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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Neue Tempel für den Kunstkauf Auf der Hatz nach Paris

 ·  Große Galeristen zieht es ins Umland der französischen Hauptstadt: Thaddaeus Ropac baut Megahallen und zeigt Anselm Kiefer. Und Larry Gagosian macht’s ihm nach.

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Fast gleichzeitig eröffneten kürzlich Thaddaeus Ropac und Larry Gagosian neue Riesendependancen in Paris. Pikanterweise mit demselben Künstler: Anselm Kiefer. Das riecht nach Kampfansage, und es sieht ganz danach aus, als strecke der globalisierte Kunstmarkt seine Fühler jetzt nach Paris aus. Frankreichs Hauptstadt rückte spät in den Fokus des internationalen Handels mit zeitgenössischer Kunst, zu konservativ und patriotisch blieb lange der französische Geschmack.

Zwar entwickelte sich seit den achtziger Jahren eine abwechslungsreiche Galerielandschaft, zu der auch einige Dependancen ausländischer Galeristen beitrugen, doch den Kunstkapitalen New York und London reicht diese Szene nicht das Wasser. Seltsam eigentlich, wenn man bedenkt, dass zwei der aktuell einflussreichsten Sammler weltweit, die rivalisierenden französischen Luxuskonzern-Unternehmer Bernard Arnault und François Pinault in der Stadt zugange sind.

Dass in Paris mehr Potential steckt, welches man mit entsprechendem Angebot wachkitzeln muss, testete und erkannte Thaddaeus Ropac, der für diese Dinge eine Trüffelnase hat. Der Österreicher begann seine Bilderbuchkarriere 1983 sozusagen hinter den sieben Bergen, im kleinen Salzburg, wo während weniger Festspielwochen im Jahr kapitalstarkes internationales Publikum anreist, das der Galerist mit großkalibrigem Programm und nicht zuletzt mit seiner gewinnenden Persönlichkeit überzeugte.

Wie damals bürstete Ropac gängige Vorstellungen vom idealen Galeriestandort abermals gegen den Strich, als er 1990 eine erste Zweigstelle in Paris einrichtete, um auch dort Warhol, Baselitz, Alex Katz, Gilbert& George und seine anderen Stars zu zeigen. Legt man die Quadratmeter von inzwischen je zwei Filialen in Salzburg und Paris zugrunde sowie einen Stab von insgesamt sechzig Mitarbeitern, dürfte Ropac heute die größte Galerie in Kontinentaleuropa sein.

Das Imperium schlägt zu

Larry Gagosians Konzept geht anders. Seit 1980 rollt er von Los Angeles, dann von New York aus großflächig sein Galerienetz aus. Das Imperium des 67-Jährigen, der vielen als mächtigster Kunsthändler der Welt gilt, umfasst mittlerweile zwölf Niederlassungen in Amerika, Europa und Asien. Ungeniert operiert Gagosian nach Kuckucks-Art: Mit Vorliebe setzt er sich ins gemachte Nest, will heißen, wirbt den Kollegen Künstler ab, wenn deren Ruhm für Preise sorgte, die sich mit entsprechendem Geschick nach oben ausbauen lassen (spektakulär der Fall des Autoschrottskulpteurs John Chamberlain, der nach zwanzig Jahren bei Pace zu Gagosian gewechselt war. Noch undurchsichtig hingegen die Gründe, die gerade zur Trennung von Gagosian und Damian Hirst führten). Auch installiert Gagosian seine Außenposten gerne dort, wo das Galerienpflaster schon gelegt ist.

In Paris etwa machte er erst vor zwei Jahren eine Filiale auf, sie bietet immerhin auch schon 900 Quadratmetern im Luxusviertel nah den Champs Elysées. Kaum gab Ropac im vergangenen Sommer die Eröffnung seiner neuen Großkunsthallen im nordöstlich von Paris gelegenen Pantin bekannt, stieg Larry Gagosian in den Ring. Unter dem Motto „diesen Kuchen wirst Du nicht allein essen“ konterte er überraschend mit der Ankündigung gleichfalls neue Riesenräume im nördlich gelegenen Le Bourget zu eröffnen - drei Monate später waren sie fertig. Abgesehen davon, Riesenbilder und Großinstallationen zeigen zu können, sind die Unterschiede zwischen beiden XXL-Locations immens.

