http://www.faz.net/-gqz-758hr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.12.2012, 05:05 Uhr

Moscow World Fine Art Fair Leider keine Euphorie

Wiederbelebungsversuch mit Hindernissen: Der Moskauer internationale Kunstsalon hat Startschwierigkeiten. Noch am Eröffnungstag wird fleißig nachgebessert.

von , Moskau

Russlands Reiche und Schöne hatten lange darauf gewartet: Der exquisite internationale Moskauer Kunstsalon, der in den Boomjahren zu Anfang dieses Jahrzehnts allererste Galerieadressen und museumswürdige Hauptwerke in die russische Hauptstadt gezogen hat - nach 2008 aber der Krise zum Opfer gefallen war -, feierte in diesen Adventstagen seine Wiedergeburt. Sie geschah unter der neuen Regie der französischen Firma Group-ESI und auf dem verhältnismäßig nüchternen Industriemessegelände der Moskauer City.

Kerstin Holm Folgen:

Zu den aktuellen Ausstellern gehörten die Pariser Galerie De Jonckheere mit Pieter Brueghel d. J. und die Galerie Berko, ansässig in Knokke und Schanghai: Sie kam mit einem - für Moskau passenden - Salongemälde von Emil Schmidt-Werlin, auf dem Soldaten über den Roten Platz marschieren, aber auch mit einer rührend absurden Wochenbettszene vom belgischen Maler Jan Stobbaerts (1839 bis 1914), die, in der Innigkeit der dargestellten Mischlingshunde, beinahe feierlich stimmen mag. Stobbaerts ging als der „Poet der Ställe“ in die Annalen der Kunstgeschichte ein. Selbst früh verwaist, spiegelt er die menschliche Komödie am liebsten in der tierische. Sein charmantes kleines Werk stieß beim russischen Publikum jedenfalls auf lebhaftes Interesse, wie die Galerie Berko verlauten lässt.

Malerarbeiten zur VIP-Eröffnung

Die Moskauer„Academy of Arts“-Galerie wartete mit einem Akt von Tamara de Lempicka für dreißig Millionen Euro auf sowie mit zwei Kandinsky-Werken, „Roter Zickzack“ (20 Millionen Euro) und einem frühen Jugendstil-Sujet (10 Millionen Euro). Chowiaki aus New York brachte Marc Chagall und Otto Mueller mit, und das Auktionshaus Christie’s präsentierte Renaissance-Werke, die demnächst in New York versteigert werden, darunter eine Madonna mit Kind und Johannesknaben von Sandro Botticelli.

Mehr zum Thema

Doch wie schon vor zweihundert Jahren unter Napoleon hatten die Franzosen ihre Kräfte offenbar überschätzt, angesichts russischer Widrigkeiten. Bei der feierlichen V.I.P.-Eröffnung der Messe, wo potente potentielle Käufer mit ihren kunstliebenden stöckelnden Musen in Abendgarderobe durch den Pavillon paradierten, waren zentralasiatische Leiharbeiter noch dabei, Stellwände zu streichen, während millionenteure Bilder von Chagall oder Dalí an provisorischen Klammern oder gar nicht aufgehängt waren.

Weihnachtliche Euphorie kam gar nicht erst auf. Entsprechend hielt sich das erhoffte Publikum in den folgenden Tagen von dem - von Patrick Ourkade attraktiv gestalteten - Pavillon unwillig zurück: Was gedacht war als Neuauflage einer Allianz von erstklassigen Anbietern und ausgehungerten Kunden, brachte - sehr optimistisch gesehen - eine Katharsis für die Veranstalter, die durch Schaden klug geworden sein könnten.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Messen in Brüssel Verlass auf das Stammpublikum

Die Art Brussels gehört zu den etablierten Messen für Gegenwartskunst in Europa. Jetzt hat auch diese Schau ihre Satellitenmesse bekommen. Aus New York wird die Independent nach Belgien importiert. Sie versucht sich an einem alternativen Modell. Mehr Von Kolja Reichert, Brüssel

23.04.2016, 10:46 Uhr | Feuilleton
Sowjetische Arbeitslager Das Gulag-Museum in Moskau

In der russischen Hauptstadt Moskau hat ein Museum eröffnet, dass sich dem Grauen der sowjetischen Arbeitslager, der sogenannten Gulags, widmet. Die Verbrechen der Sowjet-Zeit werden im heutigen Russland nicht mehr geleugnet, doch unter Wladimir Putin werden Stalins Sieg über Nazi-Deutschland und seine Verdienste um die Industrialisierung stärker in den Vordergrund gerückt. Umso wichtiger ist das Museum, sagen Besucher. Mehr

06.05.2016, 07:50 Uhr | Feuilleton
Arte kippt Doku nach Protest Wie starb der Anwalt in Moskau?

Im November 2009 kam der Wirtschaftsprüfer Sergej Magnitski in einem Moskauer Gefängnis unter dubiosen Umständen ums Leben. Arte wollte die Geschichte kritisch beleuchten. Doch der Film wurde abgesetzt. Mehr Von Niklas Záboji

29.04.2016, 17:11 Uhr | Feuilleton
Video Gigantisches Gedenken an Juri Gagarin

Am 12. April 1961 flog Juri Gagarin als erster Mensch ins All. 55 Jahre später ehrten ihn Fans in der russischen Region Ryazan, südlich von Moskau: Die Künslter nutzten die Oberfläche eines gefrorenen Sees, um dem ersten Raumfahrer aller Zeiten Tribut zu zollen. In Russland wird der Kosmonaut Gagarin weiterhin als Held verehrt. Mehr

11.04.2016, 11:10 Uhr | Gesellschaft
Russisches Konzert in Syrien Propaganda von Panama nach Palmyra

Russlands Präsident Putin wirbt mit dem Auftritt eines russischen Orchesters in der befreiten Wüstenstadt Palmyra um Freunde im Westen. Assad und er selbst sollen als geringeres Übel im Kampf gegen den IS erscheinen – allen Luftangriffen zum Trotz. Mehr Von Friedrich Schmidt, Moskau

05.05.2016, 22:42 Uhr | Politik

Mutter Europa

Von Daniel Deckers

Sollte der diesjährige Karlspreis wie bisher einer Persönlichkeit gegolten haben, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht hat, so ist Papst Franziskus definitiv die falsche Wahl. Mehr 3 22