http://www.faz.net/-gqz-93n4w

Paris Photo : Mahlstrom der Bilder

Carbon Print als Dreifarbenexperiment: Man Ray, „Jacqueline Goddard“, 1933, bei der Galerie Lumière des roses, Montreuil (45 000 Euro). Bild: Lumière des roses/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Koma-Schauen auf der Messe „Paris Photo“: dichte Hängungen in zahlreichen Kojen fordern die Konzentrationsfähigkeit heraus, die Besucher kommen dennoch in Scharen.

          Es gab eine Zeit, da hatten die Händler auf den Foto-Messen Kisten am Stand, in denen man zwischen Hunderten von Abzügen blättern konnte. Mit ein wenig Fachkenntnis und einem guten Auge ließen sich allerhand Entdeckungen machen, und hatte man einen kleinen Schatz herausgefischt, klopfte einem der Händler anerkennend auf die Schulter. Jetzt hängen bei der Paris Photo die Schätze ausnahmslos an den Wänden, und man kommt als Besucher nicht umhin, manchem Galeristen auf die Schulter zu klopfen. Welche Anerkennung die Fotografie als Sammelgebiet und Kunstform genießt, belegte die parallel zur Messe veranstaltete Foto-Auktion von Christie’s in Paris: Man Rays „Noire et Blanche“ wurde für 2,25 Millionen Euro zugeschlagen. Ist das zu viel? Sicher nicht. Suchte man einen Vergleich mit der bildenden Kunst, müsste man die Mona Lisa heranziehen.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          So gesehen, sind die Preise auf dem Fotomarkt geradezu moderat. Deutlich wird das am Stand von Sies+Höke/Kicken, der Sigmar Polke gewidmet ist. Sein handkolorierter und silbern übermalter Abzug „Quetta, Pakistan, 1974/ 1978“, womöglich Polkes eindrucksvollste Fotoarbeit, kostet 950 000 Euro, deutlich weniger als seine Gemälde. Dennoch ist er das teuerste Bild der Messe. Auch Faber aus Wien, der einen Satz von siebzig August-Sander-Abzügen anbietet – 1960 von ihm für eine Ausstellung ausgewählt und mit dem Sohn abgezogen –, spielt den Preis von 2,8 Millionen Euro mit dem Vergleich zu Hauptwerken der Malerei des 20. Jahrhunderts herunter.

          Fotografie in der ganzen Vielfalt des Mediums

          Mehr als 150 Galerien aus allen Ecken der Welt präsentieren Arbeiten auf der Paris Photo: von Kalotypien zu Beginn des 19. Jahrhunderts über Experimente aus dem 20. Jahrhundert bis zu Reportageaufnahmen unserer Tage. Es gibt Porträts, Mode und Akt; Architektur, Wissenschaftsfotografie und Stillleben. So wird die Messe zum Marktplatz für alle Möglichkeiten des Mediums. Die kleinsten Bilder sind Kontaktabzüge im Briefmarkenformat, das größte misst 301 mal 241 Zentimeter. Und überall hängen Tableaus – zusammengesetzt aus 28 Abzügen (Autofahrer im Stau von Henry Wessel; bei Zander für 79 000 Euro), aus 36 zusammengetragenen Schwarzweißbildern aus Hollywood-Studios der dreißiger Jahre (von John Divola; bei Luisotti für 48 000 Euro), sogar aus 112 Abzügen (verquere Posen von Klaus Rinke; bei Kicken für 950 000 Euro) – mit denen sich die Galeristen direkt den Einkäufern der Museen empfehlen. Wegen der hohen Standmieten ist aber auch manche Koje einfach nur übertrieben vollgehängt, was in Anlehnung an das Koma-Trinken unter Jugendlichen hier zur Vokabel „Koma-Schauen“ führt. Nur die Galerie Hamiltons zieht sich in eine Art Höhle zurück, düster wie der Venusberg, in dessen Zentrum prompt in Lebensgröße ein besonders schlüpfriges Motiv von Helmut Newton hängt (600 000 Euro).

          Nach zögerlichen Besuchen im vorigen Jahr ist die Messe im herrschaftlichen Ambiente des Grand Palais für ein internationales Sammerpublikum wieder zum zentralen Termin im Jahr geworden.
          Nach zögerlichen Besuchen im vorigen Jahr ist die Messe im herrschaftlichen Ambiente des Grand Palais für ein internationales Sammerpublikum wieder zum zentralen Termin im Jahr geworden. : Bild: AFP/Lionel Bonaventure

          Nach dem vorzeitigen Ende der Messe vor zwei Jahren wegen der Terroranschläge in Paris und zögerlichen Besuchen im vorigen Jahr ist sie im herrschaftlichen Ambiente des Grand Palais für ein internationales Sammerpublikum wieder zum zentralen Termin im Jahr geworden. Wobei das Pariser Publikum die Präsentation als Event begreift und sichtlich begeistert ist über Begegnungen mit Fotografen wie Viviane Sassen und Joel Meyerowitz oder der Sängerin Patti Smith, die bei Gagosian erklärte, nach welchen Kriterien sie für die Galerie als Gastkuratorin ausgewählt hat.

          Tendenzen gibt es keine zu erkennen. Japanische Fotografie seit dem Zweiten Weltkrieg bildet einen Schwerpunkt, und auffällig viel deutsche Fotografie aus den zwanziger und dreißiger Jahren ist zu sehen. Die Preise beginnen fast überraschend niedrig, bei 3000 Euro. Für jene Besucher, die unbedingt einen Leitfaden benötigen, hat Karl Lagerfeld seine 213 Lieblingsbilder der Messe ausgewählt und mit einem Aufkleber geadelt. Na ja.

          Paris Photo. Im Grand Palais, Paris; noch bis Sonntag, den 12. November. Eintritt 32 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Kunst bis unters Dach Video-Seite öffnen

          Galerist von Bartha : Kunst bis unters Dach

          Preisschildchen am Bilderrahmen? Tollpatschiger Besuch? Ein Blick in die Wohnung des Basler Galeristen Stefan von Bartha verrät: Mit Kunst zu leben ist halb so wild.

          Topmeldungen

          Freiwillige vor : Die Gräben bei Siemens werden immer tiefer

          Wenn sich genug Freiwillige melden, braucht’s bei Siemens keine betriebsbedingten Kündigungen. Mit diesem Argument will Personalvorstand Kugel die Arbeitnehmer besänftigen. Die wollen sich aber nicht so leicht zufrieden geben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.