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Porträt : Der Herr der Bücher: Karl Hartung

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Das Leben für und mit alten Büchern des 1914 Geborenen kulminierte in der Gründung der eigenen Firma, die seit 1989 Hartung & Hartung heißt und zu den ersten Adressen der Zunft zählt und internationales Renommee genießt.

          Zu Auktionsbeginn bei Hartung & Hartung empfängt den Besucher stets das vertraute Bild: Vater und Sohn Seite an Seite; der Senior mit dem Protokollbuch vor sich, der Junior hinter seinem Laptop. Bis zur Pause pflegt Karl Hartung die erste Edeltranche zu versteigern, die Zimelien, handgeschriebene und früh gedruckte Bücher. Später tauscht er die Rollen mit dem Sohn und gibt den Beisitzer.

          Erwähnenswert macht dies Ritual, das uns zweifellos im November wieder erwartet, nur eines: Karl Hartung feiert seinen neunzigsten Geburtstag. Man muß das wissen, um es zu glauben; denn nicht nur seine Erscheinung, sondern auch sein Tempo, die stete Präsenz und ein brillantes Gedächtnis strafen die Tatsache Lügen. Das zugleich begangene 75. Berufsjubiläum dürfte Karl Hartung den Rang des Dienstältesten und die Würde des Methusalem unter den aktiven Versteigerern bescheren.

          Alles begann 1929 in München

          Das Leben für und mit alten Büchern des 1914 im österreichischen Bad Ischl Geborenen kulminierte in der Gründung der eigenen Firma, die zu den ersten Adressen der Zunft zählt und internationales Renommee genießt. Begonnen hat es 1929, als sein Mentor Curt von Faber du Faur den Jungen als Lehrling in seiner Münchner Firma Karl & Faber einstellte. Als ersten Höhepunkt seiner Laufbahn erlebte Karl Hartung von 1934 an Wochen in Meiningen, wo die Hauptbibliothek der Fürstlich Oettingen-Wallersteinschen Bücherschätze stand, die als Folge hoher Erbschaftsteuern veräußert werden mußten, was Karl & Faber mit acht Auktionen über die Jahre der Wirtschaftskrise hinweghalf. Bis heute geraten Spezialisten ins Schwärmen beim Gedanken an die Adelsbibliothek. Kriegsjahre bei der Marine und Gefangenschaft endeten mit der Rückkehr nach München, wo Georg Karl und Karl Hartung sich an den Wiederaufbau der ausgebombten Firma machten - Faber du Faur war aus dem Auktionshaus ausgeschieden, um in Yale als Spezialist für deutsche Barockliteratur zu lehren.

          Sisis Bücher und andere Sensationen

          Seit 1966 ist Karl Hartung Mitinhaber von Karl & Faber; nach dem Beschluß, Kunst- und Buchauktionen zu trennen, gründet er 1971 die Firma Hartung & Karl für wertvolle Bücher und alte Drucke. Einige Jahre später tritt Hartungs Sohn Felix in die Firma ein, die seit 1989 Hartung & Hartung heißt und mit der Tochter Kathrin eine weitere Teilhaberin bekam. Spektakuläre Versteigerungen sah sein Unternehmen: die Bücher der Kaiserin Elisabeth von Österreich waren darunter, die gastronomische Bibliothek des Kochkünstlers Walterspiel, die genealogisch-heraldische von Otto Hupp, die Schloßbibliothek Triefenstein und die der Freiherrn Tänzl von Trazberg. Spezialsammlungen zu Hermann Hesse, der Französischen Revolution und Robinson Crusoe und demnächst die Briefe des Frankfurter Mäzens Carl Hagemann.

          Über den eigenen Zaun hinaus

          Lange engagierte Hartung sich im Vorstand des Verbands Deutscher Antiquare, veranstaltete dessen Fortbildungsseminare in seinen Räumen. Und Jahre war er Vizepräsident des von ihm mitbegründeten Bundesverbands Deutscher Kunstversteigerer. So feiert die Branche Karl Hartung als eine der großen Persönlichkeiten des Antiquariatsbuchhandels nicht zuletzt, weil er stets weit über den Zaun seines Geschäftsdomizils am Karolinenplatz hinausschaut. Hier geht er seit nun mehr als einem halben Jahrhundert ein und aus und erweist sich bei Gelegenheit als Kenner der schönen Münchner Situation am Obelisken, die er mit aus der Schreibtischschublade gezauberten alten Ansichten zu illustrieren weiß.

          Zeit für Erinnerungen

          Kein Wunder; denn so verläuft jedes Gespräch, jede Plauderei mit ihm: Weitreichende Kenntnisse, das zuverlässige Gedächtnis und eine faszinierende Erzählgabe schlagen sein Gegenüber in Bann. Er kannte all die berühmten Sammler und Händler, die zu Beginn seiner Karriere Deutschland noch ein Zentrum der Bibliophilie sein ließen: Martin Bodmer, Hugo Borst, Hans Fürstenberg, Anton Kippenberg, Martin Breslauer, Julius Hess und die Rosenthals. Und so wünscht man sich, daß Karl Hartung endlich die Zeit finden möge, seine Erinnerungen aufzuzeichnen.

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