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Veröffentlicht: 15.03.2017, 16:20 Uhr

Londoner Zeitgenossen Ohne Garantien geht es doch nicht

Londoner Ergebnisse: Auch die Zeitgenossen bei Sotheby’s, Christie’s und Phillips halten sich gut. Christie’s baut um und dabei Stellen ab.

von Anne Reimers/London

Die Londoner Versteigerungen mit Gegenwartskunst bei Christie’s, Sotheby’s und Phillips bestätigten, wie schon die Moderne-Auktionen, mit starken Ergebnissen die Belastbarkeit des Auktionsmarkts. Christie’s konnte in seiner Abendauktion 56 von 59 Losen im Angebot für 96,38 Millionen Pfund vermitteln; Sotheby’s zog mit 118 Millionen für 57 von 61 Losen nach. Das bedeutet eine Steigerung von siebzig Prozent gegenüber dem Frühjahr 2016, dem derzeit schwachen Pfund geschuldet, oder von 43 Prozent in Dollar. Die Verkaufsrate lag bei 95 Prozent nach Losen bei Christie’s und 93,4 Prozent bei Sotheby’s. Phillips verkaufte 23 von 38 Losen, also 82 Prozent, für 14,66 Millionen Pfund.

Phillips hatte weniger großzügig als vor einem Jahr Haus-Garantien vergeben und wegen des unsicheren Klimas eine „solide und vorhersehbare“ Auktion zusammengestellt, wie Chairman Edward Dolman hinterher erklärte. Nur zwei Garantien waren von Phillips selbst vergeben worden, und beide Werke, von Yoshitomo Nara und Takashi Murakami, wurden an denselben Telefonbieter verkauft. Die Position des Spitzenloses teilen sich Rudolf Stingel mit der goldenen Großleinwand „Untitled (Plan B)“ und Miquel Barceló mit der Stierkampf-Arena „Muletero“. Sie wurden beide zur unteren Taxe von 2,5 Millionen Pfund vermittelt.

Ein neuer Rekord für Baselitz

Christie’s und Sotheby’s hatten die entgegengesetzte Strategie eingeschlagen. Hier wurden sogar noch kurz vor den Abenden zusätzliche, durch dritte Parteien finanzierte Garantien vergeben, vielleicht, damit nervöse Einlieferer keine kalten Füße bekamen. Bei Sotheby’s waren es fünfzehn Garantien, bei Christie’s zehn. Und bei Christie’s kam der Abend in Schwung, als das erste Los, Wolfgang Tillmans’ in der Dunkelkammer erzeugte blaue Lichtstudie „Freischwimmer 186“, auf 220 000 Pfund (Taxe 80 000/120 000) schnellte. Ein weiterer Auktionsrekord wurde kurz darauf mit dem von Velázquez inspirierten, monumentalen Porträt „The Beautiful Ones“ der 1983 in Nigeria geborenen und in Los Angeles lebenden Malerin Njideka Akunyili Crosby aufgestellt: Es war einem Sammler am Telefon der in Deutschland stationierten Christiane Gräfin zu Rantzau stolze 2,1 Millionen Pfund (400 000/600 000) wert. Albert Oehlens hochtaxiertes „Selbstporträt mit Palette“ war mit unwiderruflichem Gebot gesichert und stellte zur unteren Taxe von 2,5 Millionen Pfund den erwarteten Rekord auf. Weitere Höchstmarken wurden für Cecily Brown mit 1,5 Millionen Pfund (900 000/1,2 Millionen) für die 6,33 Meter breite Abstraktion „The Sick Leaves“ sowie für Günther Uecker und Henry Taylor erzielt. Das Spitzenlos, Peter Doigs Schneelandschaft „Cobourg 3 + 1 More“, spielte 11,2 Millionen Pfund (8/12 Millionen) ein. Rauschenberg, Dubuffet und Basquiat blieben gefragt, und bei Calders „Guava“-Mobile setzte sich der Händler David Nahmad mit 3,9 Millionen Pfund (3/5 Millionen) gegen zwei ehemalige Christie’s-Mitarbeiter im Saal durch. Rothkos gelb-rot leuchtendes „No 1 (1949)“ ging am Telefon von Francis Outred für 9,4 Millionen Pfund (8/12 Millionen) weg. Der Einlieferer, der russische Milliardär Dmitri Rybolowlew, soll dem Schweizer Händler Yves Bouvier 2008 überzogene 24 Millionen Euro für das Werk bezahlt haben. Er muss also, wie schon für zwei Lose in der Moderne-Auktion bei Christie’s, einen Verlust in Kauf nehmen.

Am Abend bei Sotheby’s waren aller Augen auf Gerhard Richters „Eisberg“ gerichtet (F.A.Z. vom 4. Februar), der souverän seine obere Taxe von zwölf Millionen Pfund hinter sich ließ: 15,6 Millionen Pfund gewährte ein asiatischer Telefonbieter. Kurz davor war der – mit Garantie abgesicherte – Rekord für Georg Baselitz gefallen: Das Gemälde „Mit roter Fahne“ wurde zur unteren Taxe von 6,5 Millionen Pfund vermittelt. Sotheby’s hatte auch Albert Oehlens Abstraktion „FN 32“ garantiert, blieb aber auf dem Bild sitzen (Taxe 800 000/1,2 Millionen), trotz des Oehlen-Rekords bei Christie’s. Basquiats knalliges garantiertes „Untitled (One Eyed Man or Xerox Face)“ war vom Auktionshaus garantiert, zog aber nur ein einziges Gebot von 10,5 Millionen (14/18 Millionen) an. Ein überraschendes Bietgefecht entfachte eine besonders große, grauschwarze Abstraktion von Christopher Wool; Amy Cappellazzo setzte sich hier für ihren Telefonkunden mit 6,2 Millionen (2,8/3,5 Millionen) gegen Gebote der Gagosian und der Richard Gray Gallery im Saal durch. Sotheby’s überrundete den bei Christie’s am Vortag aufgestellten Rekord für Tillmans mit 380 000 Pfund (80 000/120 000) für das größere „Freischwimmer 119“ in Gelb. Zu ambitioniert war der Einlieferer von Dubuffets weithin beworbenem „L’homme au papillon“ mit der Erwartung von drei bis fünf Millionen Pfund; es blieb unverkauft.

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Unterdessen gab Christie’s bekannt, sein Geschäft noch stärker auf Asien und Amerika sowie Online-Auktionen zu verlagern; das zweite Londoner Standbein in South Kensington wird geschlossen. Niedrigerpreisige Auktionen werden künftig entweder im Stammsitz in der King Street abgehalten oder auf die expandierende Online-Plattform übertragen. 2016 wurden mit reinen Online-Auktionen 149,9 Millionen Dollar umgesetzt; der Durchschnittspreis lag bei 6047 Dollar. Auch die Auktionen in Amsterdam werden reduziert, was Entlassungen an beiden Standorten bedeutet; die Rede ist von 250 Stellen. In Asien und Amerika wird die Präsenz dagegen ausgebaut. Unter den Neukunden 2016 kamen 35 Prozent aus Asien und 39 Prozent aus Amerika. Christie’s eröffnete 2013 in Schanghai und 2016 in Peking neue Büros, im April kommt ein Ausstellungsraum in Los Angeles hinzu.

Ehrlich und präzise

Von Eckart Lohse

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