzeln in der Wiedererweckung der hübschen marshmallowfarbenen Art-déco-Meile in South Beach, an der auch Robins, damals gerade Mitte Zwanzig, seine Baulaufbahn begann. Reiche und Berühmte wie Modezar Gianni Versace flogen auf das Winterquartier mit Sonnengarantie in Floridas Süden, wo Designstar Philippe Starck mit dem Styling nobler Beachhotels die Meßlatte hoch legte. Die wird freilich nicht immer gehalten, wenn auf knappem Bauland Apartment-Towers wie Spargel aus dem Boden schießen, dabei um den besten ocean view, den begehrten, teuren Blick aufs Meer, wetteifernd. Mehrere der ortsansässigen Megakunstkollektionen basieren auf dem Bauboom. Was Immobilien-Tycoons wie Don Rubell und Marty Margulies zusammentrugen, kann man in großen Lagerhäusern besichtigen, deren Attraktion aus zuvor gottverlassenen nun zunehmend prosperierende Stadtareale zu machen scheint.
Die Kunst als Mittler
Robins' Weg zur Öffentlichkeit läuft anders; längst hortet auch er nicht mehr nur für zu Hause. In seiner mit Designermöbeln zwischen klassisch und originell, dabei ganz unprätentiös eingerichteten Villa unter Palmen am Wasser hängen Werke von Beuys, von Marlene Dumas, Francis Alys, von Wilhelm Sasnal, Kai Althoff und von Robins' Lieblingskünstler John Baldessari. Sie sprechen für einen Anhänger engagierter, auch konzeptuell ausgerichteter Kunst; im Garten, wo der Hausherr schnell ein paar Kokosnüsse für feine Softdrinks schlachtet, hat er eine neue Skulptur so gestellt, daß sie die Tourboote neugieriger Villenspäher grüßt. Kunst soll bei Craig Robins Mittler sein. Also streut er sie wo immer möglich, verteilt sie auf die Gebäude und Areale, die er entwickelt, läßt keine kleine Wand in den Dacra-Büros frei. Baldessari neben jungen Unbekannten, Havekost neben Kippenberger, Elizabeth Peyton, David Hammons - die Liste ist lang.
Die Dinge besser machen
Robins verbindet Immobiliengeschäfte des großen Stils nicht nur mit Profitmaximierung, sondern tatsächlich mit einem gewissen Idealismus. Man glaubt dem sympathischen Baulöwen und Anhänger des new urbanism, daß er versucht, „Dinge besser zu machen“: Als es darum ging, Alison Island, eine kleine, nördlich von South Beach gelegene Krankenhausinsel, mit Wohnungen neu zu bebauen, erteilte die Stadt Robins den Zuschlag, weil er statt einer weiteren Ansammlung von Dreißigstöckern eine Art Drei-Sterne-Dorf vorschlug: vier Dutzend Einzelhäuser am Gemeinschaftsufer und dahinter drei Apartmentbauten, keiner höher als elf Etagen, alles durchdacht von renommierten Stadtplanern und entworfen von vielen Architekten. Mitten hinein hat der Künstler Richard Tuttle neben einen blauen Pool ein großes schwarzes „Splash“ auf die weiße Wand geklatscht, gerade so, als habe ein Goliath das Tintenfaß geworfen. Da erinnert nun das Spritzerbild aus 120000 Kacheln swinging Miami daran, daß Makellosigkeit so verflixt vergänglich ist.