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Münchner Ergebnisse III : Herr Bierstadt malt am Golf

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Bei Neumeister konnten vor allem die Alte Kunst und das 19. Jahrhundert überzeugen - das teuerstes Los kam jedoch aus der Auktion mit Moderne und Zeitgenossen.

          Bei Neumeister begann die Frühjahrsrunde, wie sie endete: mit Alten Meistern, Kunsthandwerk und Kunst des 19. Jahrhunderts. Als verlässliche Grundpfeiler rahmten sie die Moderne-Suite; sie notierten die höchsten Ergebnisse. Als große Rarität funkelte in der Juli-Auktion eine Glasscheibe mit dem Bild von „Ioab et Achior“, die Recherchen zuvor mit hoher Wahrscheinlichkeit als Teil eines Chorfensters der Straßburger Thomaskirche ausmachen konnten. Das etwa 1270 in Schwarzlotmalerei ausgeführte Stück entfachte lebhaftes Engagement bei Bietern aus Frankreich und England, wohin es schließlich für 75 000 Euro (Taxe 30 000/50 000) ging. Knapp vier Jahrhunderte später malte Marten Rijckaert seine Paul Bril verpflichtete „Felslandschaft mit Reitern“, die mit 36 000 Euro in die Taxspanne traf. Eine kleine, über Jahrzehnte gebaute Sammlung von Tiffany-Lampen brachte amerikanische Bieter auf Trab, für eine hängende „Dragonfly“ und die Tischlampe „Poppy“ bewilligten sie die Taxen von 35 000 und 20 000 Euro.

          Tiefer geht es ins 19. Jahrhundert mit Malerei von Ferdinand Bellermann, dem Alexander von Humboldt 1842 ein Reisestipendium nach Venezuela verschaffte, wo er seinen romantischen Blick auf Puerto Cabello fixierte, der nun mit 40 000 Euro die untere Schätzung bestätigte. Desgleichen tat Gabriel von Max’ „Affenfamilie mit Kirschen“ bei 30 000 Euro, die preislich eine längere Reihe von Tierbildern anführt. Der Klagenfurter Oskar Mulley fand Fans für seine gespachtelten Alpenmotive: Die „Bergkapelle“ bekam für 30 000 Euro (12 000/15 000) einer von vielen Telefonbietern aus Österreich, der „Bergbauernhof“ bleibt für 26 000 Euro (20 000/25 000) in Deutschland. Weit Spektakuläreres aber sollte sich um eine Küstenlandschaft am Golf von Neapel im Abendlicht abspielen: Das Monogramm „AB“ ließ die Experten Albert Bierstadt als Autor des schönen Blicks auf Capri vermuten, den als Sohn deutscher Auswanderer mit amerikanischen Veduten berühmt gewordenen Landschafter. Dass so mancher diese Annahme teilte, lässt das in Minutenschnelle von tausend Euro auf 50 000 Euro rasende Ergebnis vermuten. Weit über die Einschätzung hinaus zog mit 26 000 statt 3000 Euro auch Johann Wilhelm Schirmers „Kastanienwald in italienischer Landschaft“. Gingen letztgenannte Bilder in deutsche Privathände, so freute man sich im Hessischen Landesmuseum Wiesbaden über den für 15 000 Euro (2000/ 2200) gelungenen Ankauf von Hans von Marées’ „Grablegung Christi“, entstanden nach Rembrandts Gemälde in Münchens Alten Pinakothek. Und noch ein Ausreißer: Das Porträtfoto von Giuseppe Verdi, das dieser 1899 signierte, vervierfachte seine Taxe auf 12 000 Euro.

          Die Moderne-Auktion nahm nach plätscherndem Start mit Hedwig Marquardts deutlich an Franz Marc angelehntem Ölbild „Rehe“ von 1915 Fahrt auf: Erst in jüngster Zeit findet die Malerei der später als Keramikerin Tätigen Würdigung - wie auch am Zuschlag bei 36 000 Euro für die auf 2000 bis 4000 Euro taxierten „Rehe“ abzulesen ist. Zehn Nummern später war Gabriele Münters Stillleben „Teetisch mit Blumenvase und Sofa“ von 1910, eines der hübschen Interieurdetails aus dem „Russenhaus“ in Murnau, mit 140 000 Euro (100 000/140 000) dabei.

          Insgesamt zeichneten viele Rückgänge und Vorbehalte den Verlauf, aber dann kam gegen Ende viel telefonisches Engagement. Zuerst für Tom Wesselmanns mit einer in wenigen Pinselansätzen auf die Leinwand gestrichenen „Blue Nude“ von 1999, die 180 000 Euro in die Kasse brachte, anschließend für Wesselmanns „Study for Standing Blue Nude“ (seltsamerweise ist eine Liegende abbildet), die auf 92 000 Euro (90 000/120 000) landete, und schließlich für Roy Lichtensteins „Red Lamps“, ein zwei Meter breites Unikat aus der „Interior“-Serie: Sein, der Schätzung folgender, Hammerpreis von 600 000 Euro machte dieses Werk zum teuersten der gesamten Münchner Saison.

          Quelle: F.A.Z.

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