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Nationales Kulturgut : Mit allen guten und schlechten Geistern

Karl Hofer, „Selbstbildnis mit Dämonen“, 1922, Öl auf Leinwand, 147 mal 124 Zentimeter Bild: akg-images/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Verschlungene Wege: Die Wanderschaft von Karl Hofers „Selbstbildnis mit Dämonen“ durch Raum und Zeit und was das Kulturgutschutzgesetz damit zu tun hat.

          Schon im Sommer hatte das Berliner Auktionshaus Grisebach in seinem „Journal“ die Versteigerung von Karl Hofers „Selbstbildnis mit Dämonen“ angekündigt, versehen mit einer Erwartung von 400 000 bis 600 000 Euro; die obere Taxe zielte auf einen neuen Höchstpreis für ein Gemälde des Künstlers. Nun lautet die überraschende Auskunft von Grisebach, dass das Werk aus der Auktion genommen wurde.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wie es dazu gekommen ist, erklärt Bernd Schultz, der langjährige Geschäftsführer des Hauses, auf Anfrage so: Das Bild sei für die Herbstauktion bei Grisebach vorgesehen gewesen „in der Gewissheit, dass die Berliner Kulturverwaltung uns zeitnah darüber informiert, dass dieses Bild nicht zum nationalen Kulturgut nach seiner Einreise aus der Schweiz in Deutschland erklärt wird“. Der Prozess bis zur Urteilsfindung habe sich, so Schultz weiter, „seit Anfang Juli bisher über drei Monate hingezogen“; eine eindeutige Klärung sei erst für den 3. November zugesagt worden. Die Endredaktion des Katalogs habe aber am 10. Oktober stattgefunden. Deshalb „bestand die Gefahr, dass das Gemälde sonst Deutschland nicht mehr hätte verlassen dürfen und somit der Kreis der Interessenten massiv eingegrenzt worden wäre“. Der Eigentümer habe sich diesem Risiko nicht aussetzen wollen.

          Dreizehn Jahre in der Karlsruher Kunsthalle

          Das „Selbstbildnis mit Dämonen“ ist gut bekannt, seit 2008 ist es zudem Titelbild des Werkverzeichnisses der Gemälde Hofers. Dort steht als Provenienz: „Badische Kunsthalle Karlsruhe, ehem. Inv.-Nr. 1401, erw.: Frühj.-Ausst. d. Akademie Berlin 1923; 1936 getauscht gegen „Weg nach Lugano“;... 1992–99 Slg. Deyle...; Galerie Pels-Leusden, Zürich“. Unter Verbleib steht: „Privatsammlung, Schweiz“. Aufmerken lässt, dass also die Karlsruher Kunsthalle das verstörende Bild dreizehn Jahre lang besaß, bis man es von dort – im Jahr 1936 – gegen Hofers friedliche Landschaft „Weg nach Lugano“ wegtauschte; ein Grund für diesen Tausch ist nicht verzeichnet. Tatsächlich handelte es sich dabei, das ist belegt, um vorauseilenden Gehorsam des damaligen Direktors der Kunsthalle gegenüber den Nationalsozialisten.

          Zuletzt wurde das Selbstporträt am 6. Oktober 1999 von Sotheby’s versteigert, im Rahmen der „Deyle Collection“. Der Stuttgarter Unternehmer Rolf Deyle ließ damals, vielbeachtet, wichtige Werke seiner Sammlung deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts in London auktionieren. Die Schätzung für Hofers Bild lautete auf 80 000 bis 120 000 Pfund, zu damaligem Kurs umgerechnet 122 000 bis 184 000 Euro. Zugeschlagen wurde es, deutlich unter seiner Taxe, für 65 000 Pfund an Bernd Schultz (F.A.Z. vom 9. Oktober 1999). Er war 1999 nicht nur der Chef der Villa Grisebach, sondern auch bereits einer der Zeichnungsberechtigten der Galerie Pels-Leusden AG in Zürich. Der 1993 gestorbene Hans Pels-Leusden hatte 1986 gemeinsam mit Schultz und drei weiteren Kunsthändlern die „Villa Grisebach Auktionen“ in der Berliner Fasanenstraße 25 gegründet. Auf Anfrage bestätigte Bernd Schultz, dass der aktuelle Eigentümer von Hofers Selbstporträt die Galerie Pels-Leusden in Zürich ist; sie wäre entsprechend der Einlieferer gewesen.