In seiner Pariser Kerngalerie im Marais steht das Modell, an dem Ropac begeistert erklärt, wie man zwei Jahre lang mit den Architekten Buttazoni & Associés an der alten Metallwaren-Fabrik in Pantin arbeitete, bis die denkmalgeschützten Ziegelhallen in helle Tempel für die Kunst verwandelt waren. Weder Mühen noch Kosten wurden gescheut. Als wachse er schon immer dort, erwartet ein ausgewachsener, eigens aus Norddeutschland importierter Baum den Besucher auf dem Gelände von 4700 Quadratmetern.

Über schönes Kopfsteinpflaster erreicht man die Staffel von vier untereinander verbundenen Ausstellungshallen; knapp vierzig Meter lang, bis zwölf Meter hoch strahlen sie innen schneeweiß bis hinauf ins Gebälk unter den Oberlichtfluten. Zum Empfang für Sammler wartet eine Lounge mit Kamin und ein Multimedia Raum steht für performative Kunst bereit, denn beabsichtigt ist das Zusammenwirken mit der benachbarten Kulturszene um das Centre National de la Dance und die im Bau befindliche Philharmonie von Paris.

Diesen Raum weiht eine Hommage an Joseph Beuys ein. In Zusammenarbeit mit Eva Beuys arrangierte Beuys-Kenner Jörg Schellmann ikonische Relikte aus dem Kontext von „Titus Andronicus/Iphigenie“, der legendären, 1969 im Frankfurter Theater am Turm aufgeführten Aktion mit Pelzmantel und einem weißen Pferd, Vitrinen zeigen die originalen Konzertbecken oder auch die vorbereitenden Manuskripte. Nicht von ungefähr wählte Ropac Joseph Beuys zu dieser wichtigen Eröffnung. Als junger Mann assistierte er ihm 1982 beim Aufbau der Installation „Hirschdenkmäler“ für die „Zeitgeist“ -Schau im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Die Begegnung mit dem Künstler wurde zukunftsweisend. Er riet Ropac zur Kunstvermittlung. Und so schloss sich jetzt ein Kreis, als Eva Beuys ihm für eine Schau in der Marais-Galerie die „Hirschdenkmäler“ anvertraute, keinen der Abgüsse wohlgemerkt sondern Original-Elemente der symbolgeladenen skulpturalen Szenerie. Die vier Haupthallen füllt Kiefers neuer Werkblock „Die Ungeborenen“. Weitläufig kreisen mehr als zwanzig monumentale Bilder, Skulpturen und Installationen um, wie der Künstler sagt, „die andere Seite der Ungeborenen, den Wunsch nicht geboren worden zu sein“ und „das Rückgängig-Machen der Schöpfung“. Zwei Jahre lang arbeitete Kiefer an diesem Zyklus, hat Embryonen in Kunstharz geformt, Megaleinwände „Für Rabbi Löw“ oder die „bösen Mütter“ virtuos mit Farbmassen beschichtet für die glamouröse Premiere von Europas größten Galerieräumen.

Räume in bester Verkehrslage

Zwei Tage nach der Eröffnung bei Ropac folgte glamouröse Kiefer-Vernissage bei Gagosian. Kann ein Künstler nicht „Nein“ sagen, wenn Gagosian ruft? Offenbar schwer. Kiefer wollte es sich wohl mit keinem der beiden Titanen verderben. Letztlich führte Gagosians unverfrorener Versuch, dem Kollegen die Schau zu stehlen, natürlich für beide zu einem gigantischen PR-Erfolg in der skandallüsternen Kunstmarktszene.

