Es ist eine Kür großer Klasse gelungen, inklusive fehlerfreiem Doppelsalto: Während die Highlights im Haus der Kunst ihrem selbstbewussten Namen auch im dritten Jahr alle Ehre machen, präsentiert im Postpalast die 57. Kunst-Messe München eine absolut reife Leistung. Und dann dreht im Paulaner am Nockherberg auch noch die gestandene Kunst&Antiquitäten ihre hübsche Pirouette. Vergessen sind die Jahre der Münchner Querelen. In friedlicher Koexistenz bestätigen die Veranstaltungen Münchens unangefochtenen Ruf als Hauptstadt des deutschen Kunsthandels, der die Anziehungskraft auf auswärtige und internationale Händler begründet.
Die Highlights, entwickelt von Münchner Händlern des Spitzensegments und von ihnen organisiert, präsentieren in der zartgrauen Eleganz des luftigen Standdesigns einen bestechend schönen Parcours durch die Künste der Zeiten und Völker. Steht man irgendwann staunend vor dem weiblichen Kykladenidol von seltener Größe (2,4 Millionen Euro) bei Gordian Weber, schließt sich ein Kreis von dieser mehr als 4000 Jahre alten, genial stilisierten Marmorfigur zur Moderne, die Inspiration außerhalb des klassischen Kanons suchte: Das Strichmenschlein auf Paul Klees „Häusertreppe“ von 1923 etwa steht dem prähistorischen Idol viel näher als jedem Vorläufer in der Malereigeschichte.
Klees Bild bei Salis & Vertes (950.000 Euro) verfügt über eine wasserdichte, mit den Galerien Herwarth Walden und Ferdinand Möller beginnende Provenienz. Epochen- und kontinentübergreifende Dialoge sorgen für Hingucker und Spannung: Zum Beispiel, wenn Bienenstein Fine Art aus Wien die sinnliche, nur mit Schmuck behängte Aktfigur einer indischen Apsara des 11.Jahrhunderts (82.000 Euro) vor hundert Jahre alten japanischen Paravents mit monochromen Silber- oder Goldauflagen plaziert (je 8500 Euro); vor allem aber, weil die offene Standarchitektur überall Durchblicke erlaubt und fließende Übergänge zum jeweiligen Nachbarn.
Dieses Konzept erweist sich als Gold wert, Flexibilität war nämlich gefordert, als die Direktion des Hauses der Kunst den Highlights in diesem Jahr einiges vom ohnehin nicht üppigen Platz abzwackte. Trotz der mit 48 Teilnehmern leicht gesunkenen Ausstellerzahl hieß es zusammenrücken. Highlights-Begründer Konrad Bernheimer macht es vor, er installierte einen repräsentativen Ausschnitt seines Altmeisterangebots und hängte Johann Philipp Hackerts prächtiges Gemälde in den Weinbergen rastender Bauern mit Blick auf den Golf von Pozzuoli (um 1 Million Euro) einträchtig neben eine barocke Salzburger Prunkkanne aus dem dunklen Horn des Steinbocks (360.000 Euro): Diese mit Schnitzerei von Martin Gizl überzogene Rarität gehört in Georg Laues diesmal mit „Exotica“ gefüllte Kunstkammer. Deren modernes Pendant ist das Wissenschaftliche Kabinett von Simon Weber-Unger. Er ging dem Thema „Reise“ nach und breitet nun erhellende, auch kuriose, jedenfalls fesselnde Bildzeugnisse von Entdecker- und Forschertouren aus - wie eine Fotografie von Erzherzog Franz Ferdinand, der in Ceylon lässig den Fuß auf dem von ihm erlegten Elefanten abstellt (3800Euro).
In der Statistik dieser Messe liegt Skulptur vorn - und die Allianz von Böhler aus Starnberg und Blumka aus New York trägt dazu bei mit einer phantastisch schönen, gotischen Madonna im blau-goldenen Mantel oder mit Elfenbein-Kleinodien wie der heiligen Magdalena des Brüsselers Frans van Bossuit aus dem späten 17. Jahrhundert (220.000 Euro). Eine meisterliche Kleinplastik zeigt Walter Padovani, Mailand: Den muskelbepackt unsichtbare Verführer abwehrenden, muskelbepackten heiligen Hieronymus aus Wachs formte ein süddeutscher Künstler wohl nach einer verlorenen Figur von Georg Petel (45.000 Euro).
