http://www.faz.net/-gqz-7w2sf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 08.11.2014, 13:00 Uhr

Münchner Kunstwoche Kleine und große Wunderwerke

München verwandelt sich im Herbst in ein Paradies für die Sammler schönster Kunst-Stücke. Die Messen in der Residenz und im Postpalast haben sich fest etabliert.

von Brita Sachs aus München

Zum zweiten Mal haben die „Highlights“ im Kaiserhof der Münchner Residenz ihr elegantes Zelt aufgeschlagen, um im Herzen der Stadt eine Kunst- und Antiquitätenmesse von herausragendem Niveau abzuhalten. Vom Hofgarten her und weiter über den imposanten Vierschäftesaal erreicht man dieses prall gefüllte, dabei angenehm übersichtliche Paradies der Kunst. „Museale Qualität“ klingt immer leicht altbacken, benennt aber tatsächlich die hochliegende Messlatte, nach der man sich hier streckt. Entsprechend zahlreich erschienen bereits zur Vernissage die Vertreter öffentlicher Sammlungen. 48 durchweg hochspezialisierte Aussteller, davon ein Drittel aus dem Ausland, beweisen im räumlichen Zusammenspiel wieder einmal dieses Faktum: Erstklassiges harmoniert, auch wenn Kontinente und Jahrhunderte die Entstehung trennen. Zum Beispiel der Stand, den Thomas von Salis und Dierk Dierking wie das Studiolo eines weltoffenen Sammlers gestalteten: Da harmoniert dann eine seltene, schwarzlackige, blütenüberzogene Fornasetti-Kommode von 1953 (68.000 Euro) mit Bildern von Dufy, Arnulf Rainer oder Graubner und desgleichen mit Afrikana, wie einer prächtigen Maske der kongolesischen Kuba aus der ehemaligen Kollektion Lorenz Eckert (140.000 Euro).

Der Sammler einer solchen Kombination würde wohl auch das um 1700 in England angefertigte Lackkabinett mit schimmernden Chinoiserien lieben, das Christian Eduard Frankes Stand schmückt (148.000 Euro). Ebenfalls reizen dürften ihn die ihrerseits exotikaffinen, bei den Galerien Vertes, Ludorff, Thomas und anderen bestens repräsentierten Expressionisten. Nicht zu versäumen: Franz Marcs hinreißendes Aquarell „Pferd und Rind“ (500.000 Euro) bei Thole Rotermund, oder auch Kirchners „Frau mit schwarzen Strümpfen“ von 1909, also aus allerbester Zeit, das die Galerie Schwarzer für 1,45 Millionen Euro anbietet. Einen Preis dieser Kategorie nennt auch die Blumka Gallery aus New York: Auf ihrem mit Bildhauerei erster Güte bestückten Gemeinschaftsstand mit Böhler inszeniert sie als feierlich beleuchteten Hingucker eine bezaubernde rheinische Madonna mit Kind aus der zweiten Hälfte des 14.Jahrhunderts. Erst im März dieses Jahres sah man die Schöne auf einer Neumeister-Auktion mit einem Erlös von rund 230.000 Euro ihre Taxe verzehnfachen. Spiegeln jetzt geforderte 1,2 Millionen Euro amerikanische Überhöhung gotischer Raritäten?

Den gleichen Betrag erwartet Bernheimer für eine „Küstenlandschaft im Mondschein“ Claude Joseph Vernets. Der Stand des Altmeisterhändlers bietet einen ungewohnten Anblick: Erstmals teilt er ihn mit seinen Töchtern. Blanca Bernheimer hängte eine Auswahl ihrer Fotokünstler, während die Künstleragentin Isabel Arrangements ihres Schützlings Jan Kuck zeigt. Doch auch der Patriarch selbst wagt neuerdings Schritte in die Gegenwart, englische Keramik und Werke des Pferdebildhauers Nic Fiddian-Green mischen das Potpourri weiter auf. Xaver Scheidwimmer, seinen Alten Meistern treu, hält ein ungewöhnliches Stillleben von Evert Collier bereit. Nach seinem Umzug nach London malte der Niederländer 1695 einen Schriftentisch mit Aktualitäten, wenn sich dort nicht nur King Williams III. Rede zur Parlamentseröffnung entrollt, sondern auch einer von zehn Bänden öffnet, die Madeleine de Scudéry ihrem vieldiskutierten Roman „Artamenes ou le Grand Cyrus“ widmete (138.000 Euro).