Stratege Gagosians Hyperspace liegt am Gelände des alten Pariser Flughafens in Le Bourget, heute Europas größter Landeplatz für Privatjets, der ihm die betuchte Kundschaft ebenso direkt vor die Tür serviert wie die nahe Autoroute du Nord, über die reiche Sammler aus Belgien und Holland bequem anreisen können. Manch Auswärtiger ist so fixer da, als ein Pariser, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln inklusive Umsteigeaktionen und abschließendem Fußmarsch fast anderthalb Stunden zum Ziel braucht.

Willenlose Künstler?

Stararchitekt Jean Nouvel verwandelte die Industriehalle der fünfziger Jahre in kunstfähige 1650 Quadratmeter. Er stellte einige Wände in den pfeilerlosen Raum, erhaltenswerte Altsubstanz wurde restauriert und eine weitere 340 Quadratmeter bietendes Mezzanin erlaubt attraktive Blicke hinunter in die Haupthalle. Es herrscht eine professionelle, unpersönliche Atmosphäre, woran auch Kiefers historisch durchwester „Morgenthau Plan“ wenig ändert, ein großes, vergoldetes Weizenfeld, eingesperrt in einen Stahlkäfig. Die Bodenskulptur bezieht sich auf einen Nachkriegsplan des Amerikaners Henry Morgenthau.

Der schlug vor, Deutschland in einen vorindustriellen Agrarstaat zurück zu verwandeln, um es auf Dauer zu deindustrialisieren, was zum Hunger- und Seuchentod von Millionen Bürgern hätte führen können. Nie umgesetzt, stellt der Plan doch eine potentielle alternative Geschichte Deutschlands dar. In Nebenräumen hängen einige Feld- und Blumenbilder. Der direkte Vergleich beider Schauen fällt nicht unbedingt zugunsten von „Morgenthau“ aus, deutlich mehr Kreativität steckt in dem romantisch und mystisch weit verästelten „Ungeborenen“-Werkblock.

Er wolle sein Wachstum nicht über eine Kriegserklärung erreichen, sagt Ropac im Gespräch mit dieser Zeitung, auch wenn Larry Gagosian bislang gültige Regeln der Branche über Bord werfe. Spürbar ist es Ropacs Bestreben, die Künstler vor Konflikten zu schonen. Er betont, ihnen bei der Verwirklichung ihrer Visionen helfen zu wollen, indem er die Möglichkeit schaffe, sich ohne räumliche Einschränkung ausdrücken zu können, aber auch indem die Galerie Entstehungsprozesse begleite.

Nun ist das wohl eine Voraussetzung für die neuen Megaschauen; bekanntermaßen stellt auch Gagosian seinen Künstlern Riesenbeträge und Manpower, damit sie den erforderlichen Aufwand stemmen können. Es gehe im Kunsthandel viel zu häufig nur noch um den Umsatz klagt Ropac und versichert im selben Atemzug: „Wir verkaufen nicht, wir plazieren“. Die aktuelle Kiefer-Schau will er, bei Preisen bis zu einer Million Euro, zur Hälfte an Institutionen und private Museen veräußern und Bewerbungen von Privatsammlern um die „Hirschdenkmäler“ für einen mittleren siebenstelligen Betrag ausgeschlagen haben, „die Arbeit muss in ein Museum“.

In einem Text über das Gagosian-System schrieb das „Wall Street Journal“ mal, der Gallerist habe die Technik verfeinert, „big-ticket sales“ zu fördern, indem er Künstler ermutigte, supergroße Werke zu schaffen, um supergroße Kaufpreise zu rechtfertigen. Damit wurde eine Schraube angesetzt, an der mitdrehen muss, wer zur Topliga gehören will. Die starke obere Mitte aber wird es daher bald nicht mehr geben, befürchtet Ropac, die nachteiligen Folgen für eine lebendige und vielfältige Szene kann man sich leicht ausmalen. Und was plant Ropac selbst? „ Natürlich denken wir schon über nächste Standorte nach“ sagt er, „es wird um die Märkte in Asien und Südamerika gehen.“

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