Padovani ist einer von siebzehn Teilnehmern aus dem Ausland und erstmals dabei, ebenso der Bamberger Händler Christian Eduard Franke, der vom Postpalast herüber wechselte und nun das Spektrum der Möbel und Einrichtungsgegenstände verstärkt. Liebhaber von Arbeiten auf Papier erwartet ein Dorado, angefangen bei Altmeisterblättern bei Katrin Bellinger bis zu Zeitgenössischem an Florian Sundheimers so puristischem wie exquisit gehängtem Stand, wo ein Münchner Museum sich bereits eine frühe Zeichnung von Avramidis sicherte. Fragt man Thole Rotermund nach seinem persönlichen Liebling, nennt er Feiningers schwarze Tuschfederzeichnung kubistisch zersplitterter „Segelschiffe und Regenbogen“, die zum Funkeln keiner Farbe bedarf (68.000 Euro). Gegenüber lauert bei Moeller neben Liebermanns Prachtzeichnung „Pferdebändiger“ ein breitmäuliges Krokodil aus Ostafrika von Wilhelm Kuhnert (15.000 Euro), etwas günstiger sind dessen hungrige Rabengeier.
Die Galerie Arnoldi-Livie, der man zum vierzigjährigen Jubiläum gratulieren darf, mischt das zeichnerische Stammprogramm - dort glänzt ein Studienblatt Hans von Marées’ zum „Ganymed“-Gemälde in Münchens Neuer Pinakothek (65.000 Euro) - mit Ölbildern: Marktfrisch kam Anita Rées Porträt des Autors Albert Malte Wagner von 1920 aus Amerika nach München (68.000 Euro). Die Hamburger Malerin bereichert die von der Galerie Thomas oder auch von Schlichtenmaier auf hohem Niveau repräsentierte Klassische Moderne.
Die Kunst-MesseMünchen im Postpalast etabliert ihr geschliffenes Profil einer hochklassigen, dabei besucherfreundlich breitangelegten Veranstaltung mit jetzt 51 Teilnehmern. Der Gang durch die Zeiten bis zur Nachkriegsmoderne startet im Alten Ägypten, passiert, bei Blue Elephant aus Maastricht, das Südostasien des 17. Jahrhunderts mit einem Lack-Buddha aus einer Höhle im Grenzgebiet von Laos und Burma und präsentiert an der Strecke jede Menge feines Kunsthandwerk: Silbergerät, historischen Schmuck und, ein Schwerpunkt, Möbelkunst; man sieht Albrecht Neuhaus bestätigt. Denn der Würzburger Händler, seinerzeit Initiator der Postpalast-Messe gemeinsam mit den Kollegen aus Bamberg, zitiert einen deutschen Museumsmann mit den Worten, der Kunsthandel tue hierzulande derzeit mehr für die Pflege der Angewandten Kunst als die Museen.
Angesichts der Forschungs- und Katalogarbeit, die so mancher engagierte Händler auf diesem Gebiet leistet, und angesichts der Fokussierung vieler öffentlicher Museen auf zeitgenössische GroßmannsKunst stimmt man ihm zu. Neuhaus, der seinen frankophil geprägten Auftritt mit einem Set von fünf, nach französischem Vorbild für einen Grafen zu Leiningen gefertigten Silberleuchtern (120.000 Euro) rundet, gelang es, das Leipziger Grassi-Museum für eine Sonderschau zu gewinnen. Das rot ausgeschlagene Kabinett dieser Hochburg besten Kunsthandwerks wäre allein schon einen Messebesuch wert und nimmt einen feinen roten Faden auf, den Sachsen durch die Hallen zieht.
Da präsentiert die Dresdner Galerie Augustus Rex ein entzückendes Temperaporträt der Prinzessin Katharina von Braunschweig-Grubenhagen von Cranach d. J. (570.000 Euro), und Elfriede Langeloh kann eine der raren kleinen Porträtstatuetten Augusts des Starken im polnischen Krönungsornat anbieten, die der König in Meissen orderte und die als erste europäische Porzellanfigur gilt (65.000 Euro). Oder die Galerie Döbele rückt den Dresdner Expressionisten Otto Lange mit dem kraftvollen farbigen Holzschnitt-Unikat „Mädchen mit Ente“ von 1918 ins Licht (31.000 Euro).
Der Bamberger Trupp bringt westlichere Regionen ins Spiel: Sengers bezaubernder Neuzugang, eine spätgotische Skulptur der heiligen Elisabeth mit Brotkörbchen, stammt aus Mitteldeutschland (145.000 Euro); bei Wenzel wartet ein großes süddeutsches Lüsterweibchen mit lebendigem Ausdruck auf einen neuen Platz (19.000 Euro), und Vater und Sohn Schmitz-Avila stellen ihren rocaillen- und kapitellverzierten Trierer Schreibschrank auf, dessen elegante Proportionen auch normal große Wohnungen nicht überstrapazieren (120.000 Euro). Ein charmanter Akzent liegt auf bürgerlicher Kultur - zum Beispiel der Biedermeierzeit, welche die Galerien Britsch, Meletta und Boatzsch mit üppigen Mobiliar-Angeboten pflegen, auf ihren Ständen ist Kirschholz Trumpf. Auch Bauernmöbel kommen nicht zu kurz, denn Walter Moskat brachte Behagliches aus Österreich mit. „Der große Gewinner dieser Situation ist der Besucher“ resümiert Walter Senger, „er kann in derselben Stadt in aller Ruhe drei schöne Messen genießen.“