          Auch das Staatsministerium für Kultur und Medien (BKM) und die Berliner Senatsverwaltung für Kultur haben sich zu Hofers Werk geäußert. „Um Eigentümern und Kunsthandel in solchen Fällen entgegenzukommen“, so das BKM, „wurde im Kulturgutschutzgesetz ein sogenannter ,Negativtest‘ gesetzlich verankert (§14 Absatz7 KGSG).“ Es kann eine schriftliche Zusicherung beantragt werden, dass ein Werk nicht national wertvoll ist; dabei gilt: „Dieses Verfahren – ggf. unter Einbindung eines Sachverständigenausschusses und notwendiger Gutachten – kann einige Zeit in Anspruch nehmen.“ Im Fall des Hofer-Bilds habe die Kulturbehörde Berlins den Eigentümer und Grisebach „bereits im Sommer“ darüber informiert, dass der Sachverständigenausschuss in dieses Prüfverfahren eingebunden werden müsse. Weiter heißt es: „Für das Eintragungsverfahren von national wertvollem Kulturgut sieht der Gesetzgeber eine Frist von maximal 6 Monaten vor, die jedoch ausdrücklich nicht für das ,Negativattest‘ gilt.“ Es gibt dann also keinen Rechtsanspruch auf Entscheidung binnen einer bestimmten Frist.

          Die Berliner Senatsverwaltung nennt auf Anfrage außerdem konkrete Termine: Der Eigentümer und Grisebach, heißt es, haben am 10. Juli das Negativattest beantragt. Allerdings, so weiter, habe der Eigentümer „seinen Antrag bereits am 29. September zurückgezogen und mitgeteilt, dass er nicht mehr beabsichtige, das Gemälde in die Auktion einzuliefern“. Da mithin kein Bedarf an einer Entscheidung über den Antrag mehr bestand, wurde das Verfahren beendet.

          Funktionstest des Kulturgutschutzgesetzes?

          Es wäre denkbar, dass mit dem Antrag auf den Negativtest seitens des Auktionshandels ein – erstes – Exempel statuiert werden sollte auf die Funktionsfähigkeit des Kulturgutschutzgesetzes (KGSG) seit seinem Inkrafttreten vor nun gut einem Jahr. Bernd Schultz hat sich als einer der schärfsten Gegner des KGSG hervorgetan. Und seine doppelte Funktion als (Mit-)Eigentümer und Auktionator mag sein Interesse verdoppelt haben an der Erteilung oder eben Nicht-Erteilung eines Negativattests. Dass dabei zu lange Wartezeiten (oder auch nur Gerüchte darüber) in vergleichbaren Fällen (von denen bisher keiner bekannt wurde) bei Sammlern und Handel Wasser auf die Mühlen des Unmuts über entsprechende Bestimmungen des Gesetzes wären, ist sehr verständlich. Dazu sollte es besser nicht kommen, es wäre schlecht für den Kunsthandelsstandort Deutschland.

          Allerdings stellt sich für Karl Hofers „Selbstbildnis mit Dämonen“ die Lage anders dar, weil der Eigentümer seinen Eintrag ja selbst zurückgezogen hat. Der Grund dafür könnte im Versuch des direkten Verkaufs aus der Galerie in Zürich ins Ausland liegen. Erfreulich wäre freilich eine andere Möglichkeit: dass nämlich so der Königsweg zurück ins frühere Museum eröffnet werde – in die Kunsthalle nach Karlsruhe. Dieses intensive Gemälde eines deutschen Künstlers, dessen Schicksal von den Nationalsozialisten gezeichnet ist, dort für die Öffentlichkeit zugänglich zu wissen wäre ein großartiger Erfolg, ein Gewinn fürs Museum – und doch genauso für den aktuellen Eigentümer.

          Quelle: F.A.Z.

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