Abgemeldet hat sich für diese Highlights-Ausgabe Daxer & Marschall, dessen besondere Sicht auf die Romantik und das 19.Jahrhundert fehlen. Das gilt auch für die Antiken von Jean David Cahn, wiewohl dieses Segment auch Gordian Weber gewohnt eindrucksvoll vertritt. Gewissermaßen als architektonische Beigabe zeigt der Kölner Händler den Poseidontempel in Paestum – das aufsehenerregende Modell, im Maßstab eins zu fünfzig aus Kork von Dieter Cöllen gebaut, dem einzigen, der diese Technik aus Zeiten der Grands Tours noch beherrscht (30.000 Euro). Die Gunst frei gewordener Stände nutzt unter anderen Alexis Renard aus Paris, Spezialist für Wunderkammer-Objekte, insbesondere aus Asien und der islamischen Welt. Er zeigt einen Kabinettkasten mit feinster, ornamentaler Elfenbeinschnitzerei auf Schildpattunterlage, eine Arbeit, wie sie Ende des 16.Jahrhunderts portugiesische Händler im ceylonesischen Kandy-Reich in Auftrag gaben (180.000 Euro). Umberto Giacometti aus Rom präsentiert einen ersten Auszug aus vierhundert Werken aus dem Nachlass von Arthur Bryks (1890 bis 1940). Der in Polen geborene Maler jüdischer Herkunft kam in Zürich über den Maler Arthur Segal mit der Monte-Verità-Bewegung in Berührung und später mit der deutschen Avantgarde.

Die „Kunst-Messe München“ im Postpalast hat aus den Erfahrungen des vergangenen Jahres gelernt, wenn sie ihrer diesjährigen Laufzeit einige Tage Überschneidung mit den „Highlights“ einräumte, um dringend herbeigewünschte Synergieeffekte anzustoßen. Solche erwartet man sich auch bei De Eenhoorn aus dem holländischen Zaltbommel, denn Verkäufen wie der eines extrem seltenen gotischen Ofens stehen auf 75 dichtestgefüllten Quadratmetern noch viele Objekte gegenüber. Zu haben ist das imposante bronzene Leuchterpaar aus San Giovanni in Laterano, wie die Inschrift von 1649 besagt (18.500 Euro), oder auch ein seltener Narwalzahn aus dem 17. Jahrhundert (22.500 Euro). 37Aussteller bestücken das denkmalgeschützte Postgebäude mit einem breiten Spektrum an Malerei, Antiquitäten und Kunstgegenständen; ob allerdings ein rotes Mercedes-Cabriolet von 1938 und weitere Oldtimer bei Arthur Bechtel Classic Motors hier auf der richtigen Veranstaltung gelandet sind?

Mehr zum Thema

Exzellente Skulpturen stehen bei Senger, darunter drei kleinformatige barocke Groteskengruppen aus dem Umkreis Simon Trogers: zerlumpte Männergestalten beim Rauchen, Trinken, Kartenspiel in subtiler Schnitzerei aus Nussbaumholz und Elfenbein (je 85.000 Euro). Wer französische Möbel und Bilder des 18.Jahrhunderts sucht, wird bei Härtl fündig, wo ein Salontischchen mit teilkolorierter Blumenmarketerie und Stempel von „R. Lacroix“ mit 85.000 Euro ausgepreist ist. Gregor von Seckendorff kombiniert Einrichtungsgegenstände derselben Epoche mit Malerei der Zeit um 1900; Manet nannte die Gemälde von Elie Anatol Pavil „kleine Wunderwerke“, eines davon, eine herbstgoldene Landschaft am Kanalufer, gibt es schon für 11.700 Euro. Beide Messen lohnen den Besuch, denn Doubletten – und das ist etwas besonders Feines an den schönen wie den angewandten Künsten – sind nicht zu erwarten.

Die Hölle

Von Berthold Kohler

Der Einsatz der Bundeswehr in Mali verdient nicht nur dann Anerkennung und Aufmerksamkeit, wenn er Opfer fordert. Mehr 28

Zur Homepage