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Münchner Messen Das großzügige Salonmodell kommt sehr gut an

22.10.2011 ·  München berauscht sich gern und überschwänglich an Kunst. Jetzt gibt es dort vier Messen gleichzeitig. Für jeden ist etwas dabei, ob alt, ob neu - und sogar ein wenig Volksnähe.

Von Brita Sachs, München
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© Galleria W. Apolloni Laokoon sieht immer gut aus: Vincenzo de' Rossi hat die Gruppe um 1584 noch einmal in Marmor gehauen, gut zwei Meter hoch. Die Galerie Apolloni aus Rom präsentiert das Werk bei den Highlights für 1,9 Millionen Euro

Barocke Ekstasen sind nun einmal Teil des Münchner Wesens. In seiner Neigung zu Überschwang und Inszenierung fordert es immer neue Genüsse ein - um sich, gleich einer Made im Speck, gelegentlich daran zu überfressen. Ohnehin herrscht hier dank einmaliger Dichte an Museen, Ausstellungsinstituten und Galerien ja nie Mangel an besten Kunstprogrammen. Und nun finden in dieser Stadt auch noch vier Messen statt - gleichzeitig. Die parallele Terminierung der zum Teil noch jungen Veranstaltungen ist neu und will noch erprobt werden. Zumal die Schere sich weit spreizt zwischen Antiquitäten und arrivierter Kunst einerseits - bedient von den Messen im Haus der Kunst, im Postpalast und am Nockherberg - und andererseits zeitgenössischer Kunst auf der Munich Contempo, im Schulterschluss mit Münchner Galerien, die ein besonderes „Kunstwochenende“ abhalten.

Der Grund für diese Ballung residiert im Haus der Kunst: Von der Anziehungskraft der Highlights nämlich wollen alle profitieren. Diese kompakte Messe mit internationalem Flair und höchstem Güteanspruch bekräftigt mit der zweiten Ausgabe ihre Führungsrolle unter den deutschen Kunstmessen. Weiter perfektioniert wurde das subtile Zusammenspiel von Kunst vieler Jahrhunderte in offenen eleganten Salons, die überall Durch- und Rundblicke auf spannende Dialoge gestatten, wo 54 kooperationsfreudige Aussteller das Optimum aus wenig Platz holen.

Eine Schale für den Waidmann

Hendrik van Balens „Heilige Familie mit Johannesknaben“ etwa, von Jan Brueghels d. J. duftiger, von Insekten frequentierter Blumengirlande umschlungen (850.000 Euro), harmoniert inmitten von Konrad O. Bernheimers Gemäldephalanx in einer tiefroten Herzkammer der großen Halle mit einer Anna Selbdritt, die um 1460 in Burgund ihre ungemein realistischen, bäuerlichen Gesichtszüge gemeißelt bekam; sie ist für 450.000 Euro bei Blumka und Böhler zu haben. Dass Skulptur neuerlich eine Stärke der Highlights abgibt, unterstreichen Mehringer & Benappi nicht zuletzt mit einem kontemplativen gotischen Reliefköpfchen des heiligen Johannes aus Alabaster. Und jeden Besucher dürfte der Stand der Galerie Apolloni aus Rom anziehen, wo Vincenzo de’ Rossis weißmarmorne Laokoon-Gruppe aufragt: Um 1584 versuchte der Schüler des Baccio Bandinelli, die 1506 ausgegrabene römisch-antike Skulptur nochmals dramatisch zuzuspitzen; 1,9 Millionen Euro kostet das Werk.

Unendlich viel gibt es zu entdecken: Was Kunsthandwerker aus Blutjaspis zu schnitzen vermochten, zeigt der Kunstkammerspezialist Georg Laue mit einer Augsburger Tazza, erlesen gefasst mit Silber und Email. Hinter einer gewaltigen Louis-XV.-Boiserie, die vom Pariser Händler Steinitz kommt, öffnet sich Röbbigs Reich rarer Porzellane. Heribert Tenschert installiert eine prachtvolle Zimelienbibliothek, in Helga Matzkes Silbervorräten glänzt eine extrem seltene Augsburger Jagdschale für den Waidmann (80.000 Euro), und bei Mühlbauer beeindrucken Malachit-Vasen und ein Guéridon mit Lapislazuli-Platte für den russischen Hof. Liebhaber von Zeichnungen lassen sich auf gar keinen Fall Ingres’ hinreißende „Comtesse Amédée de Pastoret“ (850.000 Euro) bei Coatelem entgehen.

Neun Barockbildern von Johann Heiss

Einen der Höchstpreise auf dieser Versammlung von Spitzenwerten hält Picasso: 4,5 Millionen Euro erfordert seine „Femme dans l’atelier“ von 1956 bei Salis & Vertes: Die Salzburger Galerie und der Kölner Antikenhändler Gordian Weber schufen eine 4000 Jahre überspannende Allianz im Nebeneinander von Max Ernsts vollmondbeherrschtem „Trugbild“ und einer großen runden Ritualscheibe aus dem antiken Baktrien. Aufregend gelangen Dialoge zwischen einer trommelnden Fetischfigur der Fante in Ghana und modernen Bildhauern wie Avramides, inszeniert von den Galerien Dierking und Florian Sundheimer.

