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New Yorker Wandel : Treppensteigen ist out, Nachbarschaft ist in

  • -Aktualisiert am

Expansion und Exodus: In die Kunstszene von Manhattan kommt Bewegung. Während die großen Kunsthändler Chelsea übernehmen, flüchten die kleinen Galerien zur Lower East Side.

          Wer denkt, Manhattans Kunstquartier Chelsea wirke in diesen Tagen brütender Hitze wie ausgestorben, der irrt. Hinter den geschlossenen Türen der gekühlten Galerieräume gärt es: Veränderungen und Umbrüche zeichnen sich ab, die spätestens zum Saisonbeginn im September offenbar werden. Was ist los in Chelsea? Das Viertel wird gegenwärtig von zwei gegenläufigen Trends bestimmt: Expansion und Exodus.

          Die Expansion ist das, was von außen sichtbar ist: Chelsea, einst Heimat der Autowerkstätten und Stripclubs, hat in den vergangenen Jahren eine deutliche Aufwertung erfahren: Zuerst waren es die Galerien, dann die im Laufe der letzten drei Jahre umgebaute historische Hochstraße „HighLine“, die heute einen belebten Park beherbergt, und nicht zuletzt die Kommerzialisierung des angrenzenden Meatpacking-District, die diesen Teil der Stadt zum Touristenmagneten gemacht haben. Auch der kunstinteressierte Besucher hat etwas davon; kann er doch die längst auf die Größe mittlerer Museen aufgeblähten Großgalerien entspannt nach dem Shopping abschreiten.

          Abwanderung in Richtung Lower East Side

          Die großen Galerien in Chelsea werden immer größer: Längst besetzt Galerist David Zwirner fast die ganze 19. Straße; Larry Gagosian, Andrea Rosen, Matthew Marks und Pace haben alle in den vergangenen Jahren ihren Galerienraum vergrößert und operieren teils mit mehreren Chelsea-Dependancen in Laufweite. Jüngster Neuzugang in Chelsea wird Hauser & Wirth sein: Die Schweizer beziehen im September zusätzlich zu ihrer Galerie in einem Townhouse auf der Upper East Side 2000 Quadratmeter große Räume an der West 18th Street in den ehemaligen Räumen des Schwulenclubs „Roxy“. Damit wächst der Galeriendistrikt um eine weitere Straße in Richtung Süden; nun sind es von der 18. bis zu Galerien wie Peter Blum oder Sean Kelly auf der 29. Straße bereits elf Blocks, die man bewältigen muss, will man auch nur einen Bruchteil dessen sehen, was die mehr als fünfhundert Galerien zeigen.

          Bei so viel Expansionslust kann nicht jeder mithalten, der hier Kunst zeigt. Und das löst den aktuellen gegenläufigen Trend aus, der den meisten Chelsea-Touristen kaum auffallen wird. Zahlreiche kleinere Galerien verlassen den Distrikt in Richtung Lower East Side - vor allem jene, die nicht die finanziellen Mittel haben, eine der repräsentativen, ebenerdigen „Storefront Galleries“ zu führen. Selbst Nicole Klagsbrun, eine der kleineren wichtigen Galerien, die international erfolgreiche Künstler wie John Pilson oder Mika Rottenberg vertritt, hat sich dem Druck ihrer Sammler gebeugt und ihre großzügigen Galerieräume an der West 26th Street verlassen und schon im November 2011 kleinere, ebenerdige Räume auf der West 24th Street bezogen: „Die Sammler sind nur kurz in der Stadt und müssen sich die Lower East Side ansehen, Chelsea und die Museen uptown“, sagt Klagsbrun, „und die sagen mir: Ich habe nicht die Zeit, all die vielen Stufen zu dir hinaufzusteigen.“ Wahrgenommen werde man nur mit ebenerdigen Räumen.

          Umgekehrte Gentrifizierung

          Viele der weniger bekannten Galerien wie Alan Klotz, Daneyal Mahmood oder Margaret Thatcher Projects, die ebenfalls jahrelang in den ersten, zweiten oder noch höher gelegenen Stockwerken der ehemaligen Werkstatt- und Lagergebäude Chelseas residierten, sind umgezogen. Deborah Bell Gallery und „Fotosphere“ haben aufgegeben. Nach zehn Jahren verlässt nun auch Galeristin Valerie McKenzie, die amerikanische Künstler wie Julie Allen oder Reed Danziger repräsentiert, ihre Räume an der West 25th Street. „Immer öfter schien es uns, als wären wir hier in Sibirien“, sagt sie. „Als wir vor zehn Jahren eröffneten, war das noch anders. Die Leute schienen hungriger auf Kunst und abenteuerlustiger zu sein. Es machte niemandem etwas aus, ein paar Treppenstufen hochzusteigen.

          Doch alles wird kommerzieller in Chelsea, und warum soll man sich noch die Mühe machen, wenn immer mehr Kunst so leicht zu erreichen ist?“ McKenzie zieht auf die von zahlreichen Galerien wie etwa „Invisible Exports“ oder „Untitled“ bevölkerte Orchard Street an der Lower East Side, wo sie die üblichen Prozesse der Gentrifizierung einfach mal umdreht und die Räume einer ehemaligen Boutique übernimmt. „Hier habe ich, anders als in Chelsea, die Möglichkeit, eine ,Storefront Gallery’ zu vernünftigen Konditionen zu führen“, so McKenzie. „Hier gehören die meisten Gebäude immer noch Privatleuten, nicht gesichtslosen Konzernen, die eher an ihren Profiten als an der Kunst interessiert sind. Ich werde Teil einer gewachsenen Nachbarschaft.“

          Doch nicht für alle Galeristen ist an der Lower East Side das Gras grüner als in Chelsea: Sue Scott schließt nach vier Jahren im Herbst ihre Galerie. „Ich habe meine letzten Ausstellungen mit Künstlern wie David Shapiro oder Franklin Evans komplett verkauft.“ Kommerzieller Erfolg sei vorhanden, doch in ihr sei das Bedürfnis gewachsen, sich abseits vom täglichen Galeriengeschäft und zunehmenden Messetrubel mehr auf die unmittelbare Arbeit mit den Künstlern zu konzentrieren.

          Scott wird ihre Räume zunächst behalten und von dort aus frei mit Sammlern und Kuratoren zusammenarbeiten. Sue Scott ist eine Ausnahme. Auch an der Lower East Side deutet sich bereits Größenwahn an: Das Gerücht macht die Runde, dass an der Bowery gegenüber von dem New Museum, dort, wo einst Ende der fünfziger Jahre Mark Rothko zwei Jahre lang sein Atelier hatte, künftig Galerieraum vermietet werden soll. Der Mietpreis: 50.000 Dollar im Monat.

          Quelle: F.A.Z.

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