Die neu hinzugewonnene Bremer Galerie Neuse trug eine Gruppe von neun Bildern des Augsburger Barockmalers Johann Heiss zusammen (70.000 bis 230.000 Euro) und stellt französische Möbel vom Kollegen Aveline aus Paris dazu. Als weiterer Neuzugang bringt die Wiener Galerie Bienenstein Khmer-Skulptur ins Münchner Spiel; bereits verkauft ist ihr herrlicher Rama aus dem 10. Jahrhundert. Gleiches gilt für zwei Beckmann-Aquarelle mit Stefan-Lackner-Provenienz, deren Platz bei Thomas nun eine exquisite Aquarellstudie Kandinskys von 1915/16 einnimmt.

Unter den Blicken von Löwen

Die meisten renommierten deutschen Händler, die nicht an den Highlights teilnehmen, treffen sich im Postpalast zur 56. Kunst-Messe München. Hier decken 45 Aussteller ein breites, ebenfalls mit der Antike startendes Spektrum ab; Möbel und Einrichtung bilden Schwerpunkte. Etwas gediegener ist der Gesamteindruck, Volkskunst hat größere Chancen, ebenso Biedermeier oder Weichholzmöbel, jedenfalls wenn es sich um die gotische Truhe mit schwarzroter Fassung handelt, wie Pöll aus Kufstein sie aufstellt. In dem attraktiven Rotundenbau steht man weiter zum klassischen Auftritt in der Koje.

Albrecht Neuhaus aus Würzburg richtete die Seine gewohnt hochklassig ein. Dabei sticht ein goldgefasster Rokokospieltisch nach Entwurf Johann Wolfgang von der Auweras hervor, bestellt von Friedrich Karl von Schönborn er ist mit vier Löwenköpfen auf rasant geschwungenen Beinen geschmückt (90.000 Euro). Auch bei Christian Eduard Franke ist der Knüller ein Möbel: ein kolossaler Tabernakelsekretär, 1740 angefertigt für Coelestin I., Abt des Klosters Kaisheim, und mit dessen Wappentier, einer Art Seepferdchen, herausgeputzt (285.000 Euro).

Antiquitäten mit Wiener Flair

Trouvaillen bietet auch die Malerei. So hat Senger aus Bamberg eines der kleinen Porträttondi Martin Luthers gehängt, von denen Lucas Cranach d. Ä. mehrere anfertigte - zu Werbezwecken für den neuen Glauben; doch 580.000 Euro kostet dieser Schatz mit dem Wappen der Großherzöge von Mecklenburg-Schwerin. Eine verschollene Frankenthaler Schlittengruppe aus der Hofkonditorei Kurfürst Karl Theodors im Mannheimer Schloss fand Elfriede Langeloh wieder (42.000 Euro). Wiener Flair in die Halle bringen Möbel von Josef Hoffmann und Kunst von Schiele, Klimt und Walde durch den Stand von Kovacek und die Galerie an der Albertina.

Wenn man dann bei Thomas Schneider Johann Sperls ungewöhnlich helles und heiteres Bild „Spielende Kinder unter blühenden Obstbäumen“ (28.000 Euro) genossen hat, sind es nur noch ein paar Schritte bis zu den Zeitgenossen: Die Munich Contempo schließt in der „Säulenhalle“ des Postpalasts unmittelbar an, einem diesem Zweck sehr dienlichen Funktionsbau. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Contempo hat zugelegt, sowohl was das Niveau betrifft als auch die Zahl der nun 46 Galerien. Noch ist sie nicht am Ziel, aber mit großem Engagement konnte der Berliner Galerist Michael Schultz bereits Leo König und von Lintel aus New York gewinnen, aus Prag kam Jiri Svestka und aus Zürich die Hammer Gallery. Viel junge Kunst ist zu sehen - und noch viel mehr davon wartet in den Galerien in der Stadt.

Highlights. Im Haus der Kunst, bis 30. Oktober. Täglich geöffnet von 11 bis 19 Uhr, am 30. Oktober von 11 bis 18 Uhr. - Kunst-Messe München. Im Postpalast an der Wredestraße, bis 30. Oktober. Täglich geöffnet von 11 bis 19 Uhr, am 26. Oktober bis 22 Uhr. - Munich Contempo. Ebenfalls im Postpalast, Säulenhalle. Am heutigen Samstag, 22. Oktober, bis 19 Uhr, am Sonntag, 23. Oktober, bis 19 Uhr. - Kunst & Antiquitäten München. Im Paulaner am Nockherberg, bis 30. Oktober. Täglich geöffnet von 11 bis 19 Uhr, am 26. Oktober bis 21 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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